Der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) hat in seinem Wochenrückblick zwei Themen vorgestellt. Eines davon war die kommende Bundesversammlung. Das zweite Thema war die gesetzliche Betreuung gehörloser Menschen.
Der DGB möchte Erfahrungen sammeln. Gehörlose Menschen, Angehörige, Beratungsstellen und andere Beteiligte sollen berichten, welche Probleme sie mit gesetzlicher Betreuung erlebt haben. Die Ergebnisse sollen später als Grundlage für Gespräche mit einem Ministerium dienen.
Deaf24 begrüßt grundsätzlich, dass über dieses Thema gesprochen wird.
Die Kommunikation zwischen gehörlosen Menschen und gesetzlichen Betreuern ist ein wichtiges Thema.
Trotzdem sieht Deaf24 deutliche Schwächen in der Vorgehensweise des DGB.
Das Thema ist wichtig
Eine gesetzliche Betreuung kann Menschen unterstützen, wenn sie bestimmte Angelegenheiten nicht alleine regeln können.
Zum Beispiel:
- Gesundheit
- Behördenangelegenheiten
- Finanzen
- Wohnung
- Verträge
Eine Betreuung bedeutet jedoch nicht, dass eine andere Person alle Entscheidungen übernimmt.
Die betreute Person bleibt grundsätzlich selbstbestimmt. Die Aufgabe der Betreuung ist Unterstützung und Begleitung.
Kommunikation darf keine Barriere sein
Der DGB weist darauf hin, dass viele hörende Betreuer keine Deutsche Gebärdensprache können.
Dieses Problem gibt es tatsächlich.
Wenn ein gehörloser Mensch und ein Betreuer nicht ausreichend kommunizieren können, kann es zu Missverständnissen kommen.
Eine gute Kommunikation ist wichtig, damit Entscheidungen verstanden werden und die Wünsche der betreuten Person berücksichtigt werden.
Aber nach Ansicht von Deaf24 darf daraus nicht automatisch folgen, dass hörende Betreuer ohne Gebärdensprache grundsätzlich nicht geeignet sind.
Es gibt viele engagierte Betreuer, die mit Dolmetschern arbeiten, schriftlich kommunizieren oder andere Hilfsmittel nutzen.
Auch hörende Menschen können lernen und sich weiterbilden.
Wichtiger Punkt fehlt: Gehörlose Menschen können selbst Betreuer werden
Nach Ansicht von Deaf24 fehlt im Beitrag des DGB ein wichtiger Lösungsweg.
Nicht nur hörende Betreuer können diese Aufgabe übernehmen.
Auch gehörlose Menschen können sich als ehrenamtliche oder berufliche Betreuer engagieren, wenn sie geeignet sind.
Sie können sich bei Betreuungsvereinen informieren, entsprechende Qualifikationen erwerben und ihre Bereitschaft gegenüber den zuständigen Stellen zeigen.
Bei einer Betreuung entscheidet das Gericht, welche Person geeignet ist. Dabei werden auch Wünsche der betroffenen Person berücksichtigt.
Das bedeutet: Eine gehörlose Person kann auch eine gehörlose Betreuungsperson vorschlagen.
Für Deaf24 ist dies eine praktische Möglichkeit, die schneller helfen kann als eine lange Diskussion über neue Gesetze.
Das Gericht entscheidet nicht einfach nur über hörende Betreuer
Der DGB erwähnt, dass das Gericht die betreuende Person bestimmt.
Das ist grundsätzlich richtig.
Aber die betroffene Person hat ebenfalls Rechte.
Sie kann Wünsche äußern und mitteilen, welche Person sie als Betreuungsperson möchte.
Dieser wichtige Aspekt wird im Wochenrückblick nicht ausreichend erklärt.
Brauchen wir wirklich ein neues Gesetz?
Deaf24 stellt diese Frage kritisch.
Deutschland hat bereits viele gesetzliche Regelungen:
- Betreuungsrecht
- Behindertengleichstellung
- UN-Behindertenrechtskonvention
- Regelungen zur Barrierefreiheit
Das Problem ist häufig nicht nur fehlendes Recht.
Oft geht es um die Umsetzung.
Es fehlen beispielsweise:
- Informationen,
- Zusammenarbeit,
- Fortbildungen,
- mehr Menschen mit Gebärdensprachkenntnissen,
- praktische Lösungen vor Ort.
Nicht jedes Problem benötigt automatisch ein neues Gesetz.
Andere Stellen können ebenfalls helfen
Deaf24 sieht außerdem eine wichtige Aufgabe bei bestehenden Beratungsangeboten.
Gehörlose Menschen sind nicht allein auf gesetzliche Betreuung angewiesen.
Unterstützung bieten können zum Beispiel:
- Beratungsstellen für gehörlose Menschen,
- EUTB-Beratungsstellen,
- Sozialverbände wie VdK und SoVD,
- Betreuungsvereine,
- kommunale Beratungsstellen.
Diese Stellen können informieren, beraten und gemeinsam mit Betroffenen Lösungen suchen.
Eine gute Zusammenarbeit zwischen diesen Einrichtungen könnte viele Probleme schneller lösen.
Kritik an der Umfrage des DGB
Die Idee, Erfahrungen zu sammeln, ist grundsätzlich sinnvoll.
Aber Deaf24 sieht Schwächen bei der geplanten Umfrage.
