Am Montag, den 5. Mai 2025, fand in Nürnberg ein Protesttag für Menschen mit Behinderungen statt. Dieser Tag war Teil der bundesweiten Aktion „Aktion Mensch – Protesttag zur Gleichstellung“. Jedes Jahr um den 5. Mai finden in vielen Städten solche Proteste statt. Ziel ist: Barrieren im Alltag abbauen und dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt leben können.
Auch viele gehörlose Menschen haben an diesem Tag in Nürnberg mitgemacht.
Worum geht es beim Protesttag?
Das Ziel des Protesttags ist:
- Auf Barrieren im Alltag aufmerksam machen
- Gleichberechtigung für alle Menschen mit Behinderungen
- Inklusion in allen Lebensbereichen ermöglichen
Für gehörlose Menschen bedeutet das zum Beispiel:
- Dolmetscher*innen bei Ärzten, Behörden, Polizei und Notfällen
- Gebärdensprache bei Ärzten, Behörden, Polizei und Notfällen
- Barrierefreie Informationen in Gebärdensprache
- Zugang zu Arbeit, Bildung und Politik
- Pflege mit Gebärdensprache, besonders im Alter
Der Protesttag soll zeigen: Alle sollen mitmachen können – ohne Hindernisse.
Was ist in Nürnberg aufgefallen?
Deaf24 hat auf Video recherchiert, dass es bei diesem Protesttag in Nürnberg fast nur um ein Thema ging: Pflege für gehörlose Seniorinnen und Senioren.
Das Thema ist sehr wichtig. Denn viele gehörlose ältere Menschen bekommen keine passende Pflege, weil es kaum Pflegekräfte gibt, die Gebärdensprache können.
Aber:
Andere wichtige Barrieren für Gehörlose wurden nicht angesprochen, zum Beispiel:
- Keine Dolmetscher*innen bei Ärzten oder Ämtern
- Probleme bei Notfällen mit Polizei oder Rettungsdienst
- Kein Zugang zu wichtigen Informationen in Gebärdensprache
- Arbeitslosigkeit oder fehlende Unterstützung in Schule und Ausbildung
Viele aus der Gehörlosengemeinschaft fragten sich deshalb:
- „Warum ging es nur um Pflege?“
- „Was ist mit den anderen Problemen?“
- „Wer hat den Protest organisiert – und warum wurde dieses Thema ausgewählt?“
Wer hat den Protest organisiert?
Der Protest wurde von Marcus Willam organisiert. Er ist neu im Vorstand des Landesverbandes Bayern der Gehörlosen e.V. (LVBYGL). Marcus Willam hat sich dafür eingesetzt, dass der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Marcus König, und Anja-Maria Käßer vom Seniorenamt an der Veranstaltung teilgenommen haben.
Bei der Protestaktion gab es eine Übergabe von Unterlagen (Ordnern) an die Stadt Nürnberg. Das Video hat gezeigt, dass Marcus Willam diese Unterlagen im Namen der gehörlosen Menschen übergeben hat. Die Übergabe fand zusammen mit einem Mitarbeiter der Beratungsstelle für Gehörlose „Regens Wagner“ statt. Marcus Willam arbeitet selbst bei „Regens Wagner“.
Worum ging es in den Unterlagen?
Es wurde nicht öffentlich erklärt, was genau in den übergebenen Ordnern steht. Vermutlich geht es um ein Pflegekonzept für gehörlose Senior*innen – also Vorschläge, wie die Pflege für gehörlose ältere Menschen verbessert werden kann.
Weil es keine genauen Informationen gab, hatten viele Gehörlose Fragen:
- „Geht es bei diesem Protest wirklich um alle Gehörlosen – oder nur um ein Projekt für einen bestimmten Pflegedienst?“
- „War das noch ein Protest – oder schon Werbung für einen Pflegedienst?“
War der Protest neutral?
Diese Frage wurde in der Gehörlosengemeinschaft oft gestellt.
Fakt ist:
- Der Protest wurde offiziell als Aktion für Inklusion und Barrierefreiheit angekündigt.
