Bei assistenz24 in Österreich hat ein neuer Gebärdensprachkurs begonnen. Zwei Teilnehmerinnen erzählen, warum sie Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) lernen möchten. Ihre Beweggründe sind persönlich und nachvollziehbar. Doch das Interesse einzelner Menschen reicht nicht aus. Auch Behörden und öffentliche Einrichtungen müssen mehr Verantwortung übernehmen, um Kommunikationsbarrieren abzubauen.
Ein neuer Gebärdensprachkurs hat begonnen
Auf Instagram berichtet assistenz24 über den Beginn eines neuen Gebärdensprachkurses. Dabei stellt die Organisation eine einfache Frage an die Teilnehmerinnen: Warum möchtest du Gebärdensprache lernen?
Zwei Teilnehmerinnen geben darauf persönliche Antworten. Ihre Aussagen zeigen, dass es unterschiedliche Gründe gibt, sich mit der Sprache gehörloser Menschen zu beschäftigen.
Eine Teilnehmerin heißt Heidi. Sie erzählt, dass sie eine gehörlose Kollegin hat. Deshalb möchte sie sich in Zukunft besser und einfacher mit ihr verständigen können.
Außerdem findet Heidi Gebärdensprache besonders schön. Sie gefällt ihr, weil sie mit vielen Bildern arbeitet. Sie findet es spannend, diese Sprache zu lernen und sie später selbst anwenden zu können.
Ihre Motivation ist verständlich: Sie möchte nicht nur über gehörlose Menschen sprechen, sondern direkt mit ihrer Kollegin kommunizieren können.
Neue Menschen kennenlernen und Gespräche führen
Auch eine zweite Teilnehmerin erklärt, was sie sich von dem Kurs erhofft.
Sie möchte viele neue Menschen kennenlernen. Außerdem möchte sie gehörlose Menschen im Alltag besser verstehen und einfache Gespräche mit ihnen führen können.
Damit spricht sie einen wichtigen Punkt an: Gebärdensprache sollte nicht nur in einem Kursraum gelernt werden. Entscheidend ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Gelernte später auch im wirklichen Leben anwenden.
Dazu gehören Begegnungen beim Einkaufen, bei Veranstaltungen, am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld.
Schon einfache Gebärden können einen ersten Kontakt erleichtern. Wer regelmäßig übt und sich mit gehörlosen Menschen austauscht, kann seine Sprachkenntnisse Schritt für Schritt verbessern.
Gebärdensprache ist mehr als einzelne Handzeichen
Ein wichtiger Punkt darf dabei nicht vergessen werden: Gebärdensprache ist keine Sammlung einzelner Handzeichen.
Die Österreichische Gebärdensprache ist eine eigenständige natürliche Sprache. Sie hat eine eigene Grammatik, eine eigene Sprachstruktur und einen eigenen Wortschatz.
Auch Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Bewegungen gehören zur sprachlichen Kommunikation.
Deshalb reicht es nicht aus, nur einige Gebärden auswendig zu lernen. Wer wirklich mit gehörlosen Menschen kommunizieren möchte, muss auch die sprachlichen Regeln und die Gehörlosenkultur kennenlernen.
Außerdem ist Gebärdensprache nicht international einheitlich. In Österreich wird ÖGS verwendet. In Deutschland gibt es die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Beide Sprachen unterscheiden sich voneinander.
Ein Kurs kann deshalb nur ein Anfang sein. Sprachkenntnisse entstehen durch regelmäßiges Lernen, Übung und persönliche Begegnungen.
Deaf24 findet das Interesse hörender Menschen gut
Es ist eine positive Entwicklung, wenn hörende Menschen freiwillig Gebärdensprache lernen möchten.
Viele gehörlose Menschen erleben im Alltag Kommunikationsprobleme. Das betrifft nicht nur private Gespräche, sondern auch Arbeitsplätze, Arztbesuche, Behörden und öffentliche Einrichtungen.
Wenn hörende Menschen Gebärdensprache lernen, können sie selbst einen Beitrag dazu leisten, solche Barrieren zu verringern.
Besonders erfreulich ist es, wenn das Interesse nicht nur aus beruflichen Gründen entsteht. Auch Freundschaften, Nachbarschaft, Kolleginnen und Kollegen sowie persönliche Begegnungen können eine wichtige Motivation sein.
