Die Polizei Niedersachsen wirbt aktiv um neue Bewerber:innen – und passt ab 2026 ihr Auswahlverfahren grundlegend an. Neben den klassischen Anforderungen werden nun auch Fragen zu Rassismus, Vielfalt und Demokratieverständnis Teil der Prüfung sein.
Damit will die Polizei sicherstellen, dass die künftigen Beamt:innen nicht nur körperlich und fachlich geeignet sind, sondern auch die demokratischen Werte des Rechtsstaats fest verinnerlicht haben.
Doch während diese Reform viel Aufmerksamkeit erhält, stellt sich die wichtige Frage: Wie sieht es mit der Kommunikation zwischen Polizei und Gehörlosen aus? Trotz zahlreicher Beschwerden über Missverständnisse und fehlende Sensibilität bleibt dieser Bereich oft außen vor.
Werteprüfung bei der Polizei: Demokratische Haltung als Voraussetzung
Die Polizei Niedersachsen führt erstmals verbindliche Prüfungen zur Werteorientierung ein. Themen wie Demokratieverständnis, Rassismus, Umgang mit Vielfalt und sexuelle Selbstbestimmung gehören nun fest zum Fragenkatalog.
Das Ziel ist klar: sicherzustellen, dass künftige Polizist:innen die freiheitliche demokratische Grundordnung uneingeschränkt vertreten.
Die Maßnahme ist eine Reaktion auf Vorfälle, bei denen Polizist:innen rechtsstaatliche Prinzipien missachtet haben – etwa rassistische Chatgruppen, die teilweise sogar an Polizeiakademien entstanden sind.
Anja Bußmann, Leiterin der Nachwuchsgewinnung, sagt, demokratische Haltung sei schon immer wichtig gewesen, werde aber jetzt erstmals explizit geprüft.
Doch wo bleibt der Umgang mit Gehörlosen – eine Gruppe, die seit über 200 Jahren in der Polizeiausbildung nahezu vollständig fehlt? Gerade hier besteht dringender Nachholbedarf, denn Barrieren und Missverständnisse im Einsatz sind weiterhin Alltag für viele hörbehinderte Menschen.
Was geprüft wird: Haltung, Werte, Verantwortung
Der Werte-Check der Polizei umfasst Themen, die für eine moderne Polizei wichtig sind:
- Demokratieverständnis: Respekt für Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung.
- Einstellung zu Vielfalt: Akzeptanz unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Lebensweisen.
- Haltung zu Rassismus: Klare Position gegen extremistische oder diskriminierende Einstellungen.
- Sexuelle Selbstbestimmung: Respekt gegenüber allen Identitäten und Orientierungen.
- Soziale Sensibilität: Fähigkeit, Menschen in schwierigen Situationen gerecht zu behandeln.
Erweiterung: Umgang mit Menschen mit Behinderung
Ein besonders wichtiger, oft übersehener Punkt:
Auch der respektvolle und sensible Umgang mit gehörlosen, schwerhörigen und anderen behinderten Menschen gehört dringend in den Fokus.
Viele Gehörlose berichten seit Jahren, dass Polizeibeamte im Einsatz oft nicht wissen, wie sie angemessen kommunizieren sollen. Stress, Missverständnisse oder fehlende Kommunikationsmittel können zu gefährlichen Situationen führen.
Deshalb sollte – neben Demokratiefragen – auch überprüft werden:
- Haben Bewerber:innen Empathie und Geduld im Umgang mit Menschen mit Behinderungen?
- Können sie nonverbale Signale erkennen und Kommunikationsbarrieren professionell lösen?
- Sind sie bereit, sich in diesem Bereich weiterzubilden?
Gebärdensprache als freiwillige Qualifikation
Fortschrittlich wäre es außerdem, wenn Bewerber:innen freiwillig Grundkenntnisse in Deutscher Gebärdensprache (DGS) mitbringen könnten.
Das würde nicht nur Barrieren abbauen, sondern zeigen, dass Bewerber:innen soziale Kompetenz und echtes Interesse an inklusiver Polizeiarbeit haben. In anderen Ländern – wie den USA oder Skandinavien – sind DGS-Kurse bereits in Teilen der Polizeiausbildung Standard.
Modernisiertes Auswahlverfahren: Praxis, Fitness und Kommunikation
Neben dem Demokratie-Check wird auch der gesamte Ablauf modernisiert:
1. Neuer Eignungstest
Mehr Praxisbezug, mehr Stresssituationen, realitätsnähere Aufgaben.
2. Neuer Hallenparcours
Mehrere sportliche Übungen, Koordination, Geschwindigkeit und Merkfähigkeit.
3. Kommunikation im Mittelpunkt
Projektleiter Matthias Schwarze fasst es prägnant zusammen:
„Die wichtigste Waffe ist das Wort.“
Damit meint er, dass Polizist:innen Konflikte zunehmend mit Sprache lösen sollen, nicht mit körperlicher Gewalt.
Das gilt umso mehr im Umgang mit gehörlosen Menschen – wo Kommunikation anders funktioniert und oft behutsamer geführt werden muss.
Hat der GvNds Kontakt zur Polizei?
Öffentlich bekannte Informationen darüber, ob der Gehörlosenverband Niedersachsen e.V. (GvNds), gegründet 1950, aktiv in diesen Reformprozess eingebunden wurde, gibt es derzeit nicht.
Es wäre jedoch aus Sicht vieler Betroffener sinnvoll, wenn:
- der LVGN und die Polizei Niedersachsen offiziell zusammenarbeiten,
- gemeinsame Workshops oder Sensibilisierungstrainings stattfinden,
- die Polizei Rückmeldungen aus der Gehörlosen-Community berücksichtigt,
- Gebärdensprachkompetenz als Pluspunkt im Bewerbungsverfahren anerkannt wird.
Gerade für Einsätze bei Notfällen, Verkehrskontrollen oder Krisensituationen wäre ein besserer Austausch zwischen Polizei und Gehörlosenverbänden ein wichtiger Schritt zur Barrierefreiheit.
Relevanz und Reaktionen
In sozialen Medien wird die Reform überwiegend positiv aufgenommen. Viele begrüßen die Werteprüfung, einige fordern sogar noch mehr Transparenz. Innerhalb der Community der Gehörlosen wird vor allem gehofft, dass mit der neuen Sensibilitätsprüfung auch der Umgang mit hörbehinderten Menschen endlich stärker berücksichtigt wird.
Tipps für Bewerber:innen
- Beschäftigt euch ernsthaft mit Demokratie und Vielfalt.
- Reflektiert eure Haltung zu Diskriminierung und sozialem Umgang.
- Zeigt Bereitschaft, auch mit Menschen mit Behinderungen professionell zu kommunizieren.
- Grundkenntnisse in Gebärdensprache können ein großer Vorteil sein.
- Authentizität wirkt stärker als auswendig gelernte Antworten.
Fazit
Niedersachsen sendet ein klares Signal: Eine moderne Polizei braucht nicht nur körperliche Stärke, sondern vor allem Werte, Respekt und soziale Kompetenz.
Die Reform des Auswahlverfahrens ist ein wichtiger Schritt hin zu einer offenen, demokratischen und inklusiven Polizei. Besonders für Gehörlose wäre es ein Fortschritt, wenn Gebärdensprache und Sensibilität im Umgang mit hörbehinderten Menschen stärker berücksichtigt würden.
Damit Polizeiarbeit wirklich für alle Menschen funktioniert, braucht es nicht nur neue Tests – sondern ein Bewusstsein dafür, dass gesellschaftliche Vielfalt auch kommunikative Vielfalt bedeutet.

