Am 22. Mai 2025 gaben die Staatsanwaltschaft Fulda und das Hessische Landeskriminalamt bekannt, dass ein Ermittlungsverfahren gegen einen Gebärdensprachdolmetscher wegen gewerbsmäßigen Abrechnungsbetrugs läuft. Über dreitausendfünfhundert mutmaßlich nie erbrachte Dolmetschleistungen sollen bei Krankenkassen abgerechnet worden sein.
Der Deutsche Gehörlosen-Bund e. V. (DGB) reagierte mit einer offiziellen Stellungnahme, in der er systematische Schwächen im Bereich der Gebärdensprachdolmetschung einräumt. Deaf24 begrüßt diesen Schritt, weist aber zugleich auf die Versäumnisse der letzten Jahre hin – nicht nur beim DGB, sondern auch bei den Landesverbänden der Gehörlosen.
Hintergrund: Das Dolmetschsystem in Deutschland
Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher (GSD) sind ein zentraler Bestandteil barrierefreier Kommunikation. Sie ermöglichen Gehörlosen Zugang zu Bildung, Arbeit, medizinischer Versorgung, Behörden und Alltagssituationen. GSD-Leistungen werden in vielen Fällen über Krankenkassen, Sozialträger oder die Eingliederungshilfe finanziert.
Doch das System ist komplex, unübersichtlich und teils veraltet. Vermittlungen laufen über verschiedene Träger, private Agenturen oder Einzelpersonen. Einheitliche Qualitätsstandards oder transparente Kontrollmechanismen fehlen.
DGB-Stellungnahme: Richtige Worte – verspätet und unvollständig
Der DGB benennt in seiner Mitteilung zentrale Schwachstellen:
- mangelnde Transparenz bei Abrechnungen,
- fehlende Qualitätssicherung,
- uneinheitliche Vermittlungsstrukturen.
Als Reaktion fordert er unter anderem eine unabhängige Registrierungsstelle, in der auch gehörlose Fachpersonen eine Rolle spielen sollen. Ebenso schlägt er landesweite Vermittlungszentralen und die Einbindung des DGB in Entscheidungsprozesse vor.
Diese Vorschläge sind grundsätzlich richtig – doch sie kommen spät und wirken angesichts der langjährigen Untätigkeit wie ein nachträglicher Versuch, Vertrauen zurückzugewinnen.
Deaf24-Kritik: Auch DGB und Landesverbände haben jahrelang versagt
Die Redaktion von Deaf24 hat bereits in der Vergangenheit mehrfach auf gravierende Probleme hingewiesen:
- GSD, die ohne Begründung absagen oder unzuverlässig erscheinen,
- lange Wartezeiten trotz hoher Nachfrage,
- private Aufträge, die schneller bedient werden als offizielle Vermittlungen,
- fehlende Mitsprache bei der Auswahl von GSD,
- keine Entschädigung bei Ausfällen.
Viele Gehörlose berichten, dass sie bei Beschwerden an offizielle Stellen nicht ernst genommen wurden – weder bei Vermittlungen, noch beim DGB, noch bei den zuständigen Landesverbänden, die vor Ort eine zentrale Rolle spielen sollten.
Ein konkretes Beispiel: Deaf24 hatte den damaligen Vorsitzenden des Bayerischen Landesverbandes mehrfach auf Missstände aufmerksam gemacht. Deaf24 erhielt trotz mehrfacher Hinweise keine Rückmeldung vom damaligen Vorsitzenden. Dieses Schweigen ist sinnbildlich für das systematische Wegsehen vieler Verantwortlicher.
Viele Warnhinweise aus der Community wurden von den Landesverbänden nicht sichtbar aufgegriffen oder umgesetzt. Damit tragen sie eine erhebliche Mitverantwortung für die Missstände, die nun durch den Betrugsfall öffentlich werden. Dass der DGB heute von „systematischen Schwächen“ spricht, ist zwar ein erster Schritt – doch eine echte Aufarbeitung oder Entschuldigung bleibt aus.
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Reformvorschläge aus der Community
Deaf24 und viele betroffene Gehörlose fordern folgende konkrete Änderungen:
- Zentrale Datenbank für GSD-Verfügbarkeit:
GSD müssen transparent angeben, wann und wo sie verfügbar sind. So können Aufträge effizienter verteilt werden. - Recht auf Wunschdolmetscher:
Gehörlose müssen selbst entscheiden dürfen, wen sie beauftragen – auch wenn der Dolmetscher oder die Kommunikationshilfe kein Diplom hat, aber kulturell kompetent ist. - Entschädigung bei Ausfällen:
Fällt ein GSD kurzfristig aus, muss der Gehörlose entschädigt werden – etwa für verlorene Termine, Anfahrtskosten oder verpasste Chancen. - Digitale Vermittlung mit Echtzeit-Verfügbarkeit:
Eine App oder Plattform, die in Echtzeit zeigt, welche GSD verfügbar sind, könnte Wartezeiten erheblich reduzieren. - Mehr Kontrolle – aber durch gehörlose Expert*innen:
Qualitätssicherung darf nicht von Außenstehenden gemacht werden. Gehörlose Fachleute müssen GSD bewerten, Feedback geben und an Fortbildungen mitarbeiten.
Fazit: Vertrauen entsteht durch Beteiligung – nicht durch Papiere
Missbrauchsfälle wie der aktuelle in Hessen sind keine Einzelfälle, sondern Symptome eines Systems mit vielen Schwachstellen. Der DGB benennt diese nun – doch viele Gehörlose haben jahrelang vergeblich gewarnt.
Es ist nicht nur der DGB, der Verantwortung übernehmen muss – auch die Landesverbände tragen Mitverantwortung, weil sie auf Landesebene oft zuständig sind für Beratung, Vermittlung und Unterstützung. Dass aus dieser Richtung kaum Kritik oder Reformideen kamen, ist ein alarmierendes Signal.
Die Zukunft muss jetzt gemeinsam mit der Community gestaltet werden. Deaf24 bleibt wachsam und fordert: Nicht über uns – sondern mit uns.
Tipps für Gehörlose: Was tun bei Problemen mit GSD?
- Alles dokumentieren: Uhrzeiten, Absagen, Namen der GSD – alles aufschreiben.
- Beschwerden schriftlich einreichen: Bei Vermittlungen, Kostenträgern, Landesverbänden oder direkt beim DGB.
- Sich vernetzen: In Gruppen, Vereinen oder mit Deaf24 austauschen – gemeinsam ist man stärker.
- Eigene Wünsche klar sagen: Wenn ein GSD unpassend ist – das Recht auf Ablehnung besteht.
- Nicht entmutigen lassen: Auch wenn Beschwerden lange ignoriert wurden – der Wandel beginnt oft mit Druck von unten.
Hinweis:
Dieser Bericht stellt eine journalistische Zusammenfassung dar und enthält sowohl belegbare Fakten als auch Meinungsäußerungen im Sinne des Artikels 5 Grundgesetz. Die Redaktion von Deaf24 hat alle Informationen sorgfältig recherchiert. Betroffene Organisationen und Personen können auf Wunsch eine Stellungnahme abgeben, die wir gerne veröffentlichen.

