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Bildungskongress Wien 2025: Gebärdensprache im Mittelpunkt

by info@deaf24.com

Am 12. und 13. September 2025 war Wien die Hauptstadt der Bildung für die Deaf-Community. Mehr als 300 Teilnehmende – darunter Expert:innen, Forscher:innen, Lehrkräfte, Eltern und Aktivist:innen – reisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an die Universität Wien. Dort fand der internationale Bildungskongress „Gebärden.Sprache.Bildung“ statt. Veranstaltet wurde er gemeinsam vom Österreichischen Gehörlosenbund (ÖGLB), dem Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB) sowie Schweizer Partnerverbänden.

Die Schirmherrschaft von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigt, wie wichtig das Thema ist. Seine Unterstützung sendet ein klares Signal: Ohne Gebärdensprache gibt es keine echte Bildungsgerechtigkeit. Für viele Teilnehmende war dies ein starkes Zeichen – doch die entscheidende Frage bleibt: Folgen nun auch konkrete politische Maßnahmen?

 

Zentrale Themen – worum es ging

Das Programm des Kongresses deckte viele Bereiche ab, die die Community seit Jahren bewegen. Besonders im Fokus standen:

  • Frühkindliche Förderung: Gehörlose Kinder brauchen von Geburt an Zugang zur Gebärdensprache. Eltern berichten jedoch immer noch, dass Kliniken und Behörden kaum Unterstützung leisten.
  • Inklusion in Schulen: Mehr Unterricht mit Gebärdensprache, mehr Dolmetschende und verpflichtende Schulungen für Lehrkräfte sind zentrale Forderungen.
  • Digitalisierung: Chancen durch neue Technik – aber nur, wenn barrierefreie Angebote selbstverständlich werden.
  • Lebenslanges Lernen: Auch Erwachsene müssen das Recht auf Weiterbildung in Gebärdensprache haben.

Viele Beiträge machten deutlich: Der frühe Spracherwerb entscheidet über die Chancen im Leben. Ohne Gebärdensprache bleiben viele Kinder ausgeschlossen. Ein Satz, der oft zu hören war: „Früher Zugang zur Gebärdensprache ist Menschenrecht – alles andere ist Diskriminierung.“

 

Forderungen der Community

Die Teilnehmer:innen waren sich einig, dass folgende Punkte dringend umgesetzt werden müssen:

  1. Gebärdensprache ab Geburt: Eltern müssen sofort Zugang zu Informationen und Beratungsstellen bekommen.
  2. Gebärdensprache als Unterrichtsfach: Von Grundschule bis Universität.
  3. Mehr Dolmetschende: Verbindlich finanzierte Stellen, nicht nur auf Antrag.
  4. Verpflichtende Schulungen: Lehrer:innen sollen lernen, mit gehörlosen Schüler:innen zu arbeiten.
  5. Recht auf barrierefreie Bildung: Nicht nur Empfehlungen, sondern einklagbare Rechte.

Diese Forderungen wurden in einer gemeinsamen Erklärung der Verbände zusammengefasst. Sie richtet sich direkt an Politik, Ministerien und Behörden.

 

Rolle der Verbände – wichtig, aber nicht ausreichend

Der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) spielte in Wien eine zentrale Rolle. Gemeinsam mit dem ÖGLB und den Schweizer Verbänden zeigt er: Nur durch starke Interessenvertretungen gelangen die Anliegen der Deaf-Community in Politik und Öffentlichkeit. Ohne diesen Druck wären viele Fortschritte – etwa die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache – kaum möglich gewesen.

Gleichzeitig sprach der DGB offen über Probleme im deutschen Bildungssystem. Oft hängt es vom guten Willen einzelner Behörden ab, ob Dolmetscher:innen bewilligt werden. Einheitliche Regeln fehlen. Für Familien bedeutet das: Ihr Zugang zu Bildung hängt stark davon ab, in welchem Bundesland sie leben.

 

Verantwortung von Politik und Schulen

So wichtig die Verbände sind – die eigentliche Verantwortung liegt bei den Bildungsministerien und Schulen. Sie entscheiden über Lehrpläne, Dolmetscher-Finanzierungen und Rahmenbedingungen. Besonders in Deutschland erschwert der Föderalismus schnelle Lösungen: Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen.

Das führt zu Ungleichbehandlungen: Während Kinder in einem Bundesland mit Gebärdensprachförderung starten können, warten andere jahrelang auf passende Unterstützung. Viele Eltern erleben diesen Flickenteppich als frustrierend und ungerecht.

 

Stimmen aus der Community

Auf dem Kongress kamen nicht nur Expert:innen zu Wort, sondern auch Betroffene selbst.

Helene Jarmer, Präsidentin des ÖGLB, sagte in ihrer Eröffnungsrede: „Es reicht nicht, dass Gebärdensprache anerkannt ist. Wir brauchen endlich Taten in den Schulen, in den Kitas und an den Universitäten.“

Ein junger Student aus Deutschland brachte es so auf den Punkt: „Wir kämpfen seit Jahren für Dolmetscher. Aber in meiner Uni bekomme ich sie nur manchmal – und oft viel zu spät. Bildung hängt nicht von Glück ab, sondern von Rechten.“

Diese Stimmen machten klar: Der Kongress ist keine akademische Veranstaltung, sondern ein Forum, in dem echte Probleme benannt und konkrete Lösungen gefordert werden.

 

Kritik – reicht der Druck wirklich aus?

Viele Teilnehmende lobten die Rolle von DGB, ÖGLB und anderen Verbänden. Ohne sie wäre der Weg noch schwerer. Doch es gab auch kritische Stimmen:

  • Manche finden, die Verbände seien zu vorsichtig im Umgang mit Politik.
  • Andere sehen zu wenig Fortschritt bei Dolmetschdiensten.
  • Vor allem im Alltag bleiben viele Hindernisse: lange Wartezeiten, spontane Absagen oder unklare Zuständigkeiten.

Die Kritik ist deutlich: Die Community braucht mehr Durchsetzungskraft, sonst bleibt vieles nur auf dem Papier.

 

Internationale Perspektive

Spannend war auch der Blick ins Ausland. Aus Skandinavien wurden Beispiele vorgestellt, wo gehörlose Kinder ab Geburt konsequent Zugang zu Gebärdensprache erhalten. Diese Modelle zeigen: Mit klaren Gesetzen und ausreichender Finanzierung ist echte Inklusion möglich. Für viele Teilnehmende war das ein ermutigendes Signal – und ein Maßstab, an dem sich auch Deutschland, Österreich und die Schweiz messen lassen müssen.

 

Fazit – ein starkes Signal, das verpflichtet

Der Bildungskongress in Wien hat gezeigt: Gebärdensprache ist mehr als Kommunikation – sie ist Menschenrecht, Kultur und Identität. Ohne sie gibt es keine Bildungsgerechtigkeit.

Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, die Präsenz der Verbände und die klare Erklärung des Kongresses senden ein starkes Signal. Doch jetzt kommt es darauf an, dass Politik und Ministerien nicht nur zuhören, sondern handeln.

Für die Deaf-Community bedeutet das: Wir dürfen nicht aufgeben. Nur wenn Verbände, Eltern, Schüler:innen und Aktivist:innen weiter Druck machen, entsteht echte Veränderung. Der Kongress in Wien war ein wichtiger Schritt – doch der Weg zu voller Bildungsgerechtigkeit in Gebärdensprache bleibt noch weit.

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