In der beliebten Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ fiel bei einer Folge etwas auf, das in der Gehörlosen-Community für Verwunderung sorgte:
Für einen kurzen Einsatz von nur rund 20 Minuten wurden zwei Gebärdensprachdolmetschenen (GSD) eingesetzt.
Viele Gehörlose fragten sich: Warum braucht man für so kurze Zeit gleich zwei Dolmetschenden?
Während im Fernsehen offenbar genug Dolmetscher zur Verfügung stehen, warten Gehörlose in Notaufnahmen, bei Ärzten oder bei der Polizei oft stundenlang vergeblich auf Unterstützung.
Dieser Bericht beleuchtet, wie das Dolmetscher-System funktioniert, warum es zu solchen Widersprüchen kommt – und welche Lösungen helfen könnten, Barrieren abzubauen.
Wie Dolmetschen in der Gebärdensprache funktioniert
Gebärdensprachdolmetscher (GSD) spielen eine zentrale Rolle in der barrierefreien Kommunikation.
Sie übersetzen zwischen Gehörlosen und Hörenden – zum Beispiel bei Terminen mit Behörden, Ärzten, Anwälten, in Schulen oder bei öffentlichen Veranstaltungen.
Grundsätzlich gilt in Deutschland eine feste Regel:
- Bis zu einer Stunde wird ein Dolmetscher eingesetzt.
- Ab einer Stunde sind zwei Dolmetscher erforderlich, die sich regelmäßig abwechseln.
Diese Regel soll sicherstellen, dass Dolmetscher nicht überlastet werden.
Denn Gebärdensprachdolmetschen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit: Hände, Arme, Gesicht und Mimik müssen ständig präzise bewegt werden, und das Gehirn übersetzt gleichzeitig zwei Sprachen in Echtzeit.
Nach einer gewissen Zeit lässt die Konzentration nach – die Qualität der Übersetzung könnte sinken.
Deshalb werden ab einer Stunde zwei Dolmetscher eingesetzt, die sich gegenseitig ablösen.
Soweit die Theorie.
Zwei Dolmetschenden für 20 Minuten – berechtigt oder übertrieben?
In der besagten Folge von „Die Höhle der Löwen“ dauerte der Dolmetscheinsatz nur etwa 20 Minuten.
Trotzdem wurden zwei GSD eingesetzt.
Fernsehproduktionen argumentieren, dass sie eigene Qualitätsrichtlinien haben.
Die Dolmetscher müssen nicht nur simultan übersetzen, sondern auch auf Kameraeinstellungen, Licht und Ton achten.
Oft wird eine Sendung mehrfach aufgezeichnet oder geschnitten, sodass die tatsächliche Arbeitszeit länger ist als das, was später im Fernsehen zu sehen ist.
Das kann eine Erklärung sein – aber in der Gehörlosen-Community sorgt es trotzdem für Kopfschütteln.
Viele fragen sich, warum für eine kurze TV-Szene zwei Dolmetscher verfügbar sind, während Gehörlose in wichtigen Lebenssituationen – etwa in der Notaufnahme – oft niemanden erreichen.
Kritik aus der Community: Warum zwei Dolmetschenden ab 1 Stunde?
Viele Gehörlose verstehen die Begründungen für den doppelten Dolmetschereinsatz nicht.
In anderen Situationen arbeiten Dolmetscher mehrere Stunden allein – etwa bei politischen Veranstaltungen, Messen, Festen oder Kongressen.
Dort dolmetschen sie oft über zwei bis drei Stunden ohne Partner und liefern trotzdem eine gute Übersetzung.
Das zeigt: Viele Dolmetscher können längere Einsätze durchaus allein bewältigen – besonders erfahrene Dolmetscher, die regelmäßig auf Bühnen oder bei offiziellen Terminen stehen.
Deshalb wirkt es auf viele Gehörlose unverständlich, warum ausgerechnet bei einer 20-minütigen Fernsehsendung zwei Dolmetscher nötig waren.
Ein weiteres Argument betrifft den Vergleich zu anderen Berufen:
Bauarbeiter, Pflegekräfte oder Feinmechaniker leisten jeden Tag stundenlange, körperlich und geistig anstrengende Arbeit – oft acht Stunden oder mehr.
Feinmechaniker müssen etwa stundenlang auf kleinste Bauteile blicken und dabei höchste Konzentration bewahren.
Sie machen selten Pausen und arbeiten den ganzen Tag durch.
Im Gegensatz dazu machen Gebärdensprachdolmetschenden zwischen den Einsätzen häufig Pausen oder wechseln sich mit Kolleginnen und Kollegen ab.
Viele Gehörlose finden das schwer nachvollziehbar.
Sie verstehen zwar, dass Dolmetschen Konzentration erfordert, empfinden die derzeitigen Regelungen aber als übervorsichtig und realitätsfern.
