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Kritik am DGB: Versäumnisse und Verantwortung heute

by info@deaf24.com

In der 27. Kalenderwoche gibt der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) einen Einblick in seine aktuelle Arbeit – von organisatorischen Aufgaben über politische Beteiligung bis hin zur Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Netzwerk der Behindertenverbände. Dabei zeigt sich: Es gibt Fortschritte, aber auch viel Nachholbedarf. Besonders auffällig ist, dass grundlegende Probleme wie mangelnde Zusammenarbeit mit Jugend- und Landesverbänden, unzureichende Sichtbarkeit der Gebärdensprachkultur und strukturelle Ungleichgewichte in der politischen Vertretung weiterhin bestehen – obwohl der DGB bereits seit 1950 existiert.

 

Kulturtage: Bürokratie und finanzielle Hürden

Ein zentrales Thema in dieser Woche ist die Nachbereitung der Kulturtage. Der DGB berichtet, dass viel Büroarbeit notwendig war, insbesondere im Hinblick auf die Nachweise für Fördergelder von Aktion Mensch. Viele Belege mussten gesammelt und hochgeladen werden. Jetzt steht die Prüfung aus – erst dann erfolgt die Auszahlung der Fördermittel. Solange diese Zahlungen ausbleiben, können ausstehende Rechnungen nicht beglichen werden. Der DGB bittet um Verständnis bei den Betroffenen, verweist aber auch darauf, dass die Fördermittel bisher nur unzureichend abgerufen wurden und dadurch zu viele Gelder vom DGB-eigenen Konto ausgegeben werden mussten – ein finanzieller Engpass, der vermeidbar gewesen wäre.

 

Strukturelle Probleme bei der Jugendbeteiligung

In einem Online-Meeting mit der Deutschen Gehörlosen-Jugend wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit mit den Jugendvertretungen der Landesverbände zu wünschen übrig lässt. Es fehlen klare Strukturen und Kommunikationswege. Besonders problematisch ist, dass in der Vergangenheit zentrale Entscheidungen ohne die Beteiligung der Jugend getroffen wurden. Der DGB will dieses Thema bei der kommenden Bundesversammlung in Bremen aufgreifen. Ziel ist es, die Gründe für alte Strukturen zu erklären – und endlich neue, tragfähige Lösungen zu entwickeln. Es bleibt jedoch fraglich, warum diese Debatten nicht schon viel früher systematisch geführt wurden.

 

Politische Vertretung: Fortschritte, aber große Lücken

Ein weiteres wichtiges Thema ist die politische Arbeit des DGB. Präsident Helmut Vogel berichtet von einem Besuch beim Deutschen Behindertenrat (DBR) in Berlin. Dort war er als Gast vertreten – ohne Stimmrecht. Der Grund: Der DGB ist kein direktes Mitglied im DBR. Stattdessen gehört er zur Deutschen Gesellschaft der Hörbehinderten – Selbsthilfe und Fachverbände e.V. (DG), die ein ordentliches Mitglied mit Stimmrecht ist. Zwar darf der DGB mitdiskutieren, doch Entscheidungen trifft er dort nicht mit. Ein strukturelles Ungleichgewicht, das die politische Wirksamkeit des DGB erheblich einschränkt.

Vogel beschreibt, dass er im DBR viele Themen vertieft kennengelernt hat, etwa zur europäischen Mobilität von Menschen mit Behinderung oder zu politischen Entwicklungen in Berlin. Die Vielfalt der Themen sei beeindruckend, aber auch überwältigend. Nach acht Monaten Amtszeit fühle sich das neue Präsidium nun besser gerüstet, politisch Stellung zu beziehen – insbesondere in den Bereichen Barrierefreiheit, Sprache, Kultur und Identität.

 

Sprache als politischer blinder Fleck

Dabei zeigt sich ein grundlegender Unterschied zu anderen Verbänden: Während diese meist nur Barrierefreiheit fordern, trägt der DGB zusätzlich die Verantwortung für die Sichtbarkeit der Deutschen Gebärdensprache und der damit verbundenen Kultur. Diese doppelte Aufgabe ist anspruchsvoll – und wird außerhalb der Gehörlosengemeinschaft oft nicht verstanden. Viele Politikerinnen und Politiker betrachten Sprache als Nebensache oder glauben, ein Avatar könne Übersetzungen übernehmen. Doch dabei gehen kulturelle Identität und lebendige Kommunikation verloren. Der DGB erkennt inzwischen selbstkritisch, dass er auf seiner Website und in seiner Öffentlichkeitsarbeit zu wenig über diese Zusammenhänge informiert hat. Das soll sich ändern.

