Im Senegal erleben einige Schulen einen Wandel in der Bildung für taube und schwerhörige Kinder. Statt in separaten Einrichtungen sitzen sie nun gemeinsam mit hörenden Mitschülern in inklusiven Klassen. Dies eröffnet neue Möglichkeiten der Kommunikation, Integration und des sozialen Lernens. Am Lycée public Guinaw Rail Sud in Pikine, einem Vorort der Hauptstadt Dakar, ist Mouhamed Sall, ein Taube Schüler, ein Beispiel für diesen Wandel. Er nutzt die Gebärdensprache, um mit seinen Mitschülern und Lehrern zu kommunizieren, und zeigt, wie Integration praktisch umgesetzt werden kann.
Gemeinsames Lernen im Klassenzimmer
Mouhamed Sall und drei weitere Schüler gehören zu einer kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die den inklusiven Unterricht in einigen senegalesischen Schulen erproben. In der Klasse lernen sie zusammen mit hörenden Mitschülern, wobei Gebärdensprache und stille Kommunikation im Unterricht zunehmend normal werden.
Einige hörende Schüler nutzen die Gelegenheit, selbst die Gebärdensprache zu lernen. „Es war einfach, weil wir bereits Freunde aus der Grundschule waren“, erzählt Salane Senghor, ein ehemaliger Klassenkamerad von Mouhamed. „Neue Mitschüler waren neugierig und schauten oft zu unserem Assistenten, um zu verstehen, was gesagt wurde.“
Das Klassenzimmer am Lycée public Guinaw Rail Sud ist lebhaft und kreativ gestaltet. Ein Graffiti über der Tafel verkündet humorvoll: „Kein Lehrer darf in diesem Raum sein.“ Dies zeigt, dass die Schüler aktiv und selbstbestimmt lernen, während die Assistenzkräfte unterstützen, wenn nötig.
Bildung und Inklusion: Eine nationale Herausforderung
Trotz solcher positiven Beispiele bleibt die inklusive Bildung im Senegal eine große Herausforderung. Laut UNICEF gehen etwa 60 Prozent der Kinder mit Behinderungen im Land nicht zur Schule. Die Regierung verfügt zudem über keine umfassenden Daten, da nur offiziell registrierte Kinder als behindert gezählt werden.
Sara Poehlman von UNICEF Senegal betont: „Wir erwarten, dass die Regierung Fortschritte macht, damit jedes Kind, unabhängig von seinen Fähigkeiten, die Chance auf Bildung erhält.“
Der Senegal arbeitet derzeit an einer nationalen Strategie für inklusive Bildung, die politische Instabilität und gesellschaftliche Stigmatisierung bisher behindert haben. Viele Eltern verstecken ihre Kinder oder halten sie vom gesellschaftlichen Leben fern, aus Angst vor Diskriminierung. Dennoch gibt es Fortschritte: 2021 gewann die senegalesische Fußballmannschaft der Taube Menschen und Schwerhörigen den ersten afrikanischen Meistertitel und nahm am Weltmeisterschaftsturnier teil, was landesweit Anerkennung fand.
Inklusive Klassen: Ein neues Modell
Im vergangenen Jahr begann die Organisation Humanité et Inclusion in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium, inklusive Klassen in vier öffentlichen Sekundarschulen einzurichten, darunter die Apix Guinaw Rail Sud. Hier werden Assistenzkräfte eingestellt, die die Gebärdensprache beherrschen und die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern erleichtern.
Papa Amadou, ein solcher Assistent, erklärt: „Wir sorgen dafür, dass alle Kinder gleichberechtigt sind. Inklusive Klassen helfen dabei, hörende und hörgeschädigte Schüler zusammenzubringen.“
Mouhamed Sall profitiert von kostenlosem Unterricht, was in einem Land, in dem Schulgebühren für Familien oft eine finanzielle Belastung darstellen, ein großer Vorteil ist. Bislang gab es vor allem spezialisierte Schulen für Kinder mit Behinderungen, die häufig privat und teuer waren.
Seine Mutter, Khadija Koundio, zahlte anfangs rund 17 Dollar pro Monat für ein lokales Lernzentrum für Kinder mit besonderen Lernbedürfnissen, bevor Mouhamed dank Programmen von Humanité et Inclusion die Grundschule besuchen konnte.
Herausforderungen für Lehrer und Familien
Omar Diop, leitender Supervisor an der Apix, hebt hervor, dass Lehrer neue Herausforderungen bewältigen müssen. „Es ist die erste Klasse für die Lehrer in dieser Form des inklusiven Unterrichts. Viele Kinder beherrschen bereits die Gebärdensprache, was den Unterricht anspruchsvoller macht.“
Schulleiter Mamadou Konte betont die Bedeutung von Lehrerfortbildungen: „Unsere Schule hat Erfolge erzielt, aber dieses Modell muss landesweit umgesetzt werden, um allen Kindern zugutezukommen.“
Auch für die Familien gibt es Hürden. Koundio, Vorsitzender der Elternvereinigung für Taube Schüler, berichtet, dass einige Kinder lange Anfahrtswege hatten und die Kosten eine Belastung waren. UNICEF unterstützt hier mit der „Carte de l’Égalité“, die finanzielle Hilfe für Familien von Kindern mit Behinderungen bereitstellt, damit sie Zugang zu Bildung erhalten.
Jandira Monteiro von Humanité et Inclusion betont die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Bildungs- und Gesundheitsministerium, um umfassende Unterstützung für Kinder mit Behinderungen zu gewährleisten.
Persönliche Erfahrungen und Zukunftsperspektiven
Mouhamed Sall fühlt sich in seiner Klasse akzeptiert und anerkannt. Seine Lehrer loben seine Intelligenz und künstlerischen Fähigkeiten, besonders beim Modellbau traditioneller Häuser und Piroggen. Seine Mutter wünscht sich, dass er seinen Interessen nachgeht und ein selbstständiges Leben führen kann: „Wenn ich eines Tages nicht mehr da bin, soll er in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt zu sichern.“
Das Beispiel von Mouhamed zeigt, dass Inklusion im Unterricht nicht nur möglich ist, sondern Kindern mit Hörbehinderung auch neue Chancen eröffnet – sei es für Bildung, Freundschaften oder persönliche Entwicklung.
Fazit
Die inklusiven Klassen in Senegal sind ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Teilhabe von tauben und schwerhörigen Kindern. Programme wie die der Organisation Humanité et Inclusion in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium zeigen, dass praktische Lösungen für Inklusion möglich sind, selbst in Ländern mit begrenzten Ressourcen.
Dennoch bleiben Herausforderungen: Lehrer benötigen spezielle Schulungen, Familien benötigen finanzielle Unterstützung, und gesellschaftliche Vorurteile müssen abgebaut werden. Positive Beispiele, wie die Erfolge der tauben Fußballmannschaft oder die steigende Zahl von Schülern, die Gebärdensprache lernen, zeigen, dass Veränderungen möglich sind.
Die Zukunft der inklusiven Bildung im Senegal hängt von kontinuierlicher politischer Unterstützung, gezielter Förderung und der Bereitschaft der Gesellschaft ab, Barrieren abzubauen. Kinder wie Mouhamed Sall zeigen, dass Inklusion nicht nur ein Konzept, sondern gelebte Realität sein kann – zum Nutzen aller.