Natürlich darf die Qualität der Übersetzung nicht leiden.
Doch Gehörlose wünschen sich mehr Flexibilität und Eigenverantwortung seitens der Dolmetscher.
Wer regelmäßig dolmetscht, sollte selbst entscheiden dürfen, wann tatsächlich ein zweiter Kollege nötig ist – und wann nicht.
Das würde helfen, Ressourcen sinnvoller einzusetzen und Engpässe in wichtigen Lebensbereichen zu vermeiden.
Abends keine Dolmetschenden – ein bekanntes Problem
Die Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ läuft um 20 Uhr.
Zu dieser Uhrzeit haben viele Dolmetscher Feierabend.
Doch genau abends passieren häufig Notfälle:
Ein Unfall, ein medizinisches Problem, ein Einsatz bei der Polizei – und plötzlich braucht ein Gehörloser dringend einen Dolmetscher.
Viele berichten jedoch, dass sie keinen erreichen.
Das liegt daran, dass fast alle GSD in Deutschland freiberuflich arbeiten.
Sie haben keine festen Arbeitszeiten und keine Bereitschaftsdienste.
Wenn ein Dolmetscher also abends oder am Wochenende keine Termine annehmen will, kann ihn niemand dazu verpflichten.
Das führt zu einer großen Versorgungslücke – und macht deutlich, dass das System nicht krisenfest ist.
Während im Fernsehen Dolmetscher organisiert bereitstehen, bleiben Gehörlose in Notlagen oft ohne Unterstützung.
Fehlende Vermittlung und keine Liste für Kommunikationsassistenten
Ein weiteres Problem betrifft die Vermittlungsstellen für Dolmetscher.
Diese sind eigentlich dafür zuständig, Dolmetscher gerecht und effizient zu koordinieren.
In der Praxis klappt das oft nicht:
Viele Gehörlose berichten von langen Wartezeiten, unklaren Abläufen und ungerechter Reihenfolge bei der Vergabe.
Zudem gibt es kaum offizielle Alternativen.
Neben Dolmetschern existieren auch Kommunikationsassistenten (KA) – oft gehörlose oder schwerhörige Personen, die in der Lage sind, einfache Gespräche zu unterstützen.
Sie haben zwar kein Diplom, können aber in vielen Alltagssituationen hilfreich sein, etwa beim Arzt oder auf dem Amt.
Doch: Die GSD-Vermittlungen vermitteln keine KA.
Es gibt keine Liste, auf der solche Kommunikationsassistenten registriert sind.
Damit bleibt ein großer Teil potenzieller Unterstützung ungenutzt.
Gerade in Zeiten, in denen viele Dolmetscher überlastet sind, wäre es sinnvoll, KA in das offizielle System einzubeziehen – mit Bezahlung und klarer Regelung.
So könnten Dolmetscher entlastet und Wartezeiten deutlich reduziert werden.
Was sich ändern muss
Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Das System der Dolmetscher-Vermittlung braucht Reformen.
Hier einige konkrete Vorschläge, die von vielen Gehörlosen gefordert werden:
- Einführung von Bereitschaftsdiensten:
Dolmetscher sollten auch abends, nachts und am Wochenende verfügbar sein – besonders für Polizei und Krankenhäuser. - Regionale Organisation verbessern:
Dolmetscher sollten nach Nähe und Verfügbarkeit vermittelt werden, um unnötige Fahrzeiten zu vermeiden. - Transparente Vermittlungssysteme:
Es sollte nachvollziehbar sein, wer wann vermittelt wurde, damit es keine Ungleichbehandlung gibt. - Kommunikationsassistenten offiziell anerkennen:
KA müssen als wertvolle Ergänzung ins System aufgenommen werden, damit Gehörlose selbst entscheiden können, wer sie begleitet. - Mehr Ausbildung und Nachwuchsförderung:
Der Mangel an GSD muss langfristig mit mehr Ausbildungsplätzen und Unterstützung bekämpft werden.
Fazit
Der Einsatz von zwei Dolmetschern bei „Die Höhle der Löwen“ zeigt deutlich, dass das aktuelle Dolmetscher-System unverhältnismäßig und ungleich organisiert ist.
Während bei TV-Sendungen oder großen Veranstaltungen genügend Dolmetscher bereitstehen, sind Gehörlose in Notfällen oder im Alltag oft ohne Unterstützung.
Viele fordern mehr Flexibilität, Eigenverantwortung und Transparenz im System – und die Einbindung von Kommunikationsassistenten, um echte Barrierefreiheit zu erreichen.
Nur wenn das Dolmetscherwesen besser organisiert und praxisnäher gestaltet wird, können Gehörlose endlich gleichberechtigt teilhaben – nicht nur im Fernsehen, sondern im wirklichen Leben.

