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Hörgerät Ohrpheus – barrierefrei für die Gehörlosen?

by info@deaf24.com

Für viele Menschen mit Hörbehinderung ist der Besuch beim Hörgeräteakustiker ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Lebensqualität. Dabei stellt sich die Frage: Wie barrierefrei sind Hörakustik-Betriebe für gehörlose Menschen wirklich? Ein Beispiel dafür ist die Firma Ohrpheus, die in mehreren Städten in Süddeutschland vertreten ist. Doch wie steht es um die Kommunikation, den Service und die Zugänglichkeit für Gehörlose?

Wer ist Ohrpheus?

Ohrpheus ist ein mittelständisches Hörakustik-Unternehmen mit Filialen in Baden-Württemberg und Bayern. Zu den bekannten Standorten gehören unter anderem:

  • Mannheim (mehrere Filialen)
  • Würzburg
  • Schweinfurt
  • Höchberg

Die Firma wirbt mit innovativer Technik, individueller Beratung und „maßgeschneiderten Hörlösungen“. Doch eine Frage bleibt oft unbeantwortet: Wie gut werden gehörlose Kunden betreut – also Menschen, die gar kein oder nur sehr eingeschränktes Hörvermögen haben?

 

Testbesuch bei Ohrpheus: Keine Reaktion auf Kommunikationsbarrieren

Im Rahmen eines unangekündigten Testbesuchs überprüfte die Deaf24-Redaktion die Barrierefreiheit in einer Filiale des Hörakustikunternehmens Ohrpheus. Dabei wurde höflich und sachlich nachgefragt, ob die Mitarbeitenden langsamer und deutlicher sprechen könnten – eine wichtige Voraussetzung für gehörlose oder schwerhörige Menschen, die von den Lippen ablesen oder visuelle Unterstützung brauchen.

Zudem wurde freundlich gefragt, ob jemand im Team Deutsche Gebärdensprache (DGS) beherrsche oder bereit wäre, diese zu lernen.

Die Reaktion fiel enttäuschend aus: Die Mitarbeitenden reagierten nicht auf die Hinweise zur Kommunikation. Es gab keine erkennbare Bereitschaft, das Sprechtempo anzupassen oder visuell zu unterstützen. Auf die Frage zur Gebärdensprache erfolgte kein Kommentar. Auch auf eine spätere schriftliche Anfrage von Deaf24 hin äußerte sich das Unternehmen nicht zur Kommunikationssituation oder zur Barrierefreiheit für Gehörlose.

Dieses Verhalten zeigt, dass grundlegende Anforderungen an barrierefreie Kommunikation – wie visuelle Informationen, ruhiges Sprechtempo oder der Einsatz von DGS – offenbar nicht Teil des Servicekonzepts sind. Für gehörlose Menschen bedeutet dies: Eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Beratung ist unter solchen Bedingungen kaum möglich.

 

Fehlende Gebärdensprache: Eine Barriere

Bei einem Besuch von Gehörlosen in einer Ohrpheus-Filiale wurde berichtet, dass die Mitarbeitenden sehr schnell sprechen und wenig Rücksicht auf die Kommunikation mit Tauben nehmen. Auf Nachfrage, ob jemand im Team Gebärdensprache beherrscht oder lernen möchte, folgte keine klare Antwort. Diese Haltung wirft wichtige Fragen auf:

  • Warum lernen Mitarbeitende in einem hörakustischen Beruf keine Gebärdensprache?
  • Gibt es interne Schulungen oder Sensibilisierung für den Umgang mit Gehörlosen?
  • Wird die Kommunikation auf die Bedürfnisse gehörloser Kundschaft angepasst?

Nach aktueller Recherche sind auf der offiziellen Website von Ohrpheus keine Hinweise auf gebärdensprachkompetente Mitarbeitende zu finden. Auch spezielle Services wie Dolmetsch-Einsätze, visuelle Beratungshilfen oder Schulungen für den Umgang mit gehörlosen Kunden sind nicht öffentlich kommuniziert.

