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Selbsthilfe: Warum übergeht der DGB seine Verbände?

by info@deaf24.com

In Deutschland gibt es viele Selbsthilfegruppen. Menschen mit ähnlichen Erfahrungen oder Herausforderungen treffen sich, tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig. Für viele ist das eine wichtige Hilfe im Alltag, weil man merkt: Ich bin nicht allein.

Auch für Gehörlose und Hörgeschädigte sind Selbsthilfegruppen sehr wertvoll. Sie geben Raum für Austausch in Deutscher Gebärdensprache (DGS), für gegenseitige Unterstützung und für das Teilen von Erfahrungen.

Doch in der Praxis zeigen sich immer wieder Fragen und Probleme. Besonders deutlich wurde das kürzlich beim Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB). Statt direkt mit seinen Landesverbänden und Vereinen zusammenzuarbeiten, fragte der Dachverband auf Social Media, ob es bekannte Selbsthilfegruppen für Gehörlose gibt. Das hat für Verwunderung gesorgt – denn eigentlich wäre der Weg über die bestehenden Strukturen naheliegend.

Dieser Artikel beleuchtet, wie Selbsthilfe bei Gehörlosen funktioniert, welche Schwierigkeiten es gibt und warum die Zusammenarbeit zwischen Verbänden, Behörden und Beratungsstellen oft nicht reibungslos läuft.

 

Was bedeutet Selbsthilfe?

Selbsthilfe heißt: Menschen schließen sich zusammen, weil sie ähnliche Probleme oder Erfahrungen haben. Das können Krankheiten sein, psychische Belastungen oder Behinderungen.

Typische Beispiele:

  • Eine Gruppe für Angehörige von Demenzkranken
  • Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen
  • Eine Krebsselbsthilfegruppe
  • Ein Verein für Menschen mit Suchtproblemen

In solchen Gruppen wird geredet, zugehört, Mut gemacht. Man tauscht Erfahrungen aus, lernt voneinander und merkt, dass man nicht allein kämpfen muss.

Für Gehörlose bedeutet Selbsthilfe zusätzlich:

  • Austausch in Gebärdensprache
  • Verständnis für kulturelle Besonderheiten der Gehörlosengemeinschaft
  • Unterstützung bei Barrieren im Alltag, zum Beispiel mit Dolmetschern oder Ämtern

 

Wo liegen die Probleme?

 

Arbeiten beim DGB die richtigen Leute?

Warum der DGB bei der Suche nach Selbsthilfegruppen nicht zunächst seine Landesverbände kontaktiert, bleibt unklar. Eigentlich wäre es naheliegend, auf die bestehenden Strukturen und Erfahrungen der Mitgliedsorganisationen zurückzugreifen, statt direkt über Social Media um Hinweise zu bitten.


 

Zusammenarbeit zwischen DGB und Landesverbänden?

Viele fragen sich: Warum fragt der DGB nach Selbsthilfegruppen in den sozialen Medien, anstatt seine Landesverbände oder regionalen Vereine zu kontaktieren?

Als Dachverband sollte der DGB eigentlich den besten Überblick haben. Schließlich gehören die Landesverbände und Vereine zu seiner Struktur. Wenn der Dachverband selbst diese Informationen nicht hat, wirkt das unorganisiert. Das zeigt auch: Die interne Zusammenarbeit funktioniert nicht so, wie sie sollte.

Richtige Leute am richtigen Platz?

Immer wieder taucht die Frage auf: Arbeiten beim DGB die richtigen Leute?
Kritikerinnen und Kritiker sagen: Es gibt zu viele ungelöste Probleme. Viele Themen werden angekündigt, aber nicht wirklich bearbeitet. Manche Gehörlose empfinden, dass es dem DGB an einer klaren Basisarbeit fehlt – also an der direkten Nähe zu den Bedürfnissen der Mitglieder.

Ein Dachverband müsste eigentlich dafür sorgen, dass die Interessen der Gehörlosen konsequent vertreten werden. Doch wenn die Basis nicht ausreichend eingebunden wird, entsteht schnell der Eindruck von Distanz und fehlender Wirksamkeit.

Kommunikation mit Behörden

Ein weiteres großes Problem: die Zusammenarbeit mit Behörden. Gehörlose erleben oft lange Wartezeiten, komplizierte Verfahren und mangelnde Barrierefreiheit. Selbsthilfegruppen könnten hier eine wichtige Rolle spielen – doch häufig fehlt der direkte Draht zu Ämtern und Einrichtungen.

Die Frage bleibt: Warum klappt diese Zusammenarbeit so schlecht?
Viele Gehörlose berichten, dass sie sich von Behörden nicht ernst genommen fühlen. Selbsthilfegruppen und Verbände könnten hier Brücken bauen, doch auch ihnen gelingt es nicht immer, Gehör zu finden.

