In Deutschland sind Gebärdensprachdolmetscherinnen (GSD) ein zentraler Bestandteil der barrierefreien Kommunikation für Gehörlose. Sie übersetzen Gespräche mit Ärztinnen, Behörden, Gerichten, Arbeitgebern oder in Bildungseinrichtungen. Doch immer mehr Gehörlose berichten von Problemen im System: lange Wartezeiten, fehlende Flexibilität, unverständliche Ablehnungen – und keine Wahlfreiheit. Besonders kritisch wird die Rolle der GSD-Vermittlungen gesehen. Diese entscheiden, wer dolmetscht – und wer nicht. Dabei fühlen sich viele Gehörlose ausgeschlossen und übergangen.
GSD nur mit staatlicher Prüfung?
Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die Auswahlkriterien der GSD-Vermittlungen. Fast alle Vermittlungsstellen vermitteln ausschließlich GSD mit staatlich anerkannter Prüfung. Menschen, die sehr gute kommunikative Fähigkeiten haben und aus der Gehörlosenkultur kommen – sogenannte Kommunikationshilfen – werden systematisch ausgeschlossen, auch wenn sie jahrelange Erfahrung und sehr gute Sprachkenntnisse mitbringen.
Dabei gilt: Nur Gerichte verlangen verpflichtend staatlich anerkannte GSD. In den meisten anderen Bereichen – etwa bei Gesprächen mit Ärzt*innen, Sozialämtern, Schulen oder der Polizei – reicht es aus, dass die Verständigung sichergestellt ist. Entscheidend ist, dass die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden funktioniert – nicht, ob ein offizielles Diplom vorliegt.
Wenn Qualifikation auf dem Papier nicht reicht
Ein weiterer Vorwurf betrifft die Qualität staatlich anerkannter GSD. Viele Gehörlose berichten, dass selbst geprüfte Dolmetscher*innen nicht immer den Anforderungen gerecht werden. Sie dolmetschen zu wortwörtlich, verstehen kulturelle Nuancen nicht oder wirken unsicher im Umgang mit spezifischen Themen der Gehörlosenkultur.
Die Kritik richtet sich weniger gegen die Einzelpersonen als gegen das System: Das staatliche Prüfverfahren allein garantiert keine hohe Qualität. Gute Dolmetschleistung entsteht nicht nur durch eine Prüfung, sondern durch Praxiserfahrung, kulturelles Wissen und ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Dolmetscher*in und Gehörloser Person.
Keine Vermittlung von Kommunikationshilfen
Besonders problematisch: GSD-Vermittlungen vermitteln in der Regel keine Kommunikationshilfen, obwohl viele Gehörlose genau diese bevorzugen. Kommunikationshilfen sind Personen ohne staatliche Prüfung, die aber langjährige Erfahrung im Dolmetschen haben, oft selbst gehörlos oder CODA sind (Children of Deaf Adults) und aus der Community stammen. Sie werden oft als vertrauensvoller, verständlicher und natürlicher empfunden.
Doch wo findet man diese Personen? Die Vermittlungen bieten keine Listen oder Verzeichnisse. Es gibt keine zentrale Plattform, keine Empfehlungen, keine Unterstützung bei der Suche. Wer auf eine Kommunikationshilfe angewiesen ist, muss selbst recherchieren – was für viele ein großes Hindernis ist.
Eingeschränkte Wahlfreiheit
Gehörlose haben aktuell kaum Mitspracherecht, wen sie als Dolmetscher*in bekommen. Viele berichten, dass ihnen Personen zugewiesen werden – auch solche, mit denen sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Anfragen für bestimmte GSD oder Kommunikationshilfen werden oft abgelehnt oder ignoriert. Ein echtes Wunsch- und Wahlrecht gibt es in der Praxis nicht. Die Entscheidung liegt allein bei der Vermittlungsstelle – nicht bei den Gehörlosen selbst.
Ursachen für fehlende Einsätze
Oft wird behauptet, dass es zu wenige GSD gibt. Doch das stimmt nur zum Teil. Viel häufiger liegt es an schlechter Organisation:
- GSD müssen lange Anfahrten auf sich nehmen, obwohl Termine effizienter koordiniert werden könnten.
- Es gibt keine regionale Einsatzübersicht, keine Bereitschaftsdienste und kaum Flexibilität.
- Manche GSD lehnen Einsätze kurzfristig ab – ohne Ersatz.
- Kommunikationshilfen, die einspringen könnten, dürfen nicht vermittelt werden.
Das führt zu langen Wartezeiten – obwohl es durchaus geeignete Personen gibt.
Konkurrenzdruck statt Inklusion?
Einige vermuten, dass hinter der strikten Ausgrenzung der Kommunikationshilfen auch ein Schutzdenken steckt: Die staatlich geprüften GSD und deren Interessenvertretungen könnten Angst vor Konkurrenz haben. Kommunikationshilfen gelten als flexibler, günstiger und oft näher an der Community. Wenn sie offiziell anerkannt und vermittelt würden, könnten sie das bestehende System verändern – oder sogar verbessern.
Was kann man tun? – Tipps und Lösungen
- Mehr Wahlfreiheit einfordern: Gehörlose sollten das Recht haben, ihre Dolmetscher*innen selbst zu wählen – auch wenn diese keine staatliche Prüfung haben.
- Öffentliche Liste mit Kommunikationshilfen: Es braucht eine zentrale Übersicht, in der Kommunikationshilfen sich eintragen können – mit Region, Verfügbarkeit und Erfahrung.
- Aufklärung bei Behörden und Ärzten: Viele Stellen wissen nicht, dass sie keine staatlich geprüfte GSD verlangen müssen. Einfache Infoschreiben können helfen.
- Bessere Organisation der Vermittlungen: Kürzere Wege, regionale Einteilung, digitale Buchungssysteme und Bereitschaftsdienste könnten viele Probleme lösen.
- Respekt und Zusammenarbeit fördern: GSD, Kommunikationshilfen und Gehörlose sollten als Team arbeiten – nicht gegeneinander.
Fazit: Mehr Offenheit, mehr Selbstbestimmung
Das aktuelle System schließt viele Gehörlose faktisch aus. Sie müssen sich mit starren Regeln, unflexiblen Vermittlungen und fehlender Unterstützung abfinden. Dabei steht im Zentrum ein einfaches Ziel: Verständigung muss funktionieren – nicht Bürokratie. Ob mit Diplom oder nicht: Wer gut dolmetscht und verstanden wird, sollte auch vermittelt und bezahlt werden. Gehörlose Menschen verdienen Wahlfreiheit, Respekt und echte Barrierefreiheit – auch in der Kommunikation.

