Home HörgeschädigtPolitikLandesverband Bayern der Gehörlosen – viel Wirbel, wenig Wirkung?

Landesverband Bayern der Gehörlosen – viel Wirbel, wenig Wirkung?

by info@deaf24.com

Am 26. April 2025 wählte die Mitgliederversammlung des Landesverbandes Bayern der Gehörlosen e.V. (LvByGl) in Nürnberg einen neuen Vorstand: Marcus Willam als Landesvorsitzenden und Alexander Hock als seinen Stellvertreter. Viele Gehörlose in Bayern hatten große Erwartungen: mehr barrierefreie Kommunikation, klare politische Lobbyarbeit und sichtbare Verbesserungen im Alltag. Doch fünf Monate später fragen sich viele Mitglieder: Was hat sich tatsächlich getan?

 

Große Erwartungen, kleine Ergebnisse?

Seit der Wahl ist ein halbes Jahr vergangen. Zahlreiche Gehörlose berichten, dass sie kaum Veränderungen spüren:

  • Keine sichtbaren Fortschritte bei barrierefreier Kommunikation in Behörden. Formulare, Termine, Anfragen – für viele bleibt der Kontakt zur Verwaltung ein mühsamer Hindernislauf.
  • Fehlende Präsenz in der Politik. Obwohl Inklusion und Teilhabe große Themen sind, ist von starken Statements des LvByGl kaum etwas zu hören.
  • Kaum öffentliche Transparenz. Protokolle, Strategien oder konkrete Pläne sind schwer auffindbar. Mitglieder fühlen sich schlecht informiert.

Die Frage drängt sich auf: Hat der Verband die Versprechen vor der Wahl umgesetzt oder herrscht Stillstand?

 

Fokus auf Events statt auf Barrieren?

Der LvByGl organisierte im Mai 2025 sein erstes Adult Camp für 30- bis 55-Jährige in Aulendorf. Laut Verband soll es Austausch, Freizeit und Gemeinschaft fördern. Das ist für viele wertvoll – aber:

  • Prioritätenfrage: Während Behördenkontakte noch immer für viele Gehörlose eine tägliche Hürde sind, wirken Freizeitcamps wie eine Ablenkung von Kernproblemen.
  • Geringer politischer Nutzen: Ein Camp löst keine strukturellen Barrieren in Schulen, Ämtern oder bei Dolmetscher-Vermittlungen.

Kritische Stimmen fordern, dass der Verband zuerst systemische Missstände anpackt, bevor Freizeitangebote erweitert werden.

 

Barrierefreie Kommunikation – weiter Mangelware

Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben fehlt es in Bayern vielerorts an:

  • Gebärdensprachdolmetschern bei Behörden. Termine müssen oft verschoben werden, Anträge dauern länger.
  • Echter digitaler Barrierefreiheit. Webseiten vieler Ämter sind für Gehörlose nur bedingt nutzbar, Videos ohne Gebärdensprachübersetzung bleiben Alltag.
  • Verbindlichen Standards. Jede Kommune regelt Barrierefreiheit anders – ein Flickenteppich ohne klare Linie.

Viele Gehörlose fragen sich, warum der Verband hier nicht stärker Druck aufbaut. Petitionen, Medienarbeit, klare Forderungen an die Staatsregierung – Fehlanzeige.

 

Politische Vertretung: Konkurrenz durch KoGeBa?

Immer mehr Stimmen in der Community spekulieren: Ist KoGeBa (Kommunikations- und Gebärdensprachgemeinschaft Bayern) inzwischen der effektivere Interessenvertreter?

  • KoGeBa tritt mit klaren Forderungen und direkten Kontakten zur Politik auf.
  • Sie setzen stärker auf Transparenz und Dialog in sozialen Medien.
  • Bei zentralen Themen wie Dolmetscherverfügbarkeit, Bildungszugang und Teilhaberechte wirken sie präsenter.

Wenn der LvByGl hier nicht aufholt, droht ihm, an Bedeutung zu verlieren – gerade bei jüngeren Gehörlosen, die Ergebnisse statt Tradition sehen wollen.

 

Mitglieder fordern mehr Führung

Aus Gesprächen mit Mitgliedern und Beobachtungen aus der Community ergeben sich klare Erwartungen:

  1. Strategie und Fahrplan veröffentlichen. Was sind die Ziele für 2025/26? Wie will man Barrieren konkret abbauen?
  2. Politischen Druck erhöhen. Mehr Gespräche mit Landtagsabgeordneten, Pressearbeit, öffentliche Kampagnen.
  3. Regelmäßige Berichte. Quartalsweise Updates, damit Mitglieder Fortschritte sehen – oder Mängel klar benennen können.
  4. Prioritäten setzen. Freizeitangebote sind gut, aber Barrierefreiheit, Dolmetscher, Bildung haben Vorrang.

 

Tipps für Mitglieder – so können Sie Druck machen

  • Nachfragen stellen: Fordern Sie schriftlich von Ihrem Verband Informationen zu Projekten und Fortschritten.
  • Öffentlichkeit suchen: Teilen Sie Erfahrungen mit Medien oder in sozialen Netzwerken, um Missstände sichtbar zu machen.
  • Bündnisse bilden: Arbeiten Sie mit anderen Gehörlosenorganisationen zusammen, um mehr Gewicht zu haben.
  • Politische Kanäle nutzen: Schreiben Sie an Landtagsabgeordnete, fordern Sie Anhörungen und Berichte.

 

Fazit

Der neue Vorstand des LvByGl steht nach fünf Monaten in der Kritik. Statt spürbarer Fortschritte bei Barrierefreiheit gibt es vor allem ein Freizeitcamp – eine Aktion, die für viele nicht die dringendsten Probleme löst. Die Community fragt sich: Wo bleibt der politische Druck, wo bleibt die Transparenz? Wenn der Landesverband nicht schnell klare Schritte einleitet, droht er seine Rolle als starke Stimme der Gehörlosen in Bayern zu verlieren – und KoGeBa könnte diese Lücke füllen.

Bild von Hans auf Pixabay

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