Vom 20. bis 23. Februar 2025 fand in Pfronten im Allgäu die sogenannte „Ideenfabrik“ des Landesverbands Bayern der Gehörlosen (LVBYGL) statt. Eine interne Arbeitsklausur, bei der viele neue Projekte besprochen, die Zusammenarbeit im Team verbessert und zukünftige Veranstaltungen vorbereitet wurden. Im Fokus standen vor allem die Seniorenarbeit, das Landestreffen 2026, Öffentlichkeitsarbeit, politische Vertretung und die neue Vereinsberatung.
Doch viele fragen sich: Ist es wirklich eine Ideenfabrik – oder in Wahrheit eine Problemfabrik?
Was ist eine „Ideenfabrik“?
Der Begriff „Ideenfabrik“ klingt nach Kreativität, Fortschritt und gemeinsamer Entwicklung. Gemeint ist ein Raum für Austausch und Planung. In der Theorie ein guter Ansatz – doch was kommt konkret bei den Gehörlosen an?
Wer entscheidet, welche Ideen umgesetzt werden? Und was bringt es den Gehörlosen im Alltag, die täglich mit Barrieren kämpfen?
Warum Deaf24 von einer „Problemfabrik“ spricht
Deaf24 sieht die Dinge kritischer. Die Redaktion beobachtet, dass mit jedem neuen Projekt auch neue Probleme entstehen – oder alte Probleme einfach ignoriert werden. Statt Lösungen für bestehende Notlagen zu schaffen, werden neue Strukturen aufgebaut, neue Zuständigkeiten verteilt – aber die Basis bleibt unberührt.
Beispiele aus dem Alltag:
- Dolmetscher*innen fehlen oder sagen kurzfristig ab – ohne Entschädigung für Gehörlose
- Die Organisation der GSD-Vermittlung ist schlecht und intransparent
- In Notfällen sind viele Gehörlose auf sich allein gestellt
- Krankenhäuser bieten kaum barrierefreie Kommunikation
- Die Notruf-App „Nora“ ist ungeeignet, weil viele Gehörlose weder schreiben noch lesen können
Diese Probleme sind nicht neu, aber sie scheinen in der „Ideenfabrik“ kein zentrales Thema zu sein. Die Veranstaltung wirkt dadurch eher wie eine Problemfabrik: Die wirklichen Sorgen werden unter den Teppich gekehrt, während auf Papier neue Projekte gefeiert werden.
Beispiel: Kritik an der Notruf-App „Nora“
Der LVBYGL bewirbt die App „Nora“ als guten Notruf für Gehörlose. Doch viele Betroffene berichten:
Die App funktioniert nicht barrierefrei. Wer nicht gut lesen oder schreiben kann, hat im Notfall keine Chance – und bei schlechter Internetverbindung oder in Kellerräumen ist die App nutzlos.
Deaf24 warnt ausdrücklich: Die App bietet keine echte Sicherheit und ersetzt keinen funktionierenden Gebärdensprach-Notdienst.
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Vereinsberatung – gutes Projekt mit begrenztem Nutzen
Ein neues Projekt, das in Pfronten vorgestellt wurde, ist die Vereinsberatung. Sie richtet sich an alle Gehörlosenvereine in Bayern – auch ohne Mitgliedschaft im LVBYGL. Das Ziel: Vereine sollen Hilfe bei Verwaltung, Finanzen und Förderanträgen bekommen.
Ansprechpartnerinnen:
- Conny Tiedemann (für Oberbayern, Niederbayern, Schwaben)
- Melanie Schröer (für Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken, Oberpfalz)
Angeboten wird:
- Hilfe bei ELSTER, Buchführung, Gemeinnützigkeit
- Beratung zu Förderungen wie Aktion Mensch
- 2–3 praxisnahe Schulungen im Jahr
Das Projekt wird durch die Deutsche Fernsehlotterie gefördert. Ein sinnvoller Schritt – aber: Diese Hilfe erreicht nur aktive Vereinsstrukturen, nicht einzelne Gehörlose, die keine Verbindung zu einem Verein haben.
Strukturprobleme werden nicht gelöst
Deaf24 kritisiert, dass die vielen Projekte zwar auf dem Papier sinnvoll klingen, aber die tiefen strukturellen Probleme nicht anpacken:
- Die GSD-Vermittlung ist unorganisiert
- Es gibt keine verlässliche Notfallhilfe
- Gehörlose werden bei vielen Behörden weiterhin nicht verstanden
- Viele fühlen sich vom Verband nicht vertreten
Was fehlt, ist ein echtes System, das für Sicherheit, Teilhabe und Gleichberechtigung sorgt – keine endlosen Projektideen ohne Wirkung.
Fazit: Ideenfabrik oder Problemfabrik?
Der Landesverband zeigt mit der Ideenfabrik Engagement – das ist grundsätzlich positiv. Aber: Ohne konkrete Verbesserungen im Alltag der Gehörlosen bleiben die Ideen leere Versprechen.
Deshalb fragt Deaf24 offen: Wird hier wirklich für Gehörlose gearbeitet – oder an den Bedürfnissen vorbeigeplant?
Tipps für Gehörlose:
• Dokumentiert Probleme: Wenn Dolmetscher absagen, Apps nicht funktionieren oder Barrieren auftauchen – schreibt es auf und meldet es.
• Nutzt die Vereinsberatung, wenn ihr im Vorstand tätig seid. Sie kann euch Arbeit abnehmen und Vereine stärken.
• Fordert euer Recht ein: Barrierefreiheit ist gesetzlich verankert. Lasst euch nicht vertrösten.
• Redet mit anderen: Tauscht Erfahrungen aus – gemeinsam seid ihr stärker.