 

Kommunikation – oft einseitig

In vielen Fällen basiert die Kommunikation bei Ohrpheus ausschließlich auf gesprochener Sprache. Für schwerhörige oder ertaubte Menschen kann dies funktionieren – aber für vollständig taube Menschen oder Personen, die auf Deutsche Gebärdensprache (DGS) angewiesen sind, entstehen große Verständnishürden. Besonders kritisch ist:

  • Schnelles Sprechen ohne Mimik oder Visualisierung
  • Keine schriftliche Erklärung der einzelnen Schritte oder Funktionen
  • Keine visuelle Darstellung technischer Einstellungen
  • Unkenntnis über Deaf Culture bei vielen Mitarbeitenden

Das kann dazu führen, dass gehörlose Kunden sich nicht verstanden fühlen oder wichtige Informationen zum Hörgerät nicht vollständig erhalten.

 

Tipps für Gehörlose beim Besuch eines Hörakustikers

Wenn ein Besuch bei Ohrpheus oder einem anderen Hörakustiker ansteht, können folgende Maßnahmen helfen:

  1. Vorab Kontakt aufnehmen: Per E-Mail oder Fax kann man vor dem Termin klären, ob jemand mit DGS-Kenntnissen im Haus ist.
  2. Eigene Kommunikationshilfe mitbringen: Eine vertraute Person oder ein Gebärdensprachdolmetscher kann helfen, wichtige Informationen verständlich zu machen.
  3. Fragen aufschreiben: Gehörlose können ihre wichtigsten Fragen und Wünsche auf Papier oder Smartphone vorbereiten.
  4. Geduld einfordern: Falls der Mitarbeitende zu schnell spricht oder kein Verständnis zeigt, höflich um langsameres, deutliches Sprechen oder schriftliche Erklärung bitten.
  5. Barrierefreie Anbieter suchen: Es gibt spezialisierte Akustiker, die selbst gehörlos sind oder Erfahrung mit DGS haben. Online-Plattformen oder Empfehlungen aus der Deaf-Community helfen bei der Suche.

 

Was könnten Hörakustiker besser machen?

Um für Gehörlose wirklich barrierefrei zu sein, sollten Hörakustiker wie Ohrpheus konkrete Schritte gehen:

  • Schulungen für Mitarbeitende in Gebärdensprache und Deaf Culture
  • Einstellung gehörloser Mitarbeitender oder gebärdensprachkompetenter Berater
  • Nutzung digitaler Tools zur Visualisierung von Technik und Einstellungen
  • Kooperation mit Gebärdensprachdolmetschern – zum Beispiel bei Erstberatungen oder technischen Erklärungen
  • Feedback-Möglichkeiten für Gehörlose, z. B. über barrierefreie Online-Formulare

 

Rechtlicher Hintergrund

Laut UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 9: Zugänglichkeit) und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) in Deutschland haben Menschen mit Behinderungen ein Recht auf barrierefreien Zugang zu Dienstleistungen. Das bedeutet auch, dass Kommunikationsbarrieren – wie fehlende Gebärdensprache – abgebaut werden sollen.

Zwar besteht keine direkte gesetzliche Pflicht für private Unternehmen wie Ohrpheus, Gebärdensprache anzubieten, doch wer einen inklusiven Service bieten möchte, sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein.

 

Fazit

Ohrpheus bietet moderne Technik und kompetente Hörgeräteversorgung für hörende und schwerhörige Menschen. Für Gehörlose jedoch sind viele grundlegende Barrieren weiterhin vorhanden – vor allem in der Kommunikation. Ohne Gebärdensprache, visuelle Unterstützung und Sensibilität für Deaf Culture bleiben wichtige Teile des Service unerreichbar.

Die Deaf-Community hat das Recht auf gleichwertige Beratung, Verständlichkeit und Respekt. Es liegt an den Hörgeräteakustikern – auch Ohrpheus – diese Lücke zu schließen. Nur dann kann man wirklich von Barrierefreiheit sprechen.

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