Der Landesverband Bayern der Gehörlosen steht in der Kritik. Deaf24 wirft ihm vor, seit der gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache im Jahr 2002 zu wenig getan zu haben, um Barrieren abzubauen. Statt auf einfache und effektive Lösungen zu setzen, scheint der Verband auf technische Hilfsmittel zu setzen, die oft nicht barrierefrei sind. Doch was genau läuft schief, und wie könnte es besser gemacht werden?
Was berichtet der Landesverband?
Der Landesverband Bayern der Gehörlosen hat kürzlich über ein Treffen zwischen Thomas Hetterich, Beauftragter für Barrierefreiheit, und Daniel Büter vom Landesverband Bayern der Gehörlosen berichtet. Dabei wurden verschiedene Themen diskutiert, darunter die Einrichtung einer Fachstelle für Barrierefreiheit, digitale Barrierefreiheit, Gebärdensprache-Avatare und gesetzliche Regelungen wie der European Accessibility Act (EAA). Der Verband begrüßt die Erweiterung des Beraterteams durch Gebärdensprache-Experten und sieht den Austausch als konstruktiv und vielversprechend an.
Was bedeutet das?
Der Landesverband scheint den Schwerpunkt auf technische Lösungen wie digitale Barrierefreiheit und Gebärdensprache-Avatare zu legen. Diese sollen helfen, Barrieren abzubauen und die Kommunikation für gehörlose Menschen zu erleichtern. Allerdings gibt es Kritik daran, dass diese technischen Hilfsmittel oft nicht wirklich barrierefrei sind und die persönliche Kommunikation in Gebärdensprache nicht ersetzen können.
Deaf24 kritisiert den Landesverband
Deaf24 wirft dem Landesverband vor, seit der gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache im Jahr 2002 keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen zu haben. Statt auf technische Hilfsmittel zu setzen, hätte der Verband längst Mitarbeiter in Behörden einsetzen sollen, die Gebärdensprache beherrschen. Dies wäre eine kostengünstige und effiziente Alternative zu den aktuellen Praktiken, bei denen oft lange Wartezeiten für Gebärdensprachdolmetscher (GSD) in Kauf genommen werden müssen.
- Keine Avatare, sondern persönliche Kommunikation: Gehörlose wollen keine unpersönlichen technischen Hilfsmittel wie Avatare, die oft nicht barrierefrei sind. Sie haben ein Recht auf persönliche Kommunikation in Gebärdensprache durch Behörden. Im Vergleich zu Hörenden, die direkt mit Behörden telefonieren können, sind Gehörlose oft auf umständliche Dolmetscherdienste angewiesen.
- Leichte Sprache und Gebärdensprache in Behörden: Gehörlose brauchen Informationen in leichter Sprache, um sie besser verstehen zu können. Bei der Einstellung neuer Behördenmitarbeiter wird oft nach Fremdsprachen wie Englisch oder Französisch gefragt, aber nicht nach Kenntnissen in Gebärdensprache oder im Umgang mit Hörbehinderten. Dies zeigt, dass die Bedürfnisse gehörloser Menschen in der Personalpolitik oft ignoriert werden.
Auch Krankenhäuser, Notaufnahmen und Polizei sind betroffen
Die Probleme der Barrierefreiheit beschränken sich nicht nur auf Behörden. Auch in Krankenhäusern, Notaufnahmen und bei der Polizei gibt es erhebliche Defizite. Gehörlose Menschen haben oft Schwierigkeiten, in Notfällen angemessen versorgt zu werden, da es an Gebärdensprachdolmetschern barrierefreien Kommunikationsmöglichkeiten fehlt.
- Notaufnahmen: In Notaufnahmen kommt es häufig zu langen Wartezeiten und unzureichender Kommunikation. Gehörlose Patienten sind oft auf Dolmetscher angewiesen, die nicht immer sofort verfügbar sind. Dies kann in Notfällen lebensbedrohlich sein.
- Polizei: Bei der Polizei fehlt es oft an Schulungen im Umgang mit gehörlosen Menschen. Dies führt zu Missverständnissen und kann die Sicherheit gehörloser Personen gefährden.
Öffentlicher Dienst mit rund 5 Millionen Beschäftigten
In Deutschland arbeiten über 5 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst, darunter Behörden, Polizei und über 500.000 Gesundheitspersonal in Krankenhäusern und Notaufnahmen. Trotz dieser enormen Zahl gibt es nur sehr wenige, die Gebärdensprache beherrschen oder im Umgang mit gehörlosen Menschen geschult sind. Dies ist ein alarmierendes Zeichen dafür, dass die Bedürfnisse gehörloser Menschen im öffentlichen Sektor weitgehend ignoriert werden.
- Kaum Gebärdensprachkenntnisse: Es ist erschreckend, dass in einem Land mit so vielen Beschäftigten im öffentlichen Dienst so wenige Mitarbeiter die Gebärdensprache beherrschen. Dies führt dazu, dass gehörlose Menschen oft nicht angemessen betreut werden können.
