Eine gehörlose Frau Angelina kritisiert in einem Video, dass Büchereien kaum Bücher zum Erlernen der Gebärdensprache anbieten. Sie sieht darin ein mangelndes Interesse der Hörenden. Doch ist die Situation wirklich so einfach? Auch Gehörlose müssen sich Fragen nach ihrem eigenen Engagement, ihrer Kommunikation und ihrer Solidarität mit anderen Menschen mit Behinderungen stellen.
Angelinas Kritik an fehlenden Büchern
Eine gehörlose Frau namens Angelina spricht in einem Video über ein wichtiges Thema: das Erlernen der Gebärdensprache.
Sie berichtet, dass sie in Büchereien keine Bücher zum Erlernen der Gebärdensprache findet. Deshalb fragte sie eine Verkäuferin, warum solche Bücher nicht angeboten werden.
Die Antwort lautete sinngemäß: Es gebe keine entsprechenden Anfragen.
Angelina kritisiert daraufhin, dass Hörende offenbar wenig Interesse daran hätten, Gebärdensprache zu lernen und mit gehörlosen Menschen besser zu kommunizieren.
Gleichzeitig meint sie, dass auch Gehörlose zu wenig für ihre eigene Sprache tun und zu wenig auf dieses Problem aufmerksam machen.
Ihre Kritik wirft wichtige Fragen auf. Allerdings sollte man die Situation aus mehreren Perspektiven betrachten.
Bücher sind nicht der einzige Weg zum Lernen
Man kann nicht einfach behaupten, dass Hörende keine Bücher über Gebärdensprache kaufen oder kein Interesse daran haben.
Die Lernangebote haben sich verändert. Neben gedruckten Büchern gibt es inzwischen zahlreiche digitale Möglichkeiten. Dazu gehören Online-Wörterbücher, Lernprogramme, Apps und Videos mit Tutorials.
Gerade Videos haben beim Erlernen der Gebärdensprache einen besonderen Vorteil. Sie zeigen die tatsächlichen Handbewegungen, die Geschwindigkeit, die Mimik und die Körperhaltung.
In einem gedruckten Buch lassen sich diese Bewegungen nur begrenzt darstellen. Videos können dagegen zeigen, wie eine Gebärde richtig ausgeführt wird und wie Bewegungsabläufe in der Praxis aussehen.
Natürlich ersetzen Videos nicht den persönlichen Kontakt. Der Austausch mit gebärdensprachlichen Menschen und der direkte Unterricht bleiben wichtige Bestandteile des Lernens.
Deshalb sollte man nicht nur auf Bücher schauen, sondern auch die digitalen Lernangebote berücksichtigen.
Wenn Büchereien zu wenige Bücher anbieten, können Interessierte auch konkrete Anschaffungswünsche äußern. So lässt sich feststellen, ob tatsächlich eine Nachfrage besteht.
Was können Gehörlose selbst unternehmen?
Angelina spricht auch darüber, dass Gehörlose selbst zu wenig für ihre Sprache tun.
Dieser Gedanke verdient eine Diskussion. Aber wir möchten auch eine Gegenfrage stellen:
Wo sind Deine eigenen Taten, Angelina?
Was hast Du selbst unternommen, um Gebärdensprachbücher und Lernangebote bekannter zu machen?
Hast Du Büchereien angeschrieben? Hast Du konkrete Bücher oder digitale Lernangebote vorgeschlagen? Hast Du versucht, gemeinsam mit anderen Gehörlosen eine Initiative zu starten?
Nur Missstände in einem Video anzusprechen, verändert noch nichts.
Wer mehr Interesse an der Gebärdensprache erreichen möchte, kann selbst aktiv werden. Gehörlose können beispielsweise Hörende zu Gebärdensprachkursen einladen, kostenlose Lernangebote bekannt machen oder gemeinsam mit Büchereien nach passenden Medien suchen.
Kritik ist wichtig. Aber konkrete Vorschläge und eigenes Engagement sind ebenso wichtig.
Müssen alle Hörenden Gebärdensprache lernen?