 

Rückblick auf historische Diskriminierung: Die Folgen des Oralismus

Ein weiteres zentrales Thema ist die gesellschaftliche Aufarbeitung der Sprachdeprivation und des historischen Gebärdensprachverbots. Bei einer Anhörung im Sozialausschuss Hamburg im Februar wurde dieses Unrecht benannt – verbunden mit Empathie und einer möglichen Entschädigung. Noch ist offen, ob diese Anerkennung bundesweit umgesetzt wird. Klar ist jedoch: Es liegt in der Verantwortung aller Landesverbände und Verbände, dieses Thema aktiv weiterzuverfolgen. Die Auswirkungen des Oralismus sind tiefgreifend – sie betreffen Bildung, Identität und gesellschaftliche Teilhabe bis heute. Die kommenden Jahre könnten für die Gehörlosengemeinschaft entscheidend werden.

 

Die Rolle der Deutschen Gesellschaft der Hörbehinderten: Mitverantwortung an der Krise?

In der aktuellen Debatte rückt auch die Deutsche Gesellschaft der Hörbehinderten – Selbsthilfe und Fachverbände e.V. (DG) unter Vorsitz von Bernd Schneider in den Fokus. Als stimmberechtigtes Mitglied im DBR besitzt sie politischen Einfluss, den der DGB bisher nicht hat. Doch viele Gehörlose kritisieren, dass die DG diesen Einfluss nicht ausreichend genutzt hat, um die spezifischen Interessen der Gebärdensprachgemeinschaft zu vertreten. Stattdessen lag der Schwerpunkt oft auf medizinischen oder technischen Hilfen – etwa Hörgeräten oder Implantaten – während kulturelle und sprachliche Aspekte kaum thematisiert wurden.

Gerade diese Fokussierung führt zur Entfremdung: Viele Gehörlose sehen sich nicht als Teil einer pauschalen Gruppe „Hörbehinderter“, sondern als sprachlich-kulturelle Minderheit mit eigenen Bedürfnissen. In dieser Hinsicht hätte die DG aktiv Brücken zum DGB und zur Gebärdensprachgemeinschaft bauen müssen. Dass es kaum koordinierte Kampagnen oder gemeinsame politische Strategien gab, ist ein schweres Versäumnis.

Auch in Bezug auf die interne Kommunikation und Transparenz ist die Kritik deutlich. Während die DG als politische Vertretung Zugang zu Ministerien und Behörden hat, scheint sie diesen Vorteil nicht genutzt zu haben, um etwa mehr Rechte für Gebärdensprache oder den barrierefreien Zugang zu Dolmetschdiensten einzufordern. Ob die DG somit eine Hauptverantwortung an der Misere trägt, ist umstritten – klar ist aber: Ihre privilegierte Stellung verpflichtet sie zu mehr Einsatz für die gesamte hörbehinderte Gemeinschaft.

 

Fazit: Viel Engagement, aber strukturelle Schwächen

Der Wochenrückblick des DGB zeigt: Es gibt Bewegung. Das neue Präsidium sucht den politischen Anschluss, reflektiert eigene Versäumnisse und setzt wichtige Themen wie Sprachkultur, Identität und historische Gerechtigkeit auf die Agenda. Doch die strukturellen Probleme – insbesondere die schwache Zusammenarbeit mit der Jugend, die fehlende Gleichstellung im Deutschen Behindertenrat und das unklare Verhältnis zur DG – wiegen schwer. Wenn die Gehörlosengemeinschaft politisch stärker auftreten will, braucht sie mehr als Einzelinitiativen: Sie braucht ein echtes, tragfähiges Netzwerk. Und dieses Netzwerk muss endlich gemeinsam sprechen – für alle Gehörlosen, nicht nur für einzelne Organisationen.

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