Der Mordfall aus dem Stadtteil Pydhonie in Mumbai hat international Aufmerksamkeit erregt. Nicht nur wegen der Brutalität der Tat, sondern vor allem wegen der besonderen Umstände der Ermittlungen. Alle direkt beteiligten Personen – Opfer, Tatverdächtige und Zeuginnen und Zeugen – waren taub und nutzten Gebärdensprache zur Kommunikation. Gesprochene Sprache spielte in diesem Fall praktisch keine Rolle.
Der Fall zeigt eindrücklich, welche Bedeutung barrierefreie Kommunikation im Justiz- und Polizeisystem hat – und wie entscheidend es ist, dass Behörden bereit sind, sich auf die sprachlichen Bedürfnisse gehörloser Menschen einzustellen.
Der Mordfall von Pydhonie: Was ist passiert?
Der 33-jährige Arshad Ali Shaikh wurde in einer Wohnung im Stadtteil Pydhonie getötet. Nach Angaben der Polizei wurde er von zwei Freunden, Jay Pawan Chawda (32) und Shivjeet Singh (34), angegriffen und getötet. Die Täter benutzten dabei einen Hammer und zerbrochene Bierflaschen. Anschließend verstauten sie den Leichnam in einem Koffer.
Der Plan war offenbar, den Koffer an einem Bahnhof zu entsorgen. Am Dadar-Bahnhof wurden die Täter jedoch von der Bahnpolizei aufgehalten. Im Laufe der Ermittlungen wurde auch die Ehefrau des Opfers, Ruksana, festgenommen. Später kam ein weiterer mutmaßlich Beteiligter ins Blickfeld der Ermittler: Jagpalpreeth Singh, ein tauber Mann aus Punjab, der inzwischen in Belgien lebt.
Eine besondere Herausforderung: Alle Beteiligten sind taub
Für die Polizei stellte dieser Fall eine außergewöhnliche Herausforderung dar. Sämtliche Beteiligten – Opfer, Tatverdächtige und insgesamt 31 Zeuginnen und Zeugen – sind taub und kommunizieren in Gebärdensprache. Klassische Vernehmungsmethoden waren damit nicht anwendbar.
Zu Beginn waren Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Indische Gebärdensprache im Einsatz. Doch schnell wurde klar, dass die Ermittlungen Wochen, wenn nicht Monate dauern würden. Die Polizei entschied sich deshalb für einen ungewöhnlichen Schritt: Mehrere Beamtinnen und Beamte begannen selbst, Gebärdensprache zu lernen.
Polizei lernt Gebärdensprache für die Ermittlungen
Ein Team von fünf Polizisten widmete sich über zwei Monate hinweg intensiv dem Fall. Sie beobachteten Dolmetschende bei der Arbeit, lernten Gebärden, Satzstrukturen und nonverbale Ausdrucksformen. Die Beamten nutzten die Gebärdensprache nicht nur im Dienst, sondern auch untereinander und sogar im privaten Umfeld, um sicherer zu werden.
Ein Ermittler berichtete später, dass er und seine Kollegen auch ohne Dolmetscher in der Lage waren, grundlegende Gespräche zu führen. An einem Tag, an dem kein Dolmetscher verfügbar war, übersetzte sogar ein Polizeibeamter selbst für einen Beschuldigten vor Gericht.
Videobeweise statt gesprochener Aussagen
Ein zentraler Bestandteil der Ermittlungen waren Videos in Gebärdensprache. Innerhalb der Community nutzten die Beteiligten intensiv WhatsApp und Videoanrufe zur Kommunikation. Die Polizei sichtete rund zehn Videos, darunter auch Aufnahmen, die Teile der Tat zeigen sollen.
Diese Videos mussten sorgfältig analysiert und übersetzt werden. Dabei ging es nicht nur um einzelne Gebärden, sondern um Kontext, Mimik, Körpersprache und emotionale Nuancen. Erst dadurch konnte der Tathergang rekonstruiert werden.
Der mutmaßliche Drahtzieher im Ausland
Besondere Aufmerksamkeit gilt Jagpalpreeth Singh, einem tauben Mann, der heute in Belgien lebt. Die Polizei geht davon aus, dass er eine wichtige Rolle im Hintergrund gespielt haben könnte. In einem Video soll er während der Tat Geld und seinen Pass gezeigt haben – offenbar als Machtdemonstration.
Nach Angaben der Ermittler wollte er seine Stellung innerhalb der Gemeinschaft stärken. Später verbreitete er ein Video, in dem er erklärte, er habe keinen Mord befohlen, sondern lediglich „eine Lektion erteilen“ wollen. Auch dieses Video wurde mit Hilfe von Übersetzern ausgewertet.
Da sich Jagpalpreeth Singh im Ausland aufhält, wurde ein sogenannter Blue Corner Notice über Interpol beantragt, um Informationen über seinen Aufenthaltsort und seine Bewegungen zu erhalten.
Ein 300-seitiges Dokument ohne gesprochene Worte
Die Polizei bereitet inzwischen eine rund 300 Seiten starke Anklageschrift vor. Sie enthält Aussagen von 31 tauben Zeuginnen und Zeugen – alle auf Grundlage gebärdensprachlicher Kommunikation. Der leitende Polizeibeamte Balkrushan Deshmukh betonte, wie intensiv und anspruchsvoll diese Arbeit war.
Der Fall zeigt, dass Ermittlungen auch dann möglich sind, wenn gesprochene Sprache keine Rolle spielt – vorausgesetzt, Behörden sind bereit zu lernen, sich anzupassen und barrierefrei zu arbeiten.
Bedeutung für die Deaf-Community
Für die Gehörlosen-Gemeinschaft ist dieser Fall in mehrfacher Hinsicht relevant. Er zeigt einerseits, dass taube Menschen ernst genommen werden können und müssen – auch im Strafverfolgungssystem. Andererseits macht er deutlich, wie groß die Verantwortung von Polizei, Justiz und Behörden ist, wenn sie mit gehörlosen Menschen arbeiten.
Der Mordfall von Pydhonie ist tragisch. Zugleich ist er ein Beispiel dafür, dass echte Zugänglichkeit nicht durch Technik allein entsteht, sondern durch Menschen, die bereit sind, Sprache zu lernen, zuzuhören – und zu verstehen.
Illustration/Uday Mohite