Angelina vermittelt in ihrer Kritik den Eindruck, dass Hörende Gebärdensprache lernen sollten, um mit Gehörlosen besser kommunizieren zu können.
Aber ist diese Erwartung nicht zu hoch?
In Deutschland leben schätzungsweise 80.000 gehörlose Menschen. Das entspricht ungefähr 0,1 Prozent der Bevölkerung und nicht einem Prozent.
Etwa 200.000 Menschen nutzen die Deutsche Gebärdensprache. Dazu gehören auch schwerhörige und hörende Menschen aus dem familiären und sozialen Umfeld gehörloser Menschen.
Diese Zahlen zeigen, dass die Gebärdensprachgemeinschaft eine vergleichsweise kleine sprachliche Gruppe ist.
Es ist sinnvoll und wünschenswert, wenn mehr Hörende Gebärdensprache lernen. Aber man kann nicht von jedem einzelnen Menschen verlangen, diese Sprache zu beherrschen.
Hörende haben ihre eigene Lebenswelt, Sprache und Kommunikationsgewohnheiten. Sie müssen nicht automatisch die Gebärdensprachkultur übernehmen. Umgekehrt müssen Gehörlose akzeptieren, dass nicht jeder Hörende mit ihrer Kultur vertraut ist oder Gebärdensprache sprechen kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Hörende die Gebärdensprachkultur ignorieren oder gehörlose Menschen ausschließen dürfen.
Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige und vollwertige Sprache. Sie ist seit 2002 im Behindertengleichstellungsgesetz anerkannt.
Quellen: ARD – Deutsche Gebärdensprache und Bundesfachstelle Barrierefreiheit.
Nicht jeder muss Gebärdensprache können – aber Barrieren müssen verschwinden
Aus unserer Sicht liegt der wichtigste Punkt nicht darin, dass jeder Hörende Gebärdensprache beherrschen muss.
Entscheidend ist, dass gehörlose Menschen im Alltag nicht ausgeschlossen werden.
Sie brauchen Zugang zu Behörden, Ärzten, Krankenhäusern, Bildung, Arbeitsplätzen und öffentlichen Informationen. Dafür sind geeignete Kommunikationsmöglichkeiten notwendig.
Das können beispielsweise schriftliche Kommunikation, E-Mail, Gebärdensprachdolmetscher, Kommunikationsassistenz oder digitale Angebote sein.
Dabei gibt es auch gesetzliche Verpflichtungen. Beispielsweise haben Menschen mit Hörbehinderungen nach § 9 Behindertengleichstellungsgesetz unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, mit Trägern öffentlicher Gewalt in Gebärdensprache oder über andere geeignete Kommunikationshilfen zu kommunizieren.
Das bedeutet: Nicht jeder Privatmensch muss Gebärdensprache lernen. Aber Barrierefreiheit darf nicht allein von der persönlichen Hilfsbereitschaft einzelner Hörender abhängig sein.
Quelle: § 9 BGG – Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen.
Kritik darf nicht immer nur in eine Richtung gehen
In solchen Diskussionen werden häufig nur die Hörenden kritisiert. Dabei wird eine andere wichtige Frage vergessen:
Wie viel Rücksicht nehmen Gehörlose selbst auf andere Menschen mit Behinderungen?
Menschen mit Behinderungen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Schwierigkeiten.
Rollstuhlfahrer benötigen beispielsweise barrierefreie Zugänge und Aufzüge. Blinde Menschen brauchen Orientierungshilfen und zugängliche Informationen. Gehörlose benötigen visuelle Kommunikation und barrierefreie Informationen.
Aber denken Gehörlose im Alltag auch ausreichend an die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern, blinden Menschen oder Menschen mit anderen Behinderungen?
Auch innerhalb der Behindertengemeinschaft fehlt manchmal das gegenseitige Verständnis. Nicht jede Gruppe kennt die Schwierigkeiten der anderen.
Natürlich kann man nicht allen Gehörlosen mangelnde Solidarität vorwerfen. Aber auch die Gehörlosengemeinschaft sollte sich kritisch fragen, wie viel Aufmerksamkeit sie den Bedürfnissen anderer Menschen mit Behinderungen schenkt.