Die Fragen konzentrieren sich stark auf Probleme.
Für eine gute politische Grundlage wären weitere Fragen wichtig:
- Welche Kommunikationsform wurde genutzt?
- Gab es einen Dolmetscher?
- Welche Lösungen haben funktioniert?
- Welche Erfahrungen waren positiv?
- War die Betreuung ehrenamtlich oder beruflich?
- Welche Unterstützung wurde zusätzlich genutzt?
Eine ausgewogene Untersuchung muss nicht nur Probleme zeigen, sondern auch erfolgreiche Beispiele.
Politik braucht mehr als einzelne Fälle
Wenn ein Verband mit einem Ministerium sprechen möchte, braucht er gute Vorbereitung.
Ministerien benötigen:
- Zahlen,
- Fakten,
- Analysen,
- konkrete Vorschläge.
Einzelne Erfahrungen sind wichtig.
Aber politische Entscheidungen entstehen meistens durch umfassende Informationen.
Deaf24 fragt deshalb:
Warum arbeitet der DGB nicht stärker mit anderen Fachstellen zusammen?
Zum Beispiel mit:
- Berufsverbänden gesetzlicher Betreuer,
- Betreuungsvereinen,
- Sozialverbänden,
- Wissenschaft,
- Beratungsstellen.
Eine gemeinsame Lösung wäre stärker als eine einseitige Forderung.
Eine gemeinsame Lösung wäre stärker als eine einseitige Forderung.
Nach Einschätzung von Deaf24 sind die Erfolgsaussichten einer solchen Vorgehensweise eher gering, wenn der DGB ohne eine breite fachliche Grundlage in Gespräche geht.
Ministerien erwarten in der Regel belastbare Daten, rechtliche Bewertungen und die Unterstützung verschiedener Fachorganisationen. Eine einzelne Umfrage mit Erfahrungsberichten reicht dafür häufig nicht aus.
Deshalb stellt Deaf24 die Frage, ob die angekündigte Strategie des DGB realistische Chancen auf eine politische Umsetzung hat. Aus Sicht der Redaktion könnten die Erfolgsaussichten deutlich steigen, wenn der DGB gemeinsam mit Betreuungsvereinen, Sozialverbänden, Gerichten, Fachleuten und weiteren Behindertenorganisationen konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet.
Nach der Einschätzung von Deaf24 sind die Chancen auf eine erfolgreiche politische Umsetzung ohne eine solche breite Zusammenarbeit eher gering.
Kritik aus der Gehörlosen-Community
Deaf24 berichtet seit Jahren über Themen der gehörlosen Menschen und kennt die Erfahrungen vieler Betroffener.
Viele gehörlose Menschen engagieren sich seit Jahrzehnten in Vereinen und Verbänden.
Aus dieser Community kommt immer wieder Kritik:
Manche Mitglieder fühlen sich mit ihren Problemen und Meinungen nicht ausreichend gehört.
Sie wünschen sich mehr direkte Gespräche und mehr Beteiligung.
Nach den Erfahrungen einiger Mitglieder werden Probleme manchmal an andere Ansprechpartner weitergegeben, anstatt innerhalb der eigenen Strukturen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Gerade Gehörlosenvereine und -verbände sollten nah an ihren Mitgliedern sein.
Ihre Aufgabe ist nicht nur politische Arbeit.
Sie müssen auch zuhören, beraten und praktische Unterstützung anbieten.
Eigene Erfahrung aus der Community
Auch innerhalb der Deaf24-Redaktion gibt es jahrzehntelange Erfahrungen mit Gehörlosenvereinen.
Einige Redaktionsmitglieder sind seit vielen Jahren Teil der Gehörlosen-Gemeinschaft und kennen die Vereinsarbeit aus eigener Erfahrung.
Es gab sogar Situationen, in denen Mitglieder Verantwortung übernehmen sollten.
Ein Beispiel: Ein Redaktionsmitglied wurde früher als Vorsitzender vorgeschlagen, lehnte diese Aufgabe jedoch ab.
Solche Erfahrungen zeigen: Viele gehörlose Menschen haben Wissen und Fähigkeiten, die stärker genutzt werden könnten.
Die Community verfügt über viele engagierte Menschen.
Diese Menschen sollten mehr einbezogen werden.
Fazit von Deaf24
Die gesetzliche Betreuung gehörloser Menschen ist ein wichtiges Thema.
Kommunikationsbarrieren müssen ernst genommen werden.
Der Deutsche Gehörlosen-Bund hat mit seiner Umfrage ein berechtigtes Thema angesprochen.
Nach Ansicht von Deaf24 fehlt jedoch eine umfassendere Strategie.
Es reicht nicht aus, nur Probleme zu sammeln und anschließend politische Gespräche zu führen.
Eine erfolgreiche Interessenvertretung braucht:
- Zusammenarbeit mit Fachstellen,
- Einbindung der eigenen Mitglieder,
- Nutzung vorhandener Lösungen,
- mehr gehörlose Betreuer,
- bessere Informationen,
- sachliche Daten.
Gehörlose Menschen brauchen nicht nur politische Forderungen.
Sie brauchen praktische Lösungen, die im Alltag funktionieren.
Eine starke Gemeinschaft entsteht nicht nur durch Gesetze, sondern auch durch Zuhören, Zusammenarbeit und eigenes Handeln.

