Seit zwei Jahren hat Deaf24 Gespräche mit zahlreichen gehörlosen Menschen geführt, Umfragen gemacht und Erfahrungen gesammelt. Dabei wurde deutlich: Viele Gehörlose fühlen sich von den offiziellen Strukturen – insbesondere den Landesverbänden und Vermittlungsstellen für Gebärdensprachdolmetschende (GSD) – im Stich gelassen. Ihre Sorgen werden nicht ernst genommen, und es fehlen konkrete Lösungen.
Wiederholte Absagen – trotz früher Anfrage
Viele Gehörlose berichten: Sie senden 10 bis 20 Anfragen an verschiedene GSD – und erhalten immer wieder dieselben Rückmeldungen: „Keine Kapazitäten“, „Nicht verfügbar“ oder gar keine Antwort. Selbst wenn eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher zusagt, bleibt die Unsicherheit: „Kommt er oder sie wirklich?“ In vielen Fällen sagen GSD kurzfristig ab – manchmal nur Stunden vor dem Termin. Die gehörlosen Auftraggeber stehen dann ohne Verdolmetschung da. Eine Entschädigung? Fehlanzeige.
Kernproblem: Fehlorganisation bei den Vermittlungsstellen
Deaf24 hat herausgefunden: Die GSD-Vermittlungsstellen können oft nicht mehr tun, als Anfragen an freiberuflich arbeitende Dolmetscher*innen weiterzuleiten – und dann zu hoffen, dass jemand antwortet. Es gibt keinen Überblick, keine Verfügbarkeitslisten, keine verbindlichen Regelungen. Das System ist chaotisch und völlig intransparent.
Laut Aussagen einiger Vermittlungsstellen gibt es auch kaum Rückmeldungen oder Beschwerden von Gehörlosenvereinen. Diese fehlende Rückkopplung verhindert Veränderungen – obwohl der Bedarf offensichtlich ist.
Viele Gehörlose buchen GSD direkt – warum eigentlich?
Weil die Vermittlungen unzuverlässig sind, kontaktieren viele Gehörlose ihre „Stamm-GSD“ direkt. Das ist zwar eigentlich nicht vorgesehen, aber oft der einzige Weg, um überhaupt an eine Dolmetschperson zu kommen. Die Vermittlungen wissen häufig nicht, wann und wo welche GSD verfügbar ist – und die Dolmetscher*innen selbst sind nicht verpflichtet, ihre Termine mitzuteilen. Als Grund wird häufig „Datenschutz“ genannt. Für viele Betroffene klingt das eher nach einer Ausrede.
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Stillstand bei den Landesverbänden
Deaf24 kritisiert: Viele Landesverbände und auch der Deutsche Gehörlosen-Bund reagieren nicht auf Hinweise und Kritik. Statt aktiv Lösungen zu suchen, wird auf angeblich „unveränderbare“ Gesetze verwiesen. Das frustriert viele engagierte Gehörlose.
Ein besonders negatives Beispiel: Der Landesverband Hessen plant erst für 2026 ein Treffen zur Verbesserung der Dolmetsch-Situation. Für viele Betroffene ist das zu spät – sie leiden jetzt unter den Problemen.
Deaf24 macht konkrete Änderungsvorschläge
Basierend auf umfangreicher Analyse schlägt Deaf24 mehrere Reformen vor:
1. Zentrale Vermittlungsstruktur mit Pflicht zur Rückmeldung
Alle Dolmetschenden sollen ihre Verfügbarkeit regelmäßig mitteilen. Die Vermittlungsstellen müssen über aktuelle Einsatzorte und Zeiten informiert sein. Der „Datenschutz“ darf dabei keine Blockade sein – denn auch bei Arztterminen oder Online-Shops ist das kein Hindernis.
2. Haftung bei kurzfristigen Absagen
Wenn ein Einsatz kurzfristig abgesagt wird, muss eine Entschädigung möglich sein – für beide Seiten. Gehörlose haben als Verbraucher ein Recht auf Verlässlichkeit.
3. Erweiterung der GSD-Listen
Derzeit dürfen nur staatlich geprüfte GSD in offiziellen Listen erscheinen. Deaf24 fordert: Auch qualifizierte Kommunikationshelfer*innen, z. B. Codas (Kinder gehörloser Eltern) oder erfahrene Freunde, sollen offiziell gelistet werden können. Das schafft mehr Wahlfreiheit – und erhöht den Druck auf GSD, zuverlässig und flexibel zu arbeiten.
4. Vergleich: GSD vs. Kommunikationshelfer
Staatlich geprüfte GSD kennen oft die Kultur der Gehörlosen nicht gut – sie besuchen kaum Veranstaltungen, viele dolmetschen „künstlich“. Kommunikationshelfer*innen dagegen kommen aus dem direkten Umfeld der Gehörlosen und beherrschen die Sprache oft natürlicher. Warum sollten sie nicht auch offiziell eingesetzt und bezahlt werden können?
Weitere Kritikpunkte
- Manche GSD sollen laut Aussagen von Betroffenen gezielt einzelne Gehörlose ausschließen.
- Gehörlose werden teilweise zur Unterschrift gedrängt, bevor die Leistung beginnt.
- Die Anfrageformulare der Vermittlungsstellen sind oft zu kompliziert und verlangen zu viele Daten – obwohl gar nicht klar ist, ob überhaupt jemand verfügbar ist.
Was muss sich ändern?
- Regionale Koordination: GSD-Einsätze sollen im Umkreis von maximal 30–50 km stattfinden, um Zeit und Kosten zu sparen.
- Faire Kostenverteilung: Es ist nicht hinnehmbar, dass 2 Stunden Fahrt und 1 Stunde Dolmetschen mehr als 300 Euro kosten.
- Abrechnung über zentrale Stellen: So wie Ärzte mit Krankenkassen abrechnen, sollen auch GSD über zentrale Stellen arbeiten – das vereinfacht vieles.
Fazit
Deaf24 fordert nicht radikale Umstürze, sondern konkrete, praxisnahe Verbesserungen.
Wir wünschen uns eine offene Zusammenarbeit zwischen Verbänden, Vermittlungsstellen und Dolmetschenden – immer im Interesse der Gehörlosen.
Deaf24 beobachtet weiterhin, dokumentiert, berichtet und wird auch juristische Wege nicht ausschließen, falls sich keine Besserung zeigt.
Das sind keine festgelegten Forderungen, sondern Verbesserungsvorschläge für einen Dialog zwischen Gehörlosenverbänden und GSD-Organisationen. Es ist wichtig, dass beide Seiten faire und gleichberechtigte Lösungen finden – Kompromisse gehören immer zum Streit.

