Jolanda Kreuzer-Willisch blickt auf ein Leben zurück, das von Herausforderungen, aber auch von großer Stärke und Selbstbestimmung geprägt ist. Als gehörlose Frau hat sie ihren Weg gefunden, sich in einer hörenden Welt zu behaupten und erfolgreich zu sein. Ihre Geschichte ist eine von Mut, Resilienz und der Leidenschaft für ihr Handwerk: die Schneiderei.
Die frühen Jahre: «Ich war die Nummer 63»
Jolanda Kreuzer erinnert sich noch genau an ihre Zeit in der Gehörlosenschule, die in einem Kloster untergebracht war. «Ich war die Nummer 63», erzählt sie. In einer Zeit, in denen Individualität und persönliche Bedürfnisse oft vernachlässigt wurden, wurden die Schülerinnen und Schüler nicht mit ihren Namen angesprochen, sondern mit Nummern. Diese Erfahrung hat sie geprägt, aber nicht gebrochen. Die Jahre in der Klosterschule waren hart. Die Kinder wurden streng erzogen, und die Kommunikation war oft schwierig. Jolanda lernte zwar Lippenlesen und das Sprechen, aber ihre Gebärdensprache, die ihr natürliches Ausdrucksmittel war, wurde unterdrückt. «Es war eine Zeit, in der ich mich oft einsam und unverstanden fühlte», sagt sie. Doch gerade diese Erfahrungen haben sie später dazu motiviert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Der Weg zur Selbstbestimmung
Nach der Schule entschied sich Jolanda Kreuzer-Willisch für eine Ausbildung zur Schneiderin. Das Handwerk faszinierte sie, und sie entdeckte schnell ihr Talent für das Gestalten und Nähen von Kleidung. «Beim Schneidern kann ich mich voll und ganz ausdrücken», sagt sie. «Es ist eine Sprache, die jeder versteht.» Ihr Beruf wurde zu einer Quelle der Kraft und Unabhängigkeit. Jolanda gründete schließlich ihr eigenes kleines Atelier, in dem sie maßgeschneiderte Kleidung für ihre Kundinnen und Kunden anfertigt. Ihre Arbeiten sind bekannt für ihre Präzision und Eleganz, und sie hat sich einen treuen Kundenstamm aufgebaut.
Leben in der gehörlosen Gemeinschaft
Jolanda ist heute nicht nur eine erfolgreiche Schneiderin, sondern auch eine aktive Stimme in der gehörlosen Gemeinschaft. Sie engagiert sich dafür, die Gebärdensprache zu fördern und die Rechte gehörloser Menschen zu stärken. «Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen und zeigen, dass wir ein selbstbestimmtes Leben führen können», betont sie. Sie ist stolz darauf, wie weit sie gekommen ist, und möchte anderen gehörlosen Menschen Mut machen. «Es war nicht immer einfach, aber ich habe gelernt, für mich selbst einzustehen und meinen Weg zu gehen», sagt sie.
Eine Botschaft der Hoffnung
Jolanda Kreuzer-Willischs Geschichte ist eine Inspiration für viele. Sie zeigt, dass es möglich ist, trotz schwieriger Startbedingungen ein erfülltes und erfolgreiches Leben zu führen. Ihre Leidenschaft für die Schneiderei und ihr Engagement für die gehörlose Gemeinschaft machen sie zu einer beeindruckenden Persönlichkeit. «Ich möchte, dass die Menschen sehen, dass wir gehörlosen Menschen genauso viel erreichen können wie alle anderen», sagt sie. «Wir haben unsere eigene Sprache, unsere Kultur und unsere Stärken. Das sollten wir feiern.» Jolanda Kreuzer-Willisch lebt heute ein Leben, das von Kreativität, Selbstbestimmung und Gemeinschaft geprägt ist – und sie ist stolz darauf, ihre eigene Nummer zu sein: nicht 63, sondern ganz einfach Jolanda.
Foto: pomona.media

