Home HörgeschädigtPolitikGehörlose in Berlin: Ungleichbehandlung trotz Inklusion

Gehörlose in Berlin: Ungleichbehandlung trotz Inklusion

by info@deaf24.com

Berlin gilt als moderne, inklusive Hauptstadt – doch die Realität für gehörlose Menschen zeigt ein anderes Bild. Während Barrierefreiheit in politischen Diskussionen meist mit Rampen, Aufzügen und Rollstuhlzugang verknüpft wird, bleibt ein entscheidender Bereich oft außen vor: die Kommunikation.
Ohne Gebärdensprachdolmetscher*innen gibt es für Gehörlose keine echte Teilhabe, weder politisch noch gesellschaftlich. Genau darauf machten Vertreter der Gehörlosengemeinschaft, darunter insbesondere Steffen Helbing, jüngst im Berliner Abgeordnetenhaus aufmerksam. Trotz wiederholter Hinweise bleibt die Situation unverändert: Gehörlose werden strukturell benachteiligt.

Dieser Artikel zeigt umfassend, wo die Probleme liegen, welche Forderungen gestellt werden und warum Berlin noch weit von echter Inklusion entfernt ist.

 

Aktuelle Forderungen des Gehörlosenverbandes Berlin

Der Gehörlosenverband Berlin e.V., vertreten durch Uwe Schönfeld und Steffen Helbing, führte in den letzten Wochen zahlreiche Gespräche mit Senatsverwaltungen. Die Anliegen betreffen vier zentrale Bereiche:

 

Gerechte Anpassung des Landespflegegeldgesetzes

Das Berliner Landespflegegeldgesetz (LPflGG) berücksichtigt die Lebensrealität von Gehörlosen bisher kaum. Der Verband fordert:

  • Gleichbehandlung gehörloser Menschen
  • eine faire, zeitgemäße Erhöhung der Leistungen
  • bessere Unterstützung der Selbstständigkeit und Teilhabe

Viele Gehörlose fühlen sich seit Jahren übersehen und ungleich behandelt.

 

Unterstützungsfonds für Opferentschädigung

Viele gehörlose Menschen erlebten in ihrer Schulzeit schwere Gewalt – psychisch, körperlich und sozial. Die Gebärdensprache war verboten, Kommunikation wurde unterdrückt. Die Folgen sind bis heute spürbar: Depressionen, Angststörungen, Traumata.

Der Verband fordert einen Unterstützungsfonds, der das historische Unrecht anerkennt und Betroffene entschädigt.

 

DGS als Minderheitensprache

Die Deutsche Gebärdensprache ist ein zentraler Teil der Identität der Gehörlosengemeinschaft. Berlin soll die DGS als Minderheitensprache anerkennen und fördern – in Schule, Kultur, Medien und Forschung.

 

Fehlende Transparenz von Behörden

Trotz Anfragen erhält der Verband keine Rückmeldungen von Umweltamt und Gutachtern. Diese Intransparenz erschwert Projekte und verunsichert Vereine. Gefordert wird ein regelmäßiger und verlässlicher Informationsaustausch.

 

Behindertenparlament Berlin: Gehörlose bleiben ausgeschlossen

Politische Teilnahme bleibt schwierig

Das Berliner Behindertenparlament wurde 2021 gegründet, um Menschen mit Behinderungen politische Mitsprache zu ermöglichen. Doch trotz guter Absichten bleibt die Realität für Gehörlose ernüchternd: Sie werden nicht gleichberechtigt beteiligt.

Während Rollstuhlnutzung und bauliche Barrierefreiheit im Fokus stehen, bleibt die Gebärdensprache ein Randthema. Ohne Dolmetschung ist politische Teilnahme nicht möglich.

 

Steffen Helbing: Klare Worte im Abgeordnetenhaus

Auf seinem Profil beschreibt Steffen Helbing die aktuelle Situation im Abgeordnetenhaus unmissverständlich:

„Der Schwerpunkt liegt wie immer überwiegend auf Rollstuhlnutzung und Barrierefreiheit, doch das Thema Gebärdensprachdolmetscher/innen wird weiterhin viel zu wenig berücksichtigt.“

Helbing meldete sich mehrfach als Redner zu Wort, um auf die eingeschränkte gesellschaftliche und politische Teilhabe hinzuweisen. Seine zentralen Punkte:

  • Gehörlose können ohne Dolmetscher*innen nicht barrierefrei teilnehmen.
  • Finanzielle Mittel für politische Dolmetschung fehlen oder sind nicht transparent.
  • Gehörlose Redner*innen erhalten keine echte Partizipation, sondern nur symbolische Anwesenheit.

Helbing formuliert die entscheidende Frage:

„Wo bleibt die echte Partizipation für gehörlose Rednerinnen und Redner?“

Auch beim aktuellen Treffen funktionierte die Kommunikation erneut nicht. Ein Moderator entschuldigte sich und zeigte Verständnis – doch diese Entschuldigungen hört die Community seit Jahren.

„Es sind immer wieder dieselben Ausreden. Wir sind darüber sehr verärgert.“

Die Konsequenz: Gehörlose fühlen sich nicht ernst genommen und bleiben bei politischen Entscheidungen außen vor.

 

Kommunikative Barrieren statt echter Inklusion

Während bauliche Barrierefreiheit oft gut organisiert ist, fehlt es an:

  • Planung
  • Finanzierung
  • Zuständigkeit
  • politischem Willen

für Gebärdensprachdolmetschung.
Gehörlose müssen teilweise selbst Dolmetscher*innen organisieren oder sogar privat bezahlen. Für politische Veranstaltungen ist das völlig untragbar.

Wenn Kommunikation nicht gewährleistet ist, ist auch die politische Stimme wirkungslos.

 

Kritische Bewertung: Ein strukturelles Problem

Die Ungleichbehandlung im Behindertenparlament ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom für ein tieferes Problem: Gehörlose werden in politischen Strukturen nicht mitgedacht.
Solange ihre Kommunikation nicht gewährleistet ist, bleibt alles andere Symbolpolitik.

Berlin rühmt sich für Vielfalt – doch die Gebärdensprache bleibt unsichtbar.

 

Tipps für eine inklusive Zukunft

Damit Inklusion mehr wird als ein Schlagwort, braucht es:

  1. Feste Budgets für Dolmetscher*innen in allen politischen Gremien.
  2. Verbindliche Planung von DGS-Dolmetschung vor jeder Veranstaltung.
  3. Gleichberechtigte Redemöglichkeiten für gehörlose Teilnehmende.
  4. Anerkennung der DGS als Minderheitensprache – rechtlich und praktisch.
  5. Respektvolle Kommunikation statt wiederholter Entschuldigungen.

 

Fazit

Berlin hat viel über Inklusion gesprochen – doch für Gehörlose hat sich wenig geändert.
Ob Behindertenparlament, Landespflegegeld oder Anerkennung der DGS: Die Gehörlosengemeinschaft kämpft bis heute um grundlegende Rechte.

Der Weg zu echter Teilhabe führt nur über eines:
Kommunikation ohne Barrieren.

Gehörlose brauchen keine symbolischen Gesten, sondern echte Mitsprache, echte Dolmetschung und echte politische Beteiligung. Berlin steht in der Verantwortung, dies endlich umzusetzen.

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