Home HörgeschädigtGebärdenspracheDas Leid der Gehörlosen: Jahrzehnte der Unterdrückung und späte Anerkennung

Das Leid der Gehörlosen: Jahrzehnte der Unterdrückung und späte Anerkennung

by info@deaf24.com

Für viele gehörlose Menschen in Deutschland war die Gebärdensprache über Jahrzehnte verboten und stigmatisiert. Bis in die 1980er Jahre hinein wurden Kinder gezwungen, ausschließlich Lippenlesen und Lautsprache zu lernen. Diese Praxis, bekannt als die „Deutsche Methode“, führte zu massiven sprachlichen und sozialen Nachteilen. In der Sitzung des Hamburger Sozialausschusses am Donnerstag wurde über die Folgen dieser Unterdrückung und mögliche Entschädigungen diskutiert.

Systematische Unterdrückung der Gebärdensprache

Die Gebärdensprache war seit dem Mailänder Kongress von 1880 offiziell verpönt. Gehörlose Kinder wurden gezwungen, auf Gebärden zu verzichten und stattdessen durch körperlichen und psychischen Zwang die Lautsprache zu erlernen. Dazu gehörten Maßnahmen wie das „Herumfingern“ am Mund, das Ziehen an den Wangen oder das Einführen von Gegenständen in den Mund. Die Kommunikation mit Gebärden wurde als „Gefuchtel“ abgewertet und oft sogar bestraft.

Die Folge dieser Praxis war eine sogenannte sprachliche Deprivation: Kinder, die weder eine Gebärden- noch eine Lautsprache sicher erlernten, konnten sich oft nur eingeschränkt verständigen. Dies hatte schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Bildung und beruflichen Chancen.

Die Folgen bis heute

„Das Unrecht, das diesen Menschen angetan wurde, wirkt bis heute fort“, erklärte Cansu Özdemir (Linke), die die Diskussion angestoßen hatte. Viele gehörlose Menschen haben durch die systematische Unterdrückung schlechtere Bildungschancen gehabt, wurden von akademischen und besser bezahlten Berufen ausgeschlossen und verdienen auch heute noch weniger.

Im Alter sind viele von Armut betroffen, da sie aufgrund niedriger Einkommen geringere Rentenansprüche haben. Laut Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) erhalten 64 gehörlose Hamburger*innen Grundsicherung im Alter. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher liegen, wie der Hamburger Gehörlosenverband betonte. Für viele Betroffene ist der Antrag auf Grundsicherung eine große Hürde, die sie ohne Unterstützung oft nicht überwinden können.

Entschädigungen: Ein langer Weg

Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Frage, ob und wie Betroffene entschädigt werden könnten. Für Menschen, die von 1949 bis 1975 in stationären Einrichtungen Unrecht erfahren haben, existiert die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“. Für spätere Fälle gilt das Opferentschädigungsgesetz (OEG), das jedoch nur Ansprüche bei vorsätzlichen tätlichen Angriffen ermöglicht. Psychische und kulturelle Gewalt, wie das Verbot der Gebärdensprache, wird vom OEG nicht anerkannt.

„Das ist ein großes Problem“, betonte Senatorin Schlotzhauer. Hamburg werde das Thema auf Bundesebene einbringen, wenn es 2024 den Vorsitz der Sozialminister*innenkonferenz übernimmt. Allerdings sei eine Lösung auf Bundesebene schwierig und zeitaufwendig.

Die Forderung nach einer Hamburger Lösung

Cansu Özdemir und die Linksfraktion fordern daher eine Entschädigungs-Stiftung auf Landesebene. „Es handelt sich hier nicht um Einzelfälle, sondern um strukturelle Unterdrückung“, erklärte Özdemir. Die CDU unterstützte diesen Vorschlag ebenfalls. Eine bundesweite Regelung könnte Jahre dauern, während viele der Betroffenen bereits im fortgeschrittenen Alter sind.

Neben der finanziellen Entschädigung regte Özdemir an, auch über psychologische Unterstützung für Betroffene nachzudenken. Zudem plant sie eine Expertenanhörung, in der Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und Betroffene zu Wort kommen sollen, um die nächsten Schritte zu erarbeiten.

Wie geht es weiter?

Die Diskussion zeigt, wie tief die Wunden der systematischen Unterdrückung der Gebärdensprache noch heute sind. Hamburg könnte mit einer eigenen Lösung ein Vorbild für andere Bundesländer sein und ein wichtiges Signal senden. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob das Thema auf Bundesebene ausreichend Aufmerksamkeit erhält, um langfristige Veränderungen herbeizuführen.

Fazit

Die jahrzehntelange Unterdrückung der Gebärdensprache hat bei vielen Gehörlosen tiefe Spuren hinterlassen. Es ist an der Zeit, dieses Unrecht anzuerkennen und die Betroffenen angemessen zu entschädigen. Hamburg hat die Chance, mit einer eigenen Lösung voranzugehen – ein Schritt, der längst überfällig ist.

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