Das Start-up alangu wollte mit einer bahnbrechenden Idee die digitale Welt barrierefreier machen: Ein Gebärdensprach-Avatar, der Texte automatisch in Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt. In der VOX-Sendung „Die Höhle der Löwen“ (Herbst 2025) stellten die Gründer ihre Innovation vor – mit großem gesellschaftlichem Anspruch, aber ohne Happy End.
Trotz beeindruckender Vision, technischer Reife und positiver Resonanz aus der Deaf-Community kam kein Deal zustande. Die Investoren lobten zwar das Engagement und die soziale Bedeutung, doch der Unternehmenswert erschien ihnen zu hoch. Dieser Artikel erklärt ausführlich, warum der Deal scheiterte, wie alangu technisch funktioniert, welche gesellschaftliche Bedeutung es hat und was Investoren wie Carsten Maschmeyer wirklich sagten.
Hintergrund: Was ist alangu?
Das Projekt alangu wurde von Alexander Stricker und Christina Schäfer gegründet. Es handelt sich um einen Gebärdensprach-Avatar-Baukasten (GSAB) – eine Software, die geschriebene Texte mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) in animierte Gebärdensprachvideos übersetzt.
Das Herzstück ist ein 3D-Avatar, der mit Motion-Capture-Technologie echte menschliche Gebärden imitiert. Dadurch können Inhalte auf Webseiten, in Formularen oder Apps visuell und verständlich für Gehörlose dargestellt werden – ganz ohne menschlichen Dolmetscher.
Das Ziel ist klar: Digitale Barrieren abbauen. Viele Gehörlose können komplexe Schriftsprache nicht vollständig verstehen, weil sie für sie eine Fremdsprache ist. alangu will dafür sorgen, dass sie gleichberechtigt am digitalen Leben teilnehmen können – sei es beim Lesen von Nachrichten, Ausfüllen von Formularen oder Verstehen von Produktinformationen.
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Der Auftritt bei „Die Höhle der Löwen“
In der Sendung traten die Gründer gemeinsam mit Gebärdensprachdolmetscherinnen auf – ein starkes Signal für Inklusion. Schon zu Beginn erklärten sie eindrucksvoll, dass weltweit rund 70 Millionen gehörlose Menschen leben, und dass Schriftsprache keine echte Barrierefreiheit darstellt.
Die Präsentation ging weit über ein gewöhnliches Start-up hinaus: Sie machte ein gesellschaftliches Problem sichtbar – digitale Ausgrenzung durch fehlende Gebärdensprachangebote.
Während Alexander Stricker die technische Seite erklärte, schilderte Christina Schäfer die Sichtweise der Deaf-Community. Das sorgte in der Runde für Nachdenklichkeit, denn selten wird in der Show ein so sozial bedeutsames Thema vorgestellt.
Doch trotz Sympathie, Verständnis und großem Interesse kam es zu keinem Investment. Der Grund: Geld und Bewertung.
Technik und Funktionsweise: So arbeitet alangu
Der Avatar-Baukasten von alangu funktioniert mit einer Kombination aus KI und Motion-Capture-Technologie.
- Echte Gebärdende werden bei der Ausführung der Gebärden gefilmt.
- Die Bewegungsdaten werden anschließend digitalisiert und in einem 3D-Modell umgesetzt.
- Die Künstliche Intelligenz erkennt die Bedeutung von Texten, wählt passende Gebärden aus und kombiniert sie zu verständlichen DGS-Sätzen.
Webseitenbetreiber oder Behörden können ihre Texte hochladen oder direkt verknüpfen. Anschließend generiert alangu automatisch ein Video mit einem Avatar, der die Inhalte in Deutscher Gebärdensprache darstellt.
Das System ist skalierbar, also anpassbar für viele Einsatzbereiche: Behördenformulare, Produktinformationen, Lernplattformen, Nachrichtenportale und mehr.
Diese Technik spart Zeit und Kosten, denn bisher mussten Gebärdensprachvideos manuell produziert werden – ein aufwändiger Prozess, der viele Gehörlose ausschließt, weil nicht jede Webseite Dolmetscher beauftragen kann.
Gesellschaftliche Bedeutung: Ein Werkzeug für echte Inklusion
alangu ist nicht nur eine technische Erfindung, sondern ein gesellschaftliches Signal.
Digitale Barrierefreiheit für Gehörlose bedeutet bislang oft: „Es gibt Text, also ist es barrierefrei.“ Doch viele taube Menschen verstehen Schriftsprache nur begrenzt – sie brauchen Gebärdensprache, um Inhalte vollständig zu erfassen.
