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Gehörlose und Lesen: Wollen sie nicht oder können sie nicht?

by info@deaf24.com

Viele Menschen fragen sich, warum manche Gehörlose Schwierigkeiten beim Lesen haben. Häufig wird vermutet, dass Gehörlose einfach nicht lesen wollen oder lesefaul sind. Doch diese Sichtweise ist falsch und unfair. In Wirklichkeit geht es um viel komplexere Zusammenhänge. Die meisten Gehörlosen möchten sehr wohl lesen und verstehen, aber sie stoßen auf besondere Hürden, die mit ihrer sprachlichen Entwicklung und Bildung zusammenhängen. Dieser Artikel erklärt ausführlich, warum Lesen für viele Gehörlose schwer ist, woran das liegt und was helfen kann.

 

Warum ist Lesen für viele Gehörlose schwer?

Gebärdensprache als Muttersprache – Deutsch als Fremdsprache

Für viele Gehörlose ist die Gebärdensprache die erste Sprache, die sie lernen – das ist ihre Muttersprache. Die Gebärdensprache funktioniert ganz anders als die geschriebene deutsche Sprache. Sie hat eine eigene Grammatik, Satzstruktur und Logik. Die deutsche Schriftsprache basiert auf der Lautsprache, die Gehörlose nicht hören können. Deshalb ist Deutsch für sie oft wie eine Fremdsprache, die sie erst mühsam erlernen müssen.

Viele Gehörlose lernen Deutsch erst spät und oft nicht in der Muttersprache, sondern nur in der Schule oder durch lesen. Dadurch ist das Verstehen von deutschen Texten oft schwierig und anstrengend.

 

Bildung und schulische Förderung – große Defizite

Leider haben viele gehörlose Kinder in der Schule nicht die optimale Unterstützung erhalten. Es gab und gibt oft zu wenig Gebärdensprachförderung und Barrierefreiheit im Unterricht. Das bedeutet:

  • Wenig Zugang zu klarer Sprache und Kommunikation
  • Keine oder zu wenige qualifizierte Gebärdensprachlehrer*innen
  • Fehlende Lernmaterialien, die an Gebärdensprachler angepasst sind

Dies führt dazu, dass viele Gehörlose keine solide Sprachbasis in Deutsch aufbauen konnten. Sie haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, weil sie die deutsche Sprache nicht vollständig verstehen.

 

Unterschied zwischen Lesen und Verstehen

Es ist wichtig zu verstehen, dass Lesen und Verstehen nicht dasselbe sind. Viele Gehörlose können Buchstaben und Wörter lesen. Aber oft verstehen sie den Inhalt nicht richtig oder nur teilweise. Das liegt daran, dass sie die komplexe Grammatik und Wortbedeutungen der deutschen Sprache nicht vollständig beherrschen.

Deshalb ist Lesen für viele Gehörlose oft anstrengend, langsam und ermüdend. Es braucht viel Übung, Geduld und gute Unterstützung.

 

Warum Texte oft zu kompliziert sind

Ein weiteres Problem ist, dass viele Texte zu schwer sind. Viele Texte enthalten:

  • Lange, verschachtelte Sätze
  • Fachwörter und Fremdwörter
  • Unübersichtliche Absätze ohne klare Struktur

Für Menschen, die Deutsch als zweite oder dritte Sprache lernen, sind solche Texte kaum verständlich. Das führt dazu, dass viele Gehörlose beim Lesen schnell frustriert sind oder gar nicht erst anfangen.

 

Kommunikation: Nicht einfach „Wenn nicht telefonieren, dann Mail schreiben“

Oft hören Gehörlose von Hörenden: „Wenn du nicht telefonieren kannst, dann schreib doch eine Mail!“
Diese Aussage ist aber nicht so einfach, wie sie klingt. E-Mails schreiben erfordert gute Schreib- und Lesefähigkeiten, die viele Gehörlose nicht selbstverständlich haben. Nur weil jemand nicht telefonieren kann, heißt das nicht automatisch, dass er oder sie problemlos schriftlich kommunizieren kann.

Für viele Gehörlose ist das Schreiben und Lesen von Texten ebenfalls eine Herausforderung. Es braucht Verständnis und Geduld, wenn Kommunikation auf verschiedenen Wegen stattfinden soll. Pauschale Forderungen wie „Schreib doch einfach eine Mail“ helfen nicht weiter, sondern können sogar Druck und Frust erzeugen.

 

Was hilft Gehörlosen beim Lesen?

Einfache Sprache und klare Struktur

Texte in leichter oder einfacher Sprache sind für viele Gehörlose besser zu verstehen. Diese Texte haben:

  • Kurze Sätze
  • Einfache Wörter
  • Klare Überschriften und Absätze
  • Wenig Fachbegriffe oder Erklärungen dazu

Solche Texte helfen, Informationen besser zu erfassen und zu behalten.

 

Gebärdensprach-Videos als Ergänzung

Videos in Gebärdensprache sind eine große Hilfe, weil sie direkt die Muttersprache der Gehörlosen nutzen. Inhalte, die als Video angeboten werden, sind leichter zu verstehen als nur geschriebener Text. So können wichtige Informationen besser vermittelt werden.

 

Respektvolle Kommunikation und Geduld

Leseschwierigkeiten sind keine Faulheit, sondern eine Folge von fehlender Förderung und Barrieren. Gehörlose Menschen brauchen Verständnis, Geduld und respektvolle Unterstützung. Vorwürfe wie „Du willst nicht lesen“ helfen nicht, sondern verschlimmern das Problem.

 

Fazit: Wollen oder können Gehörlose nicht lesen?

Die Antwort ist klar: Viele Gehörlose wollen sehr wohl lesen und Informationen verstehen. Aber sie können oft nicht so gut lesen, weil sie durch ihre Muttersprache Gebärdensprache, schlechte Bildungschancen und komplizierte Texte große Hürden haben. Lesen ist für sie oft eine Herausforderung – nicht weil sie nicht wollen, sondern weil ihnen der Zugang erschwert wird.

Für bessere Teilhabe und mehr Bildungschancen brauchen Gehörlose:

  • Mehr Förderung in Gebärdensprache und Deutsch
  • Einfachere, barrierefreie Texte
  • Mehr Angebote in Gebärdensprache (Videos etc.)
  • Verständnis und Geduld von allen Seiten

Nur so kann das Ziel erreicht werden, dass alle Gehörlosen selbstbestimmt lesen und informiert sein können.

Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay

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