Baden-Württemberg steht 2026 vor einer entscheidenden Landtagswahl. Für die Deaf-Community ist besonders interessant, welche Parteien konkrete Maßnahmen für Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen planen. Die SPD hat in ihrem Wahlprogramm ein Taubblinden- und Gehörlosengeld angekündigt, das regelmäßig an die Lebenshaltungskosten angepasst werden soll. Es soll nach dem Vorbild von Berlin und Brandenburg als Nachteilsausgleich dienen und ein selbstbestimmtes Leben nach der UN-Behindertenrechtskonvention ermöglichen. Doch wie realistisch ist die Umsetzung in Baden-Württemberg? Ein nüchterner Blick auf Umfragen, politische Realitäten und Koalitionszwänge zeigt, dass die Chancen eher gering sind.
SPD-Programm und Forderungen für Menschen mit Behinderung
Die SPD fordert ausdrücklich, dass Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung ein selbstbestimmtes Leben führen können. Das geplante Gehörlosengeld soll:
- als Nachteilsausgleich gezahlt werden,
- regelmäßig an die realen Lebenshaltungskosten angepasst werden,
- die Selbstständigkeit und Teilhabe in der Gesellschaft fördern.
Dieses Programm orientiert sich an erfolgreichen Modellen in Berlin und Brandenburg. Für die Betroffenen wäre es ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung und finanzielle Absicherung.
Die SPD ist damit aktuell die einzige Partei, die gezielt Maßnahmen für Gehörlose oder Taubblinde im Landtagswahlprogramm verankert hat. Andere Parteien wie die Grünen, die AfD, CDU oder FDP erwähnen das Thema bislang nicht. Auf den ersten Blick scheint die SPD damit die zentrale politische Stimme für die Deaf-Community zu sein.
Umfragen: SPD hat geringe Ausgangsbasis
Die aktuelle Umfrage von Infratest dimap (14.–20.01.2026) zeigt:
- CDU: 29 %
- Grüne: 23 %
- AfD: 20 %
- SPD: 8 %
- Linke: 7 %
- FDP: 5 %
- BWS: n.a.
Die SPD liegt mit 8 % weit hinter den beiden führenden Parteien. Selbst wenn sie alle ihre Stimmen in die Umsetzung des Gehörlosengeldes stecken wollte, ist die Ausgangslage schwach.
Zudem braucht die SPD Koalitionspartner. In Baden-Württemberg regieren fast immer Koalitionen. Das bedeutet: Alle Versprechen im Wahlprogramm sind nur maximal Wunschlisten. Ob sie nach der Wahl umgesetzt werden, hängt davon ab, welche Parteien eine Koalition bilden und welche Themen die Partner priorisieren.
Koalitionsrealität: Chancen schwinden
Die SPD könnte das Gehörlosengeld nur umsetzen, wenn sie in der Regierung ist und Partner zustimmen, die das Vorhaben ebenfalls tragen. Im aktuellen Szenario ist dies jedoch fraglich:
- CDU und Grüne liegen in Umfragen deutlich vorn.
- Beide Parteien haben bislang keine Programme für Gehörlose.
- Wenn die SPD Koalitionspartner findet, muss sie viele Kompromisse eingehen. Themen wie Bildung, Infrastruktur oder Haushalt könnten Vorrang haben.
Das politische System zwingt somit zu Abwägungen. Viele Wahlversprechen verschwinden in Koalitionsverträgen oder werden verschoben. Für die Deaf-Community heißt das konkret: keine voreiligen Hoffnungen machen.
Diese Dynamik erzeugt bei Betroffenen oft den Eindruck von „Stimmenkauf“: Versprechen werden vor der Wahl gemacht, um Stimmen zu gewinnen, ohne dass die Umsetzung garantiert ist. Rechtlich ist dies kein Stimmenkauf, politisch fühlt es sich jedoch ähnlich an.
Realistische Einschätzung
Fazit aus Programm, Umfragen und Koalitionszwängen:
- SPD ist die einzige Partei mit Gehörlosengeld im Programm.
- Andere Parteien haben kein Konzept für Gehörlose oder Taubblinde.
- SPD-Umfragewerte von 8 % bedeuten geringe Machtbasis.
- Koalitionspartner entscheiden über tatsächliche Umsetzung.
- Chance auf sofortige Einführung 2026: sehr gering.
Die Gehörlosen in Baden-Württemberg sollten daher keine Hoffnungen machen, dass Gehörlosengeld sofort kommt. Die Chance ist aktuell gering.
Handlungsempfehlung für die Deaf-Community
- Wahlprogramme kritisch prüfen – nicht blind vertrauen.
- Politische Entwicklungen beobachten, vor allem Koalitionsverhandlungen.
- Betroffene Verbände unterstützen, die kontinuierlich Druck auf die Politik ausüben.
- Landesverband Baden-Württemberg kann aktiv auf CDU und Grüne zugehen, um das Thema Gehörlosengeld zu platzieren und in Koalitionsverhandlungen einzubringen.
- Nach der Wahl weiter kämpfen: Lobbyarbeit, gut argumentierte Konzepte und Vorschläge sind entscheidend, um langfristige Chancen zu erhöhen.
Es ist sehr wichtig, dass alle Konzepte gut durchdacht, argumentativ klar und realistisch gestaltet werden, damit die Deaf-Community ihre Forderungen erfolgreich vertreten kann.
Schlusswort
Das geplante Taubblinden- und Gehörlosengeld ist eine wichtige Forderung, die das Leben von Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung verbessern könnte. Die Chancen auf direkte Umsetzung in Baden-Württemberg 2026 sind jedoch begrenzt. Die Deaf-Community sollte sich informieren, wählen gehen und nach der Wahl genau prüfen, wie die Koalitionsparteien mit dem Thema umgehen. Hoffnungen ja, aber nur mit Augenmaß und realistischem Blick auf die politische Realität. Gleichzeitig kann aktives Engagement, wie das Kontaktieren von CDU und Grünen durch den Landesverband, helfen, das Thema überhaupt auf die politische Agenda zu bringen und langfristig Fortschritte zu erzielen.
Bild von Michael Schwarzenberger auf Pixabay und SPD