Fehlende Kooperation mit Sozialberatungen

In vielen Städten gibt es Sozialberatungsstellen für Gehörlose und Hörgeschädigte. Dort arbeiten Fachleute, die in DGS kommunizieren können und Erfahrung mit Anträgen oder rechtlichen Fragen haben.

Doch die Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfegruppen und diesen Beratungsstellen läuft oft nicht. Dabei könnten gerade solche Kooperationen den Alltag der Betroffenen stark erleichtern:

  • Bessere Informationen für die Gruppenmitglieder
  • Unterstützung bei Problemen mit Ämtern
  • Gemeinsame Veranstaltungen oder Info-Abende

Warum funktioniert das bisher nicht? Häufig fehlen Strukturen, klare Absprachen und auch das Vertrauen zwischen den Organisationen.

 

Stärken und Schwächen des DGB

Stärken:

  • Bundesweite Vertretung der Gehörlosen gegenüber Politik und Gesellschaft
  • Anerkannt als offizieller Dachverband
  • Öffentlichkeitsarbeit, z. B. über Social Media und Kampagnen
  • Sichtbarkeit von Themen wie Barrierefreiheit und Gebärdensprache
  • Verbindungen zu anderen Behinderten- und Selbsthilfeorganisationen

Schwächen:

  • Wenig direkte Nähe zur Basis, viele Gehörlose fühlen sich nicht eingebunden
  • Zu viele ungelöste Probleme, die seit Jahren bestehen bleiben
  • Unklare Kommunikation mit Landesverbänden und regionalen Vereinen
  • Fehlende Übersicht über Selbsthilfegruppen und Beratungsangebote
  • Kaum erkennbare Kooperation mit Sozialberatungsstellen für Gehörlose
  • Zweifel, ob die richtigen Personen an den entscheidenden Positionen arbeiten

Diese Gegenüberstellung zeigt: Der DGB hat zwar Strukturen und Bekanntheit, aber es fehlt an praktischer Wirksamkeit und enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen.

 

Chancen einer besseren Zusammenarbeit

Wenn Selbsthilfegruppen, Vereine, Beratungsstellen und Dachverbände stärker zusammenarbeiten würden, gäbe es viele Vorteile:

  • Mehr Übersicht: Der DGB könnte eine zentrale Liste mit allen Selbsthilfegruppen für Gehörlose veröffentlichen.
  • Stärkere Stimme: Gemeinsam hätten Gehörlose und ihre Organisationen mehr Gewicht gegenüber Politik und Behörden.
  • Bessere Unterstützung: Sozialberatungen könnten Gruppen bei rechtlichen oder organisatorischen Fragen begleiten.
  • Mehr Sichtbarkeit: Durch gute Vernetzung erfahren mehr Menschen von Selbsthilfeangeboten – auch Angehörige.

 

Tipps für Gehörlose und Angehörige

  • Nachfragen: Wenn ihr Unterstützung sucht, fragt nicht nur beim Dachverband, sondern auch direkt bei regionalen Vereinen oder Beratungsstellen.
  • Erfahrungen teilen: Berichtet in Gruppen von euren Erfahrungen mit Ämtern, Ärzten oder Dolmetschern. So lernen andere davon.
  • Netzwerke nutzen: Auch wenn die Strukturen nicht perfekt sind, kann man über Social Media oder persönliche Kontakte wertvolle Hinweise bekommen.
  • Kooperation suchen: Wenn es in eurer Region eine Beratungsstelle gibt, nehmt Kontakt auf. Vielleicht entstehen so neue Formen der Zusammenarbeit.

 

Fazit

Selbsthilfe ist für Gehörlose und Hörgeschädigte ein wichtiger Baustein im Alltag. Sie bietet Austausch, Mut und Unterstützung. Doch es gibt deutliche Schwächen: Die Zusammenarbeit zwischen Dachverband, Landesverbänden, Vereinen und Beratungsstellen funktioniert oft nicht gut. Auch Behörden sind für Gehörlose nach wie vor schwer erreichbar.

Die entscheidenden Fragen bleiben:

  • Arbeiten beim DGB die richtigen Leute?
  • Warum bleiben so viele Probleme ungelöst?
  • Fehlt die Nähe zur Basis der Gehörlosen-Community?

Gerade in Zeiten, in denen Barrierefreiheit und Inklusion überall gefordert werden, wäre es dringend nötig, dass die Strukturen besser genutzt werden.

Wenn es gelingt, dass Selbsthilfegruppen, Vereine und Beratungsstellen enger zusammenarbeiten, kann daraus eine starke Stimme entstehen – eine Stimme, die Gehörlose und ihre Angehörigen nicht nur unterstützt, sondern auch politisch und gesellschaftlich sichtbar macht.

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