Hier setzt alangu an. Es macht Informationen in der Muttersprache der Deaf-Community zugänglich – ein wichtiger Schritt zu echter Teilhabe.
Der Avatar kann langfristig dazu beitragen,
- Ämter, Behörden und Bildungseinrichtungen inklusiver zu machen,
- Barrieren im Alltag abzubauen,
- und Bewusstsein in der Gesellschaft für die Bedürfnisse Gehörloser zu schaffen.
In sozialen Medien und der Deaf-Community wurde der Auftritt positiv aufgenommen. Viele lobten, dass endlich ein Projekt öffentlich zeigt, wie technische Innovation und Inklusion zusammenpassen können.
Warum der Deal scheiterte
Die Gründer forderten in der Sendung 900.000 Euro für 10 Prozent der Firmenanteile. Das entspricht einer Bewertung von über 8 Millionen Euro – für viele Investoren eine sehr hohe Summe.
Mehrere „Löwen“ zeigten sich beeindruckt vom Engagement, aber skeptisch beim Preis. Besonders Investorin Janna Ensthaler sagte offen, dass sie die Bewertung „sehr, sehr teuer“ finde.
Auch Carsten Maschmeyer äußerte sich kritisch: Er bezweifelte, dass alangu bereits über eine „echte KI-Übersetzung“ verfüge. Er stellte klar, dass alangu keine frei lernende künstliche Intelligenz sei, wie etwa bei Google Translate, sondern eher ein modulares System mit vorab gespeicherten Gebärdenbausteinen.
Diese Einschätzung stimmt teilweise: alangu arbeitet KI-gestützt, aber nicht vollautomatisch lernend. Das System kombiniert Bausteine intelligent, nutzt also maschinelles Lernen auf einer kontrollierten Ebene – ein Zwischenschritt zwischen klassischer Programmierung und neuronaler KI.
Die Diskussion über die Technologie zeigte:
- Das Produkt ist innovativ,
- aber noch nicht vollständig marktreif,
- und der Markt selbst ist noch klein.
Das Risiko erschien den Investoren zu hoch, um eine so große Summe zu investieren. Daher kam kein Deal zustande.
Was danach geschah
Nach der Ausstrahlung betonten die Gründer, dass sie weiter an ihre Vision glauben und alangu eigenständig weiterentwickeln.
Sie wollen Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen ausbauen, um die Plattform schrittweise zu etablieren. Über neue Finanzierungen oder Partner wurde bislang nichts Konkretes bekannt, doch das Interesse in der Öffentlichkeit ist groß.
Viele Medien loben das Projekt als wichtigen Beitrag zur digitalen Barrierefreiheit, selbst wenn der Deal bei VOX scheiterte.
Ist alangu wirklich 9 Millionen Euro wert?
Ob die von den Gründern angesetzte Bewertung von über 8 Millionen Euro gerechtfertigt ist, bleibt umstritten.
Bei Start-ups hängt der Wert nicht nur von aktuellen Umsätzen ab, sondern auch vom Potenzial, Innovationsgrad und gesellschaftlichen Nutzen.
alangu hat zweifellos eine große Bedeutung und technische Besonderheit, aber die kommerzielle Skalierung ist schwierig, da die Zielgruppe – Gehörlose und Hörbehinderte – kleiner ist als bei Mainstream-Produkten.
Für Investoren bedeutet das:
- hohes Risiko,
- begrenzter Markt,
- lange Entwicklungszeit,
bevor sich Gewinne zeigen.
Die Gründer hingegen sehen großes Zukunftspotenzial: Wenn Behörden, Schulen und Medien DGS-Avatare standardmäßig einführen, könnte alangu zu einem zentralen Werkzeug für digitale Inklusion werden.
Fazit: Innovation trifft Realität
Der Auftritt von alangu bei „Die Höhle der Löwen“ war ein Meilenstein für Barrierefreiheit im Fernsehen. Er zeigte, dass Innovation nicht nur um Profit, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung gehen kann.
Doch wirtschaftlich prallten zwei Welten aufeinander: soziale Vision gegen Investorenlogik.
Die Gründer forderten eine hohe Bewertung, die Jury sah ein zu großes Risiko. Deshalb scheiterte der Deal – nicht an der Idee, sondern am Geld.
Trotzdem bleibt alangu ein starkes Symbol für digitale Inklusion. Es beweist, dass Technologie Brücken bauen kann – zwischen gehörlos und hörend, zwischen digital und menschlich.
Wenn das Start-up es schafft, seine Software weiter zu verbessern, Partnerschaften zu gewinnen und Vertrauen in der Community zu stärken, könnte der wahre Erfolg noch kommen – auch ohne Löwen.


