In Hessen wird eine neue Arbeitsgruppe (AG) gegründet, die sich mit den Bedürfnissen gehörloser Menschen im Bereich Gebärdensprachdolmetschen (GSD) beschäftigt. Deaf24 begrüßt diesen Schritt sehr. Viele Gehörlose fühlen sich bisher wenig eingebunden und sind mit den aktuellen Angeboten unzufrieden. Die neue AG soll Gehörlosen eine gemeinsame Stimme geben, damit sie ihre Forderungen klar formulieren und Missstände offen ansprechen können.
Dieser Schritt bedeutet mehr Selbstbestimmung, weniger Abhängigkeit und eine stärkere Position gegenüber Dolmetschdiensten, Behörden und Institutionen. Immer mehr Gehörlose berichten von komplizierten Formularen, fehlender Rückmeldung, Datenschutzbedenken und unklaren Abläufen. Die AG will diese Probleme sachlich ansprechen und gemeinsam Lösungen finden.
Warum eine Arbeitsgruppe notwendig ist
Viele Gehörlose erleben große Schwierigkeiten bei der Nutzung von Dolmetschdiensten. Sie fühlen sich abhängig und haben kaum Mitsprache. Die wichtigsten Probleme sind:
1. Unzufriedenheit mit Dienstleistungen
- Formulare sind oft kompliziert und schwer verständlich.
- Persönliche Daten müssen vollständig angegeben werden, obwohl unklar ist, ob der Dolmetsch-Einsatz überhaupt möglich ist.
- Einige GSD lehnen Einsätze mit „keine Kapazitäten“ ab, obwohl manche Gehörlose den Eindruck haben, dass persönliche Sympathien eine Rolle spielen.
- Viele Anfragen bleiben unbeantwortet; teilweise berichten Betroffene von bis zu 95 % unbeantworteter Anfragen.
Das führt zu Unsicherheit und Frustration.
2. Datenschutz ernst nehmen
Viele Gehörlose sind unsicher, warum sie so viele persönliche Daten angeben müssen, bevor ein Einsatz bestätigt wird. Die AG will hier für mehr Transparenz und besseren Schutz sorgen.
Unabhängigkeit von GSD stärken – Machtungleichgewicht verkleinern
Die AG will, dass Gehörlose weniger abhängig von GSD sind. Es gibt oft ein Machtgefälle, weil Dolmetschende bestimmen, wie und wann Termine stattfinden.
Die Gehörlosen sind die „Endverbraucher“ – und in gewisser Weise „Könige“. Sie sind diejenigen, für die die Dienstleistung existiert und stehen im Mittelpunkt.
Kommunikationsassistenz (KA) mit einbeziehen
Die AG soll nicht nur über GSD sprechen, sondern auch Kommunikationsassistenz (KA) berücksichtigen.
Viele Gehörlose sagen:
- KA sind oft erfahrener in der Gehörlosenkultur.
- Sie kommunizieren natürlicher.
- Sie sind wirtschaftlich günstiger.
- KA können eine dauerhafte Lösung sein – nicht nur eine Notlösung.
Kommunikation mit Behörden, Polizei und Krankenhäusern verbessern
Gehörlose benötigen verlässliche Kommunikation mit Behörden, Polizei und Krankenhäusern. Die AG fordert:
- Mindestens zweimal pro Jahr ein Treffen und Austausch mit der AG, um Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden.
- Das Land Hessen könnte dabei eine Vorreiterrolle übernehmen, ähnlich wie bei der Finanzierung von Behinderten-WCs oder Blindenleitsystemen.
Sichtbare Hinweise an Behörden
An Eingängen oder Pforten sollten sichtbare Symbole für Gebärdensprache angebracht werden – z. B. ein Schild oder eine Klingel. So wissen Gehörlose, dass Unterstützung da ist, und das Personal kann passende Fachkräfte rufen.
Schulungen für Behördenmitarbeitende
Um unnötige Wartezeiten und komplizierte Terminabsprachen zu vermeiden, sollen Behörden geschult werden:
- Leichte, langsame und deutliche Sprache verwenden.
- Gehörlose direkt ansprechen.
- Grundbegriffe der Gebärdensprache lernen, zum Beispiel „Ihr Name bitte“ oder „Geburtsdatum“.
- Abläufe für Notfälle kennen, um schnelle Hilfe zu ermöglichen.
Gebärdensprache im Gesetz besser verankern
Gebärdensprache ist in Deutschland gesetzlich nicht ausreichend abgesichert. Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention und europäische Vorgaben Barrierefreiheit fordern, fehlen klare Verpflichtungen für Behörden und Institutionen, Gebärdensprache anzubieten.
Die AG will darauf hinwirken, dass die Rechte von Gehörlosen besser geschützt werden.
Entschädigung bei Ausfällen von GSD
Ein wichtiger Wunsch der Gehörlosen:
Wenn ein Dolmetscher ausfällt oder nicht erscheint, sollen Gehörlose entschädigt werden.
Der entstandene Schaden (verpasste Termine, Stress, Kosten) ist oft groß. Die Entschädigung könnte ähnlich geregelt werden wie bei Zeug*innen im JVEG. So würden GSD und Gehörlose gleichermaßen respektiert und fair behandelt.
JVEG richtig verstehen und Preise klären
- Das JVEG gilt offiziell nur für Gerichte und Behörden.
- Für andere Einsätze können eigene Preise vereinbart werden.
- Krankenkassen und Ärzt*innen akzeptieren auch KA statt GSD, wenn die Kommunikation gewährleistet ist.
Die AG will mehr Klarheit schaffen, damit keine falschen Erwartungen entstehen.
Fazit
Die neue Arbeitsgruppe in Hessen ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Selbstbestimmung und Mitbestimmung für Gehörlose. Deaf24 unterstützt diese Entwicklung.
Gehörlose sollen weniger abhängig von Dolmetschenden sein und als wichtigste Nutzer*innen im Mittelpunkt stehen. Die Einbindung von Kommunikationsassistenz, regelmäßiger Austausch mit Behörden, sichtbare Hinweise für Gebärdensprache, Schulungen, klare gesetzliche Rechte und eine faire Entschädigung bei Ausfällen sind wichtige Bausteine für bessere Kommunikation.
Wenn die AG mutig bleibt und offen zusammenarbeitet, kann sie langfristig echte Veränderungen für die Gehörlosen-Community bewirken. Jetzt beginnt die Chance, Kommunikation für Gehörlose zuverlässiger, respektvoller und auf Augenhöhe zu gestalten.