Allerdings darf die Verantwortung nicht allein bei einzelnen hörenden Menschen liegen, die freiwillig einen Kurs besuchen.
Warum bieten Behörden so wenige Gebärdensprachkurse an?
Hier sieht Deaf24 noch großen Nachholbedarf.
Gerade Behörden sind wichtige Anlaufstellen für gehörlose Menschen. Dort geht es um persönliche und oft schwierige Angelegenheiten: Anträge, finanzielle Unterstützung, Pflege, Gesundheit, Arbeit, Wohnen und andere wichtige Entscheidungen.
Trotzdem sind Kommunikationsbarrieren bei Behörden weiterhin ein Problem.
Warum bieten öffentliche Einrichtungen nicht viel häufiger eigene Gebärdensprachkurse für ihre Beschäftigten an?
Warum gibt es nicht mehr gezielte Schulungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bürgerämtern, Sozialämtern, Jobcentern, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen?
Ein solcher Kurs könnte beispielsweise mit grundlegenden Gebärden beginnen. Dazu gehören Begrüßungen, einfache Fragen, wichtige Begriffe und die Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen.
Natürlich kann ein kurzer Kurs keine professionelle Gebärdensprachdolmetschung ersetzen. Für komplizierte Gespräche, rechtliche Entscheidungen oder medizinische Informationen sind qualifizierte Dolmetscherinnen und Dolmetscher weiterhin notwendig.
Aber einfache Kenntnisse können den ersten Kontakt erleichtern. Sie können zeigen, dass gehörlose Menschen willkommen sind und ernst genommen werden.
Österreich hat bereits wichtige Schritte unternommen
Die Österreichische Gebärdensprache ist seit 2005 in der österreichischen Bundesverfassung anerkannt.
Auch auf politischer Ebene gibt es Maßnahmen zur Verbesserung der Situation gehörloser Menschen.
Das österreichische Sozialministerium stellte 2024 eine Förderrichtlinie mit insgesamt vier Millionen Euro vor. Damit sollen unter anderem zusätzliche Ausbildungsangebote für ÖGS-Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie für ÖGS-Kursleiterinnen und Kursleiter unterstützt werden.
Das ist ein wichtiger Schritt. Trotzdem muss sich auch im Alltag etwas verändern.
Die Förderung von Ausbildungen und die Anerkennung der Gebärdensprache allein beseitigen noch nicht alle Kommunikationsprobleme.
Öffentliche Einrichtungen müssen sich ebenfalls fragen, wie sie ihre Beschäftigten besser auf den Kontakt mit gehörlosen Menschen vorbereiten können.
Deaf24-Meinung: Gute Absichten müssen zu Veränderungen führen
Die beiden Teilnehmerinnen von assistenz24 zeigen, dass Interesse und persönliche Motivation vorhanden sind.
Heidi möchte mit ihrer gehörlosen Kollegin besser kommunizieren. Die zweite Teilnehmerin möchte neue Menschen kennenlernen und einfache Gespräche mit gehörlosen Menschen führen.
Das sind gute Gründe, Gebärdensprache zu lernen.
Deaf24 begrüßt solche Angebote ausdrücklich. Allerdings reicht ein einzelner Kurs oder ein begrenztes Angebot nicht aus, um die Kommunikationssituation gehörloser Menschen nachhaltig zu verbessern.
Wir erwarten deshalb mehr Engagement von öffentlichen Einrichtungen und Behörden.
Warum lernen nicht mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden grundlegende Gebärdensprache? Warum werden solche Kurse nicht stärker gefördert und regelmäßig angeboten?
Es geht nicht darum, dass jeder hörende Mensch fließend Gebärdensprache beherrschen muss. Es geht um gegenseitige Rücksichtnahme, Respekt und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.
Gehörlose Menschen müssen sich nicht immer allein an die hörende Gesellschaft anpassen. Auch die hörende Gesellschaft muss bereit sein, Kommunikationsbarrieren abzubauen.
Unser Standpunkt ist klar: Wer Inklusion ernst nimmt, sollte nicht nur über Barrierefreiheit sprechen, sondern auch selbst etwas dafür tun.