- Mangelnde Zusammenarbeit: Es stellt sich die Frage, ob die Gehörlosenverbände und Landesverbände ausreichend mit Behörden, Krankenhäusern der Polizei zusammenarbeiten. Wenn ja, warum gibt es dann so wenig Fortschritte in Sachen Barrierefreiheit? Wofür gibt es Beratungsstellen für Gehörlose, wenn ihre Empfehlungen nicht umgesetzt werden?
Bürokratische Hürden, aber keine Gebärdensprache
In Deutschland sind die bürokratischen Hürden bekanntlich sehr hoch. Doch während die Bürokratie oft als schwerfällig und kompliziert kritisiert wird, gibt es eine Hürde, die noch größer ist: die mangelnde Barrierefreiheit für gehörlose Menschen.
- UN-Behindertenrechtskonvention: Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen, einschließlich gehörloser Menschen, schützen soll. Doch die Umsetzung dieser Konvention lässt in vielen Bereichen zu wünschen übrig. Gebärdensprache, die als zentrales Kommunikationsmittel für gehörlose Menschen gilt, wird in Behörden und öffentlichen Einrichtungen immer noch nicht ausreichend gefördert.
- Fehlende Umsetzung: Trotz der gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache im Jahr 2002 und der Verpflichtungen aus der UN-Konvention gibt es kaum Fortschritte. Gehörlose Menschen haben weiterhin Schwierigkeiten, Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen zu erhalten, weil Gebärdensprache in Behörden, Krankenhäusern und bei der Polizei nicht ausreichend genutzt wird.
Deutschland hinkt hinterher
Deutschland und insbesondere die Gehörlosen-Landesverbände liegen in Sachen Barrierefreiheit weit zurück. Während Hörende direkt mit Behörden telefonieren können, sind Gehörlose auf umständliche Dolmetscherdienste angewiesen. Es fehlt an grundlegenden Maßnahmen, um die gesetzlichen Anerkennungen der Gebärdensprache in die Praxis umzusetzen.
- Gesetzliche Anerkennung nicht umgesetzt: Obwohl die Gebärdensprache seit 2002 als Minderheitensprache anerkannt ist, wird sie in Behörden und öffentlichen Einrichtungen oft nicht ausreichend genutzt. Stattdessen wird weiterhin auf externe Dolmetscherdienste gesetzt, was nicht nur teurer ist, sondern auch weniger effizient.
- Fehlende Schulungen und Sensibilisierung: Es gibt zu wenig Schulungen für Behördenmitarbeiter im Umgang mit gehörlosen Menschen. Viele Mitarbeiter wissen nicht, wie sie mit gehörlosen Personen kommunizieren sollen, was zu Missverständnissen und Frustration führt.
Was muss sich ändern?
Um die Situation zu verbessern, sind mehrere Maßnahmen notwendig:
- Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern in Behörden und Krankenhäusern: Behörden und Krankenhäuser sollten qualifizierte Gebärdensprachdolmetscher einsetzen, um eine effektive Kommunikation zu gewährleisten. Dies sollte nicht nur auf Anfrage geschehen, sondern als Standardpraxis etabliert werden.
- Schulung von Mitarbeitern: Mitarbeiter in Behörden, Krankenhäusern, Notaufnahmen und bei der Polizei sollten in Gebärdensprache und im Umgang mit gehörlosen Menschen geschult werden. Dies würde die direkte Kommunikation erleichtern und Wartezeiten für Dolmetscher reduzieren.
- Leichte Sprache und visuelle Kommunikation: Informationen sollten in leichter Sprache und visuellen Formaten (z.B. Videos in Gebärdensprache) bereitgestellt werden, um den Zugang zu Informationen zu verbessern.
- Barrierefreie Gesundheitsversorgung: Im Gesundheitswesen sollten sichtbare Benachrichtigungssysteme (z.B. Bildschirme statt Lautsprecher) und qualifizierte Dolmetscher für Gebärdensprache Standard sein, um die Kommunikation zwischen Ärzten und gehörlosen Patienten zu verbessern.
Fazit:
Der Landesverband Bayern der Gehörlosen muss dringend handeln. Statt auf technische Hilfsmittel zu setzen, die oft nicht barrierefrei sind, sollten Mitarbeiter in Behörden, Krankenhäusern und bei der Polizei geschult werden, die Gebärdensprache beherrschen. Dies wäre eine einfache und kostengünstige Lösung, um die Kommunikation mit gehörlosen Menschen zu verbessern. Deutschland und die Landesverbände müssen endlich aufholen, um echte Barrierefreiheit zu schaffen. Es ist an der Zeit, die gesetzlichen Anerkennungen der Gebärdensprache in die Praxis umzusetzen und die Bedürfnisse gehörloser Menschen ernst zu nehmen.Läuft wirklich alles so schief? Die Antwort scheint leider ja zu sein. Es gibt viel zu tun, um die Situation gehörloser Menschen in Deutschland zu verbessern. Die Verantwortlichen müssen jetzt handeln, um echte Inklusion und Barrierefreiheit zu schaffen.Wo bleibt die Gebärdensprache, die laut UN-Konvention umgesetzt werden sollte? Es ist höchste Zeit, dass Deutschland seine Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention ernst nimmt und Gebärdensprache in allen öffentlichen Bereichen fördert.

