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Israël erkennt die Gebärdensprache an – ein Meilenstein für die Community

by info@deaf24.com

Die offizielle Anerkennung und Weiterentwicklung der israelischen Gebärdensprache (ISL) nimmt Fahrt auf. Seit 2022 gibt es erstmals an der Akademie der Hebräischen Sprache ein eigenes Fachreferat für ISL. Diese Entwicklung ist nicht nur für die Gehörlosen-Community in Israel ein bedeutender Schritt, sondern auch international von großer symbolischer Bedeutung. Sie zeigt, dass Gebärdensprachen als vollwertige, kulturell geprägte Kommunikationsmittel endlich den verdienten Platz in der Gesellschaft erhalten.

Ein Durchbruch für Sichtbarkeit und Gleichberechtigung

Als das Museum der David-Zitadelle in Jerusalem seine Ausstellungen für Menschen mit Behinderung, darunter auch Gehörlose, barrierefrei gestalten wollte, stieß es auf ein Problem: Begriffe wie „byzantinische Epoche“, „hasmonäisch“ oder „christlicher Pilger“ existierten bislang nicht in der israelischen Gebärdensprache. Der Kontakt zur Akademie der Hebräischen Sprache brachte schließlich die Lösung – mit Hilfe des neu geschaffenen Gebärdensprach-Referats unter Leitung von Doron Levy.

Die Aufgabe des Referats: Neue Gebärden für historische und kulturelle Begriffe zu entwickeln, in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus Geschichte, Archäologie und Linguistik. Dabei werden visuelle Symbole gewählt, die möglichst einfach und verständlich sind. Zum Beispiel steht für „Pilger“ nun eine Bewegung, die das Wandern mit einem Stock symbolisiert, in Kombination mit einem Kreuz. Der Begriff „Hasmonäer“ wurde durch die Darstellung einer antiken Krone ersetzt – inspiriert von alten Münzen dieser Epoche.

Laut Doron Levy verwenden derzeit rund 10.000 bis 20.000 Menschen in Israel die israelische Gebärdensprache – darunter Gehörlose, deren Angehörige, Lehrende und Dolmetscher. Trotz dieser Zahl hatte ISL lange keinen offiziellen Status und war in vielen Bereichen unsichtbar.

 

Eine Sprache mit Geschichte – und kultureller Bedeutung

Die Wurzeln der ISL reichen bis in die 1930er-Jahre zurück. Damals brachten Lehrer aus Berlin, die zuvor am Jüdischen Institut für Gehörlose gearbeitet hatten, die deutsche Gebärdensprache nach Jerusalem. Durch den Einfluss jüdischer Gemeinden aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten entwickelte sich im Laufe der Zeit eine eigenständige Gebärdensprache mit eigener Grammatik, Struktur und kulturellen Elementen. Heute ist ISL tief in der israelischen Gesellschaft verwurzelt – aber immer noch mit Herausforderungen konfrontiert.

Ein häufiges Missverständnis: ISL sei bloß eine visuelle Form des Hebräischen. Das stimmt nicht. Zwar beeinflusst das Hebräische manche Begriffe oder Lippenbewegungen, doch ISL besitzt eine völlig eigene Struktur und Syntax. Auch arabischsprachige Gehörlose in Israel nutzen ISL, dabei bewegen sie beim Gebärden oft die Lippen in arabischer Sprache.

Doron Levy betont, dass es in Israel heute mindestens sechs verschiedene Gebärdensprachen gibt – darunter etwa in Beduinengemeinden wie Al-Sayyid im Negev, wo viele Menschen aufgrund genetischer Faktoren gehörlos sind. Dennoch lernen immer mehr aus diesen Gruppen auch ISL, um sich über ihre Dörfer hinaus verständigen zu können.

 

Die Rolle der Akademie: Standardisierung und Aufklärung

Bis zur Gründung des Gebärdensprach-Referats war ISL in Israel nicht standardisiert. Je nach Region gab es verschiedene Gebärden für das gleiche Wort – z. B. in Tel Aviv und Haifa unterschiedliche Zeichen für „Krankenhaus“ oder „Schokolade“. Die Akademie will das ändern: Sie sammelt Begriffe, dokumentiert regionale Varianten und arbeitet an einem Online-Wörterbuch ISL–Hebräisch.

Die Arbeit des Referats bringt nicht nur Struktur in die Sprache, sondern auch Anerkennung. Levy sagt dazu: „Wenn ich den Menschen erzähle, dass ich in der Akademie arbeite, sind sie sehr beeindruckt. Das zeigt ihnen: Unsere Sprache wird endlich ernst genommen.“

Auch in der Politik hat sich etwas bewegt. 2021 trat mit Shirly Pinto erstmals eine gehörlose Abgeordnete ins israelische Parlament ein – und hielt ihre Antrittsrede in Gebärdensprache. Ihre Botschaft war klar: Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen dürfen nicht länger ignoriert werden.

 

Fazit: Ein wichtiger Schritt – aber noch viel zu tun

Die Einrichtung des Fachreferats für ISL an der Akademie der Hebräischen Sprache ist ein historischer Schritt. Sie gibt der Gehörlosen-Community Sichtbarkeit, Wertschätzung und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Doch der Weg zur vollständigen Gleichberechtigung ist noch lang. ISL hat bislang keinen offiziellen Status wie Hebräisch oder Arabisch. Viele Eltern hörgeschädigter Kinder kennen die Vorteile der Gebärdensprache nicht oder werden unzureichend beraten.

Doron Levy und sein Team wollen das ändern – mit Projekten, Schulungen, neuen Begriffen und digitalen Hilfsmitteln. Der geplante zweisprachige Online-Wortschatz ist ein Anfang. Damit alle Gehörlosen – ob jüdisch oder arabisch, ob aus der Stadt oder vom Land – gleichberechtigt teilhaben können.

Tipp für die Deaf-Community:

  • Unterstützt Initiativen zur Anerkennung der Gebärdensprache.
  • Fordert mehr Bildungsangebote in ISL.
  • Nutzt Online-Plattformen wie Wörterbücher und Gebärdenvideos.
  • Macht auf regionale Unterschiede aufmerksam – nur gemeinsam kann eine starke, einheitliche Gebärdensprachkultur entstehen.

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