Solidarität darf keine Einbahnstraße sein. Wer selbst Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe fordert, sollte auch die Bedürfnisse anderer Menschen mit Behinderungen ernst nehmen.
Kommunikation: Beide Seiten müssen aufeinander zugehen
Angelina kritisiert in ihren Beiträgen häufig sehr scharf das Verhalten hörender Menschen. Dabei geht es auch um die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen.
Beispielsweise lehnt sie das Mundablesen offenbar deutlich ab. Sie möchte lieber schriftlich oder in Gebärdensprache mit Hörenden kommunizieren.
Natürlich hat jeder gehörlose Mensch das Recht, selbst zu entscheiden, welche Kommunikationsform er bevorzugt. Niemand sollte gezwungen werden, von den Lippen abzulesen oder sich ausschließlich an die Kommunikationsgewohnheiten Hörender anzupassen.
Allerdings gibt es auch andere gehörlose Menschen, die Mundablesen nutzen oder mit einer Kombination aus Schrift, Lautsprache und Gebärdensprache kommunizieren.
Nicht jeder Mensch hat dieselben Bedürfnisse und Fähigkeiten.
Auch Hörende dürfen Gehörlose fragen, wie sie am liebsten kommunizieren möchten.
Eine solche Frage ist kein Zeichen von Unwissenheit oder mangelndem Respekt. Im Gegenteil: Sie zeigt Interesse und Rücksichtnahme.
Hörende sollten nicht einfach voraussetzen, dass jeder Gehörlose Lippenlesen kann oder möchte.
Ebenso sollten Gehörlose akzeptieren, dass Hörende nicht automatisch Gebärdensprache beherrschen.
Es geht darum, gemeinsam einen passenden Kommunikationsweg zu finden – ob durch Schrift, Gebärdensprache, Mundablesen oder eine Kombination verschiedener Möglichkeiten.
Kommunikation braucht gegenseitige Akzeptanz. Sie darf nicht zu einer neuen Grenze zwischen Hörenden und Gehörlosen werden.
Integration ist keine Einbahnstraße
Natürlich müssen auch Hörende mehr Interesse an der Gebärdensprache zeigen. Es wäre falsch, die Verantwortung allein den Gehörlosen zuzuschieben.
Gleichzeitig sollte man nicht pauschal behaupten, Hörende hätten kein Interesse. Es gibt Menschen, die Gebärdensprache lernen möchten, aber vielleicht nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Auch Gehörlose sollten nicht erwarten, dass sich die gesamte hörende Gesellschaft an ihre eigene Kommunikations- und Lebensweise anpasst.
Es geht nicht darum, welche Gruppe ihre Lebensweise aufgeben muss. Es geht darum, gemeinsame Lösungen zu finden.
Integration entsteht nicht durch gegenseitige Vorwürfe. Sie braucht Menschen, die aufeinander zugehen und gemeinsam Barrieren abbauen.
Fazit von Deaf24
Wir begrüßen es, wenn Angelina auf fehlende Lernangebote aufmerksam macht. Ihr Anliegen ist wichtig. Allerdings erwarten wir auch eine sachliche und ausgewogene Betrachtung.
Gebärdensprache kann heute auf vielen Wegen gelernt werden: mit Büchern, Videos, Apps, Onlinekursen und vor allem durch persönliche Begegnungen.
Gleichzeitig sollten Gehörlose nicht nur Forderungen an Hörende stellen. Auch das eigene Engagement und die Solidarität mit anderen Menschen mit Behinderungen gehören zur gesellschaftlichen Verantwortung.
Hörende dürfen fragen, wie Gehörlose kommunizieren möchten. Gehörlose dürfen ihre bevorzugte Kommunikationsform nennen. Beide Seiten sollten die Bedürfnisse des anderen respektieren.
Nicht jeder muss dieselbe Sprache sprechen. Aber jeder sollte die Möglichkeit haben, verstanden zu werden und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Unsere abschließende Frage an Angelina: Warum nur kritisieren, wenn man selbst etwas bewegen kann?