- Es wurde aber nur das Thema Pflege behandelt.
- Andere wichtige Barrieren für Gehörlose wurden nicht angesprochen.
- Die Verbindung zwischen dem Organisator und dem Pflegedienst wurde nicht klar und offen erklärt.
Viele Gehörlose hätten sich gewünscht:
- Mehr Themen (z. B. Arbeit, Bildung, Dolmetscher, Notfallhilfe)
- Mehr Beteiligung aus der Gehörlosengemeinschaft
- Eine klare Trennung zwischen Protest und beruflichen Interessen
Eigene Gebärdensprache bei Behörden und im Krankenhaus
Viele Gehörlose wünschen sich, dass Mitarbeitende in Behörden, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen selbst Gebärdensprache können. Besonders in großen Einrichtungen mit mehr als 20 Mitarbeitenden wäre das sinnvoll.
Warum ist das wichtig?
- Vertrauen: Gehörlose Menschen fühlen sich wohler, wenn sie direkt mit dem Personal kommunizieren können – ohne Dolmetscher*in.
- Schnelle Hilfe: In Notfällen oder bei wichtigen Fragen geht es schneller, wenn das Personal Gebärdensprache kann.
- Fachbegriffe: Besonders bei behördlichen oder medizinischen Themen gibt es viele Fachbegriffe. Es ist hilfreich, wenn das Personal diese Begriffe in Gebärdensprache erklären kann.
Was wünschen sich Gehörlose?
- Das Personal soll langsam und deutlich sprechen und schrittweise Gebärdensprache lernen.
- Mitarbeitende sollen die wichtigsten Fachbegriffe aus ihrem Bereich (z. B. Verwaltung, Medizin) in Gebärdensprache beherrschen.
- Wenn das Personal Gebärdensprache kann, muss nicht immer extra eine Gebärdensprachdolmetscherin bestellt werden.
Vorteile für alle:
- Mehr Selbstständigkeit für gehörlose Menschen
- Weniger Wartezeit, weil nicht auf Dolmetscher*innen gewartet werden muss
- Besseres Verständnis, weil direkt kommuniziert wird
Wie kann das funktionieren?
- Schulungen für Mitarbeitende: Behörden und Krankenhäuser bieten regelmäßig Gebärdensprachkurse für ihr Personal an.
- Fachgebärden-Lexikon: Es gibt Nachschlagewerke mit den wichtigsten Fachbegriffen in Gebärdensprache.
- Deutliche Aussprache: Mitarbeitende sprechen langsam, deutlich und nutzen Mimik und Gestik.
- Erste Schritte: Auch einfache Begrüßungen oder Hinweise in Gebärdensprache helfen schon viel.
Fazit:
Es wäre ein großer Fortschritt, wenn in großen Behörden, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen viele Mitarbeitende selbst Gebärdensprache lernen würden – besonders die wichtigsten Fachbegriffe. So könnten Gehörlose ohne Barrieren und ohne ständige Dolmetscher-Unterstützung am Alltag teilnehmen.
Fazit von Deaf24
Deaf24 begrüßt grundsätzlich jede Aktion, die Barrieren abbauen will. Besonders für gehörlose Senior*innen ist das Thema Pflege sehr wichtig. Aber ein Protesttag sollte für alle Gehörlosen da sein – nicht nur für ein einzelnes Projekt oder eine Altersgruppe.
Transparenz ist wichtig:
Wenn private oder berufliche Verbindungen bestehen, müssen sie offen genannt werden. Nur so bleibt das Vertrauen in die Organisation und die Aktionen erhalten.
Unsere Empfehlungen für die Zukunft:
- Barrierefreiheit ganzheitlich denken – für Jung und Alt
- Alle wichtigen Themen ansprechen – nicht nur Pflege
- Die Gehörlosengemeinschaft frühzeitig einbinden und informieren
- Kein Protest darf wie Werbung wirken
- Mitarbeitende in Behörden und Krankenhäusern sollten Gebärdensprache lernen

