Gebärdensprache, Untertitel und ein tauber Schauspieler: Beim MDR gibt es wichtige Entwicklungen. Gleichzeitig steht der Sender in Sachsen-Anhalt politisch unter Druck. Für taube Menschen ist das besonders interessant.
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) war in den vergangenen Jahren beim Thema Barrierefreiheit aktiv. Für taube und schwerhörige Menschen gibt es immer mehr Sendungen mit Deutscher Gebärdensprache (DGS), Untertitel und weitere barrierefreie Angebote.
Doch gleichzeitig ist die Zukunft des MDR in Sachsen-Anhalt politisch nicht sicher.
Die AfD hatte bereits vor der Landtagswahl angekündigt, bei einer Regierungsübernahme den MDR-Staatsvertrag kündigen zu wollen. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft. Eine absolute Mehrheit hat sie jedoch nicht. Deshalb ist eine Kündigung des MDR-Staatsvertrags derzeit nicht automatisch beschlossen. (mdr.de)
Was könnte eine Kündigung bedeuten?
Der MDR wird gemeinsam von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen getragen.
Eine Kündigung des MDR-Staatsvertrags durch Sachsen-Anhalt würde nicht bedeuten, dass der MDR sofort verschwindet.
Nach Angaben des MDR gilt eine Kündigungsfrist von zwei Jahren. Wenn eine rechtmäßige Kündigung bis Ende 2026 ausgesprochen würde, könnte sie Ende 2028 wirksam werden. Ab 2029 hätte der MDR dann keinen eigenen Programmauftrag mehr für Sachsen-Anhalt. (mdr.de)
Für taube Menschen stellt sich deshalb eine wichtige Frage:
Was passiert mit den barrierefreien Angeboten?
Der MDR selbst nennt Untertitel, Gebärdensprache und Audiodeskription als wichtige Angebote für Menschen mit Behinderungen. Nach MDR-Angaben haben 99 Prozent der Sendungen Untertitel. Außerdem gibt es zahlreiche Sendungen mit Gebärdensprache.
„In aller Freundschaft“ jetzt mit Gebärdensprache
Eine besonders wichtige Entwicklung gibt es bei der beliebten Serie „In aller Freundschaft“.
Seit März 2026 bietet der MDR die Serie zusätzlich mit Deutscher Gebärdensprache an. Damit stehen die Folgen mit Untertiteln, Audiodeskription und DGS zur Verfügung.
Der MDR bezeichnet die Serie als erste fiktionale Serie im deutschen Fernsehen, die vollständig barrierefrei angeboten wird.
Auch aktuell sind Folgen mit Gebärdensprache in der ARD Mediathek verfügbar. (ARD Mediathek)
Das ist für die taube Community mehr als nur eine technische Zusatzfunktion.
Taube Menschen können eine bekannte deutsche Fernsehserie in ihrer eigenen Sprache verfolgen.
Fast 800 Stunden Gebärdensprache
Die Zahlen des MDR zeigen, dass DGS inzwischen einen festen Platz im Programm hat.
Im Jahr 2025 stattete der MDR nach eigenen Angaben 47.907 Sendeminuten mit Deutscher Gebärdensprache aus. Das entspricht fast 800 Stunden.
Mit „In aller Freundschaft“ soll dieses Angebot weiter wachsen.
Auch beim 14. Treffen des MDR mit Behindertenverbänden am 16. September 2026 in Leipzig war Barrierefreiheit ein wichtiges Thema.
Der MDR erklärte dort, dass in der ARD Mediathek sämtliche barrierefreien Fassungen aus der linearen Verbreitung mit Untertiteln, Audiodeskription oder Gebärdensprache verfügbar seien. Außerdem werde „In aller Freundschaft“ schrittweise mit Gebärdensprache ausgestattet.
„Die Prinzessin aus Glas“ mit taubem Schauspieler
Noch interessanter für die taube Community ist das neue ARD-Weihnachtsmärchen „Die Prinzessin aus Glas“.
Die Produktion entsteht unter Federführung des MDR.
In einer Hauptrolle spielt der taube Moderator und Künstler Jason Giuranna, bekannt unter anderem aus „Sehen statt Hören“.
Er spielt die Figur Hans.
Die Geschichte handelt von einem tauben jungen Mann, der in einer Glasbläserfamilie lebt. Seine besonderen Fähigkeiten werden von seinem Vater zunächst nicht erkannt. Später wird Hans zu einer wichtigen Figur der Geschichte. (ARD)
Die Dreharbeiten fanden bereits 2025 in Thüringen statt. Das Märchen soll im Weihnachtsprogramm 2026 im Ersten und in der ARD Mediathek gezeigt werden. (ARD)
Damit steht ein tauber Schauspieler nicht nur am Rand einer Geschichte.
Eine taube Figur gehört zur Handlung und steht selbst im Mittelpunkt.
MDR und taube Menschen: Eine interessante Entwicklung
Die aktuellen Entwicklungen zeigen zwei Seiten.
Auf der einen Seite baut der MDR seine Barrierefreiheit weiter aus:
- mehr Sendungen mit DGS
- Untertitel bei fast allen Sendungen
- Audiodeskription
- DGS bei „In aller Freundschaft“
- ein tauber Schauspieler in einem großen ARD-Weihnachtsmärchen
- barrierefreie Angebote in der ARD Mediathek
Auf der anderen Seite gibt es politische Diskussionen über die Zukunft des MDR in Sachsen-Anhalt.
Für taube Menschen ist deshalb nicht nur die politische Frage interessant, ob der MDR-Staatsvertrag gekündigt wird.
Interessanter ist auch:
Was passiert danach mit der Barrierefreiheit?
Welche Angebote bleiben?
Wer finanziert sie?
Wer produziert DGS?
Und bekommen taube Menschen weiterhin Zugang zu regionalen Nachrichten und Unterhaltung in ihrer Sprache?
Die Frage geht über den MDR hinaus
Für Deaf24 ist deshalb ein Punkt besonders wichtig:
Barrierefreiheit darf nicht nur daran gemessen werden, ob ein Sender technisch Untertitel anbieten kann.
Für viele taube Menschen bedeutet echte Teilhabe auch Zugang zu Informationen in Deutscher Gebärdensprache.
Der MDR hat in diesem Bereich in den vergangenen Jahren konkrete Angebote aufgebaut. Gleichzeitig ist derzeit offen, wie sich die politische Situation in Sachsen-Anhalt auf die Struktur des MDR und seine regionalen Angebote auswirken wird.
Noch ist keine endgültige Entscheidung gefallen.
Aber die Diskussion zeigt deutlich:
Medienpolitik ist auch Behindertenpolitik.
Wenn sich Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verändern, kann das auch direkte Folgen für die Barrierefreiheit haben.
Fazit
Der MDR steht 2026 an einem politischen Wendepunkt.
Für die taube Community gibt es gleichzeitig positive Entwicklungen: mehr DGS, eine vollständig barrierefreie Erfolgsserie und mit Jason Giuranna ein tauber Schauspieler in einer großen ARD-Weihnachtsproduktion.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die weitere Entwicklung.
Denn barrierefreie Medienangebote entstehen nicht von selbst.
Die entscheidende Frage lautet: Bleibt der eingeschlagene Weg bei Gebärdensprache und Barrierefreiheit bestehen – unabhängig davon, wie sich die politische Zukunft des MDR entwickelt?

