Viele gehörlose und taubblinde Menschen in Österreich erleben täglich große Barrieren. Im Alltag, bei Behörden, in der Pflege und beim Zugang zu wichtigen Diensten gibt es viele Probleme, die kaum gelöst werden. In der Deaf-Community wächst deshalb die Kritik am Österreichischen Gehörlosenbund (ÖGLB). Die Frage lautet: Erfüllt der ÖGLB seine wichtigste Aufgabe, nämlich die politische Interessenvertretung gehörloser Menschen? Oder liegt der Schwerpunkt zu sehr auf anderen Tätigkeiten wie dem Erklären von Gebärden?
Dieser Bericht von Deaf24 beleuchtet, wie der ÖGLB arbeitet, vergleicht ihn mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB) und zeigt auf, welche Forderungen aus der Community kommen. Ziel ist eine klare, verständliche und ausgewogene Darstellung für alle.
Der Österreichische Gehörlosenbund und „SignWithMe“
Der ÖGLB veröffentlicht regelmäßig Gebärdensprachvideos, darunter die Reihe „SignWithMe“. In diesen Videos werden einzelne Wörter, Länder oder politische Begriffe wie „EU“, „Frankreich“, „Spanien“ oder „Polen“ gebärdet und erklärt. Solche Angebote helfen vielen gehörlosen Menschen, die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) besser zu verstehen und zu lernen.
Das ist grundsätzlich positiv, denn Gebärdensprachbildung ist wichtig für die Community. Doch die zentrale Frage ist: Ist das die Hauptaufgabe eines Gehörlosenbundes?
Politische Verantwortung vs. Bildungsarbeit
Der Gehörlosenbund ist in erster Linie eine Interessenvertretung. Seine wichtigste Aufgabe ist es, die Rechte und Bedürfnisse gehörloser Menschen auf politischer Ebene durchzusetzen und für Veränderungen zu sorgen. Dazu gehören zum Beispiel:
- Der Einsatz für bessere Versorgung mit Gebärdensprachdolmetschern (GSD)
- Der Kampf für Nachteilsausgleich im Alltag und am Arbeitsplatz
- Der Einsatz für Pflegeleistungen speziell für gehörlose und taubblinde Menschen
- Der Einsatz für barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel und andere wichtige Bereiche
Gebärdensprachvideos wie „SignWithMe“ sind Bildung, keine politische Interessenvertretung. Bildung ist wichtig, ersetzt aber nicht die politische Arbeit, die strukturelle Probleme löst.
Die Realität: Viele Probleme bleiben ungelöst
Trotz der Angebote zur Gebärdensprache berichten viele gehörlose Menschen in Österreich von großen Schwierigkeiten im Alltag:
- Gebärdensprachdolmetschen (GSD): Lange Wartezeiten, fehlende Dolmetscher bei wichtigen Terminen, keine Wahlfreiheit, unklare Organisation der Einsätze.
- Nachteilsausgleich: Es gibt keine klare gesetzliche Regelung oder einheitliche Praxis. Behörden sind oft nicht barrierefrei oder vorbereitet.
- Pflege und soziale Absicherung: Es gibt kein eigenes Pflegegeld für Gehörlose. Taubblinde Menschen stehen vor besonderen Herausforderungen, für die es keine ausreichende Unterstützung gibt.
- Mobilität: Es gibt keine Wertmarke oder vergleichbare Vergünstigungen für öffentliche Verkehrsmittel, was die Mobilität einschränkt.
- Barrierefreie Information: Wichtige politische und gesellschaftliche Informationen werden oft nicht in Gebärdensprache angeboten, was die Teilhabe erschwert.
Diese Probleme bestehen schon lange und werden von vielen als dringlich empfunden. Sie zeigen, dass es an politischem Engagement fehlt.
