Home HörgeschädigtGebärdendolmetscherKeine neutrale Stelle für GSD-Beschwerden in Bayern

Keine neutrale Stelle für GSD-Beschwerden in Bayern

by info@deaf24.com

Seit Mai 2025 gibt es in Bayern eine neue Schlichtungsstelle für Beschwerden über Gebärdensprachdolmetscherinnen (GSD). Doch was zunächst wie ein Fortschritt aussieht, sorgt bei vielen Gehörlosen für Unverständnis – und für berechtigte Kritik. Denn die Schlichtungsstelle wird nicht von einer neutralen Organisation betrieben, sondern vom BGSD Bayern e. V., dem Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscherinnen.

Was ist der BGSD Bayern e. V.?

Der BGSD Bayern e. V. ist ein Verein von und für Gebärdensprachdolmetscher*innen. Seine Hauptaufgabe ist es, die Interessen der Dolmetscher*innen zu vertreten – zum Beispiel bei Honorarverhandlungen, Fortbildungen und beruflichen Standards.

Dieser Verband ist wichtig für die Organisation und Professionalisierung des Berufsstands – aber er ist nicht unabhängig. Der BGSD ist eine Partei in Konflikten, nicht die neutrale Mitte.

 

Worum geht es bei der neuen Schlichtungsstelle?

Ab Mai 2025 können sich Kund*innen, also meist Gehörlose oder Schwerhörige, über Fehlverhalten von Dolmetscher*innen beschweren. Die Schlichtungsstelle soll dann vermitteln, beraten oder gegebenenfalls weiterleiten.
Dazu wurde eine Kommission gegründet, die fünf Personen umfasst:

  • Drei davon sind Dolmetscher*innen und Mitglieder des BGSD, darunter eine taube Person.
  • Zwei sind externe taube Expert*innen, also keine Mitglieder im BGSD.

Laut Ankündigung wird die Kommission „vertraulich, professionell und unter Datenschutzrichtlinien“ arbeiten.

 

Warum ist diese Lösung problematisch?

1. Keine Unabhängigkeit

Der BGSD ist kein neutraler Träger. Beschwerden über Dolmetscherinnen werden also von einem Gremium bearbeitet, das **vom Verband der Dolmetscherinnen selbst organisiert und kontrolliert wird**.
→ Das ist vergleichbar mit einer Beschwerdestelle für Polizisten, die von der Polizei selbst geleitet wird.

2. Mangel an Mitsprache für Gehörlose

Der BGSD hat die Kommission alleine organisiert. Der Landesverband Bayern der Gehörlosen e.V. (LVBYGL) wurde nicht als gleichwertiger Partner eingebunden. Die gehörlose Community konnte nicht mitentscheiden, wer in der Kommission sitzt oder wie das Verfahren aussieht.
→ Das widerspricht dem Prinzip der Partizipation, das in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) festgelegt ist.

3. Vertrauensverlust

Viele Gehörlose haben schon schlechte Erfahrungen mit GSD gemacht – zum Beispiel wegen Unzuverlässigkeit, respektlosem Verhalten oder fehlender kultureller Sensibilität.
Wenn Beschwerden nun bei einer Stelle landen, die von den Dolmetscher*innen selbst organisiert wird, verlieren viele Betroffene das Vertrauen.
→ Die Schlichtungsstelle wirkt nicht wie eine Hilfe, sondern eher wie ein Selbstschutzmechanismus der GSD.

 


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Was hat der Landesverband Bayern der Gehörlosen e.V. (LVBYGL) damit zu tun?

Der LVBYGL ist eigentlich die Interessenvertretung der Gehörlosen. Seine Aufgabe ist es, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für Gleichberechtigung, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung zu sorgen.

Doch in diesem Fall hat der Verband zugelassen oder zumindest nicht verhindert, dass die Schlichtungsstelle einseitig vom BGSD organisiert wird. Das ist ein schwerwiegender Fehler.
→ Es wäre die Pflicht des Landesverbands gewesen, auf eine unabhängige, paritätisch besetzte Kommission zu bestehen.
→ Stattdessen wurde eine Lösung akzeptiert, die die Machtverhältnisse weiter zugunsten der GSD verschiebt.

 

Was wäre eine bessere Lösung?

Eine faire und glaubwürdige Schlichtungsstelle müsste:

  • unabhängig vom BGSD sein,
  • paritätisch besetzt sein (gleich viele taube und hörende Mitglieder),
  • öffentlich zugänglich und transparent arbeiten,
  • von einer neutralen Trägerschaft, z. B. einer Ombudsstelle oder einem Menschenrechtsbüro, geführt werden.

Auch die tauben Verbände sollten gleichberechtigt mitbestimmen, wie Beschwerden behandelt werden – und nicht nur „externe Experten“ sein.

 

Fazit: Eine vertane Chance

Die neue Schlichtungsstelle in Bayern klingt gut – ist aber einseitig organisiert und nicht wirklich unabhängig. Der BGSD kontrolliert das Verfahren, während die Gehörlosen nur am Rand beteiligt sind.

Der LVBYGL hat seine Verantwortung nicht wahrgenommen, sich für eine faire Lösung einzusetzen.

Ein grundlegendes Problem bleibt bestehen:
Der BGSD steht auf der Seite der Gebärdensprachdolmetscher*innen (GSD) – nicht auf der Seite der tauben Kund*innen. Das ist seine Aufgabe als Berufsverband. Wer sich beim BGSD über GSD beschwert, beschwert sich beim Freund der Gegenseite.

→ Deshalb werden die wahren Probleme niemals gelöst, solange der BGSD die Kontrolle über das Verfahren behält.
→ Für viele Gehörlose ist das ein Rückschritt statt ein Fortschritt.

Eine echte Beteiligung und Kontrolle durch die taube Community ist notwendig – sonst bleibt die Schlichtung nur eine Alibi-Lösung, die Vertrauen zerstört statt stärkt.

 

Haben Sie Probleme mit Gebärdensprachdolmetscher*innen (GSD)?

Dann schicken Sie Ihr Video oder schreiben Sie kurz über Ihre Erfahrungen an:
📧 info@deaf24.com

Jeder Bericht wird anonym und streng vertraulich behandelt.
Ihr Name wird nicht veröffentlicht.

Deaf24 sammelt die Berichte und prüft, wie man gemeinsam vorgehen kann – für mehr Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in der Gehörlosen-Community.

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