Seit Jahren setzen sich Gehörlose in Bayern für ein eigenes Gehörlosengeld ein. Eine finanzielle Unterstützung, die echte Mehrkosten ausgleichen soll: Dolmetscher, Technik, ständige Organisationswege, Barrieren im Alltag. Viele Politiker versprachen Bewegung – doch die Entwicklung stockt. Die Diskussion ist kompliziert, emotional und politisch aufgeladen.
Dieser Bericht erklärt:
Welche Forderungen stehen im Raum? Warum gibt es Widerstand? Und haben Landesverband und Grüne wirklich zu hoch gepokert?
Strategie von Landesverband und Grünen
Der Landesverband Bayern der Gehörlosen unterstützt den Grünen-Gesetzentwurf „Blinden- und Gehörlosengeldgesetz“ (Drs. 19/8491) vom Oktober 2025. Dieser sieht ein abgestuftes Modell vor:
- 60 % des Blindengeldes für Gehörlose
- 30 % für hochgradig Hörgeschädigte
- Jährliche Kosten: ca. 50 Millionen Euro
60 % entsprechen etwa 410 Euro monatlich, je nach Berechnungsgrundlage. Der Verband argumentiert, dass diese Beträge notwendig sind, um den tatsächlichen Mehraufwand auszugleichen – besonders Dolmetscherkosten, Kommunikationsbarrieren und organisatorische Hürden, die Gehörlose täglich betreffen.
Doch die Forderung stößt im Landtag auf Widerstand. Die Regierungsparteien CSU und Freie Wähler halten die Summen für zu hoch und verweisen auf die angespannte Haushaltslage. Bayern zahlt hohe Finanzausgleichszahlungen, gleichzeitig steigen Ausgaben in Bereichen wie Migration, Schulen und Sicherheit.
Aktuelle politische Lage: Versprechen ohne Beschluss
Eigentlich war die Erwartung klar: Der Koalitionsvertrag versprach die Einführung eines Gehörlosengeldes „im Lauf der Legislaturperiode“. Viele Gehörlose verstanden das als feste Zusage.
Doch trotz dieses Versprechens – und trotz des Grünen-Gesetzentwurfs von Oktober 2025 – ist im Landtag am 29. Oktober 2025 kein Beschluss gefallen. Die Staatsregierung kündigte lediglich an, „ein neues Konzept für 2026/2027“ zu erarbeiten. Zahlen, Modelle oder konkrete Inhalte wurden nicht vorgestellt.
Opposition und Verbände zeigen sich skeptisch. Seit Jahren wird das Thema verschoben, geprüft, diskutiert – ohne handfeste Ergebnisse. Viele befürchten, dass sich auch 2026 oder 2027 nichts ändert, weil klare politische Prioritäten fehlen.
Deaf24-Kritik: „Doppeltes Pokern“ gefährdet die Einführung
Deaf24 hatte bereits 2024 und 2025 gewarnt:
Der Landesverband könne durch immer höhere Forderungen die politische Mehrheit gegen sich aufbringen. Die Redaktion warnte ausdrücklich davor, dass das taktische „Hochschrauben“ der Forderungen – zunächst 50 %, später 60 % und teilweise darüber – politisch riskant sei.
Reaktion des Landesverbands
Der Landesverband wies diese Kritik zurück und erklärte schriftlich:
„Ihre Bedenken sind unbegründet. Es ist auch uns ein großes Anliegen,
dass das Gehörlosengeld nicht in Gefahr gerät und wie geplant 2026
eingeführt wird.“
Der Verband war überzeugt, dass höhere Forderungen keine Gefahr darstellen und dass die Einführung weiterhin erreichbar ist.
Die Realität zeigt inzwischen etwas anderes
- Der Gesetzentwurf der Grünen scheiterte im Landtag.
- Die Haushaltslage wird als Grund für Ablehnung genannt.
- Die Einführung ab 2026 ist zunehmend unwahrscheinlich.
- Statt eines dauerhaften Gehörlosengeldes diskutiert die Politik nun über Einmalzahlungen oder abgespeckte Varianten.
Genau vor diesen Risiken hatte Deaf24 früh gewarnt.
Politische Risiken und Chancen
Risiken
- Blockierte Regierungsfraktionen
CSU und Freie Wähler sehen die Forderungen als überhöht und politisch „provokant“. - Haushaltsprobleme
Der Staat argumentiert mit fehlenden finanziellen Spielräumen. - Vertrauensverlust in der Community
Viele Gehörlose fragen sich, warum nach so vielen Jahren noch nichts umgesetzt wurde. - Gefahr eines Minimalmodells
Je länger die Debatte dauert, desto kleiner könnte der Einstieg ausfallen – weit unter 60 %.
Chancen
- Hohe Aufmerksamkeit
Das Thema hat politisch und medial eine Sichtbarkeit erreicht, die es früher nicht hatte. - Neue Gespräche
Treffen wie jenes am 17. November 2025 bringen das Thema in die Mitte des Landtags. - Kompromissmodelle möglich
Diskutiert werden Einstiegssummen von 20 bis 30 Millionen Euro jährlich – weniger als gefordert, aber ein entscheidender erster Schritt.
Fazit
Ja – aus heutiger Sicht haben Landesverband und Grüne politisch zu hoch gepokert. Die Forderung von 60 % ist inhaltlich nachvollziehbar und gerechtfertigt. Doch politisch führte sie zu Blockaden und Verzögerungen.
Ein kleinerer Einstieg – etwa 30 bis 40 % – mit späterer Erhöhung hätte wahrscheinlich bessere Chancen gehabt und hätte vielen Gehörlosen bereits ab 2026 geholfen.
Dennoch bleibt klar:
Ohne Druck passiert nichts – aber zu viel Druck kann alles verzögern.
Jetzt braucht es eine realistische Strategie, klare politische Verantwortung und eine Stimme, die die Interessen der Gehörlosen sachlich, mutig und strukturiert vertritt. Die Community wartet seit Jahren auf Gleichbehandlung – und verdient endlich Ergebnisse.