Vergleich: ÖGLB und Deutscher Gehörlosen-Bund (DGB)
Deutscher Gehörlosen-Bund (DGB)
Der DGB ist in Deutschland deutlich politischer aktiv und sichtbar:
- Er veröffentlicht regelmäßig Stellungnahmen zu Gesetzen und politischen Themen.
- Er stellt konkrete Forderungen an die Politik und begleitet Gesetzgebungsverfahren.
- Er führt Gespräche mit Ministerien und Behörden.
- Er beteiligt sich an öffentlichen Anhörungen und macht Missstände öffentlich bekannt.
Der DGB nutzt Gebärdensprache als Werkzeug, um politische Ziele zu erreichen. Er ist Forderer und Lobbyist zugleich.
Österreichischer Gehörlosenbund (ÖGLB)
Der ÖGLB konzentriert sich hingegen stark auf Bildungsangebote und Gebärdensprachvideos wie „SignWithMe“. Politische Stellungnahmen oder klare Forderungen sind öffentlich kaum sichtbar. Die mediale Präsenz bei gesellschaftspolitischen Themen ist gering.
Viele Betroffene fühlen sich dadurch nicht ausreichend vertreten. Es entsteht der Eindruck, dass der ÖGLB vor allem symbolische Arbeit leistet, statt echte politische Veränderungen anzustoßen.
Ist „SignWithMe“ die richtige Priorität?
Die Gebärdensprachvideos von „SignWithMe“ sind wichtig und hilfreich – aber:
- Sie lösen keine strukturellen Probleme.
- Sie schaffen keine gesetzlichen Verbesserungen.
- Sie ersetzen keine politische Interessenvertretung.
Ein Gehörlosenbund sollte beides verbinden:
Bildung fördern und politische Rechte verteidigen.
Wenn der Fokus zu stark auf Gebärdenlernen liegt, bleiben wichtige politische Aufgaben liegen.
Konkrete Forderungen der Deaf-Community
Aus vielen Gesprächen mit Betroffenen ergeben sich folgende wichtige Forderungen:
- Gebärdensprachdolmetschen:
- Bundesweit verlässliche und kurzfristige Versorgung mit Dolmetschern.
- Wahlfreiheit für die Betroffenen.
- Bessere Organisation und Transparenz.
- Entschädigungen bei kurzfristigen Absagen.
- Nachteilsausgleich:
- Gesetzlich verankerter und einheitlich geregelter Nachteilsausgleich.
- Barrierefreie Kommunikation bei Behörden und Ämtern.
- Pflege und soziale Absicherung:
- Einführung eines eigenen Pflegegeldes für gehörlose Menschen.
- Verbesserte Leistungen und Unterstützung für taubblinde Menschen.
- Mobilität:
- Einführung einer Wertmarke oder vergleichbarer Vergünstigungen für öffentliche Verkehrsmittel.
- Politische Teilhabe:
- Alle wichtigen politischen Informationen auch in Gebärdensprache.
- Barrierefreie Wahlprozesse und Beteiligungsmöglichkeiten.
Journalistische Einordnung
Dieser Bericht will keine einzelnen Projekte oder Personen angreifen. Auch „SignWithMe“ hat einen Wert für die Community. Die Kritik richtet sich auf die Prioritätensetzung und den Umgang mit den politischen Aufgaben.
Eine starke politische Interessenvertretung ist notwendig, um die Lebensbedingungen gehörloser Menschen in Österreich nachhaltig zu verbessern.
Fazit
Die Deaf-Community in Österreich braucht mehr als nur Erklärvideos in Gebärdensprache. Sie braucht einen ÖGLB, der laut und deutlich für Rechte kämpft, Druck macht und echte Veränderungen erreicht.
Der Vergleich mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund zeigt: Politische Arbeit ist möglich und erfolgreich, wenn sie konsequent verfolgt wird.
Der ÖGLB steht an einem wichtigen Punkt:
Wollen wir vor allem informieren – oder endlich verändern?

