Königin Mathilde von Belgien hat am 13. November 2025 im Théâtre de Poche in Brüssel eine besondere Theater‑Vorstellung mitgehört – und mitgehört… in Gebärdensprache. Bei diesem Pilotprojekt durften gehörlose und schwerhörige Jugendliche das Stück gemeinsam mit hörenden Schülerinnen und Schülern erleben.
Mittag im Theater: Schülerinnen und Schüler nehmen Platz
An diesem Tag war der Saal im Théâtre de Poche in der Brüsseler Parkanlage Bois de la Cambre nicht ganz voll wie bei einer normalen Abendvorstellung.
Hier saßen vor allem Schulklassen: Jugendliche vom Institut Saint‑Louis, vom Collège Roi Baudouin, vom Institut Redouté‑Peiffer und vom Institut Royal pour Sourds et Aveugles (IRSA).
Das IRSA ist ein großes Bildungszentrum für Menschen mit Hör‑ oder Seh‑Behinderungen. Es gehört zu den wichtigsten französischsprachigen Schulen dieser Art in Belgien.
Die meisten Schülerinnen und Schüler sind taub oder schwerhörig. Deshalb war es wichtig, dass sie das Theaterstück auch ohne Sprach‑Unterstützung verstehen können.
Theater für alle: Dolmetschung in Gebärdensprache
Für die Vorstellung wurde das Stück „Foxfinder“ gezeigt, eine englische Theatergeschichte der Autorin Dawn King.
Es handelt von einer fiktiven Welt, in der Angst, Kontrolle und falsche Nachrichten eine große Rolle spielen. Diese Themen sind für viele Jugendliche sehr wichtig.
Damit auch gehörlose Zuschauer die Story verfolgen konnten, gab es eine Dolmetschung in Gebärdensprache.
Eine gehörlose Dolmetscherin und eine hörende Dolmetscherin arbeiteten zusammen. Sie übersetzten den Text der Schauspielerinnen und Schauspieler in Belgische Gebärdensprache.
Für die Schülerinnen und Schüler war das etwas Besonderes:
Sie sahen nicht nur das Theaterstück, sondern auch die Gestik, Mimik und Bewegungen der Dolmetscherin – und das gehört für sie genauso zum Theater dazu.
Die Botschaft des Stücks: Politisch, aber nicht langweilig
„Foxfinder“ ist kein klassisches Märchen, sondern eine dystopische Fabel.
Die Geschichte zeigt, wie Menschen Furcht und Lügen nutzen, um andere zu kontrollieren oder zu verteufeln – zum Beispiel durch Propaganda und Fanatismus.
Im Stück werden diese Themen spannend und lebendig gespielt, damit sie die Jugendlichen nicht langweilen.
Die Regie des Théâtre de Poche hat die englische Version extra für französische Schulklassen angepasst, damit Begriffe und Situationen leichter zu verstehen sind.
Für viele gehörlose Jugendliche war das erneut etwas Besonderes:
Zum ersten Mal sahen sie ein Theaterstück, das nicht nur unterhalten will, sondern auch zum Nachdenken anregt – über Wahrheit, Macht und Gerechtigkeit.
Königin Mathilde im Publikum: kein „normaler“ Theaterbesuch
Königin Mathilde kam nicht als „normale“ Besucherin.
Sie setzte sich direkt neben die Schülerinnen und Schüler und beobachtete die Vorstellung von der ersten Minute an.
Die Königin ist ausgebildete Logopädin, also Sprachtherapeutin.
Deshalb interessiert sie sich besonders für Sprache, Kommunikation und Bildung. Inklusion ist für sie kein leeres Wort, sondern ein Perspektivpunkt, der in vielen Projekten sichtbar wird – auch in der König‑Baudouin‑Stiftung.
Nach der Vorstellung sprach sie mit den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern.
Ein Dolmetscher in Gebärdensprache half dabei, damit alle verstehen konnten, was die Königin sagen wollte.
Ein Pilotprojekt für inklusive Kultur
Die Vorstellung war Teil eines Pilotprojekts:
Das bedeutet, es wird ausprobiert, ob und wie solche Formate regelmäßig angeboten werden können – nicht nur im Théâtre de Poche, sondern auch in anderen Häusern.
Ziele des Projekts sind:
- Gehörlose und schwerhörige Menschen können Teil des Theater‑Publikums sein.
- Die Kommunikation zwischen gehörlosen und hörenden Zuschauern wird gestärkt.
- Theaterhäuser lernen, wie barrierefreie Aufführungen besser organisiert werden können.
Dazu gehören:
- Dolmetschung in Gebärdensprache
- Gute Sicht auf Dolmetscherin und Bühne
- Ruhige, gut verständliche Inszenierung
Wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, könnte es zu einem Standardangebot werden – so wie bestimmte Theaterstücke heute schon regelmäßig auch für Schulen oder für Senioren angeboten werden.
Inklusion: mehr als ein besonderes Ereignis
Die Teilnahme von Königin Mathilde ist ein starkes Signal.
Sie zeigt, dass Kulturangebote für alle Menschen gut gestaltet werden sollen – unabhängig von Hör‑ oder Sprach‑Fähigkeiten.
Die Schülerinnen und Schüler vom IRSA und den anderen Schulen sagten nach der Vorstellung, wie wichtig ihnen solche Projekte sind.
Viele wünschen sich, dass Theater, Kino oder andere Kulturveranstaltungen stärker auf ihre Bedürfnisse eingehen.
Für viele bleibt dieser Theater‑Nachmittag im Gedächtnis:
Nicht nur wegen der Geschichte von „Foxfinder“, sondern auch, weil sie einmal erlebten, dass inklusives Theater möglich ist – und schön sein kann.
Ausblick: Was kann dieses Projekt bedeuten?
Das Pilotprojekt im Théâtre de Poche zeigt:
Kultur‑Häuser können mit kleinen, gezielten Schritten etwas bewegen.
Wenn andere Theaterschaffende, Schulen und Politiker dieses Projekt beobachten, könnten daraus neue Kooperationen entstehen.
Denn Inklusion ist nicht nur ein Thema im Bildungsbereich, sondern auch im Bereich Kultur, Freizeit und gesellschaftliche Teilhabe.
Jeder Besuch, jedes Gespräch mit gehörlosen Jugendlichen – auch wenn sie kurz ist – kann dazu beitragen, dass Mauern zwischen „normal“ und „Sonstige“ ein bisschen brüchiger werden.
Photo : ABACAPRESS.COM

