In Notfällen zählt jede Sekunde. Für gehörlose und schwerhörige Menschen war der Zugang zu Notrufsystemen lange Zeit schwierig oder sogar unmöglich. Telefonate sind keine Option, Textlösungen oft zu langsam oder ungenau. In der Stadt Buenos Aires wurde deshalb ein neuer Weg geschaffen: eine spezielle 911-App für gehörlose und schwerhörige Menschen. Sie ermöglicht eine direkte Videokommunikation mit dem Notrufsystem – inklusive Gebärdensprachdolmetschung. Dieser Bericht erklärt ausführlich, wie die App funktioniert, wer daran beteiligt ist und welche Bedeutung sie für Barrierefreiheit und Sicherheit hat.
Eine neue Lösung für den Notfall
Seit April 2022 steht gehörlosen und schwerhörigen Menschen in Buenos Aires eine innovative Anwendung zur Verfügung: „911 Sordos“. Entwickelt wurde sie vom Ministerium für Justiz und Sicherheit der Stadt Buenos Aires in Zusammenarbeit mit der Asociación Sordomudos de Ayuda Mutua (ASAM), einer traditionsreichen Organisation der Deaf-Community.
Die Grundidee ist einfach, aber wirkungsvoll: Wer die App nutzt, kann im Notfall eine Videokonferenz starten. An dieser Videokonferenz nehmen drei Personen gleichzeitig teil:
- die gehörlose oder schwerhörige Person,
- ein Operator des 911-Notrufsystems,
- eine Gebärdensprachdolmetscherin oder ein Gebärdensprachdolmetscher.
So wird sichergestellt, dass Informationen schnell, korrekt und barrierefrei übermittelt werden können.
Wie die App im Alltag funktioniert
Die App ist für Android- und iOS-Smartphones verfügbar. Nach der Installation können sich Nutzerinnen und Nutzer registrieren. Dieses sogenannte Empadronamiento (Registrierung) ist ein wichtiger Teil des Systems. Dabei werden grundlegende Daten hinterlegt, zum Beispiel Name und Standort.
Im Notfall läuft der Prozess folgendermaßen ab:
- Die betroffene Person öffnet die App.
- Mit einem Klick wird eine Videonotfallanfrage gestartet.
- Es öffnet sich eine dreiseitige Videokommunikation mit dem 911-Operator und einer Gebärdensprachdolmetschperson.
- Die Notsituation wird in Gebärdensprache geschildert.
- Der Operator leitet sofort die passenden Maßnahmen ein.
Durch die hinterlegten Daten kennt der Notruf bereits wichtige Informationen und den ungefähren Standort. Das spart Zeit – ein entscheidender Faktor bei medizinischen Notfällen, Bränden oder Gewaltlagen.
Einbindung aller Rettungsdienste
Das 911-System in Buenos Aires ist umfassend. Über die App können alle relevanten Einsatzkräfte alarmiert werden, darunter:
- Polizei
- Feuerwehr
- Rettungsdienst (SAME)
- Notfallhilfe
- Unterstützung bei häuslicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt
- das Sozialprogramm Buenos Aires Presente (BAP)
Die App dient dabei als Brücke zwischen der Deaf-Community und diesen Diensten. Die ASAM spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung, um sicherzustellen, dass die Lösung den tatsächlichen Bedürfnissen gehörloser Menschen entspricht.
Kommunikation auch vor Ort möglich
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Unterstützung endet nicht mit dem Abschicken des Notrufs. Wenn Polizei, Rettungskräfte oder Feuerwehr am Einsatzort eintreffen, kann die Kommunikation weiterhin über die App erfolgen.
Das bedeutet:
- Die Einsatzkräfte können erneut eine Videokonferenz starten.
- Ein Gebärdensprachdolmetscher unterstützt die Verständigung.
- Missverständnisse werden reduziert.
- Die betroffene Person fühlt sich sicherer und ernst genommen.
Gerade in Stresssituationen ist klare Kommunikation entscheidend. Die App trägt dazu bei, Ängste abzubauen und Vertrauen zu schaffen.
Zusammenarbeit mit der Deaf-Community
Das Projekt wurde nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden. Die Kooperation zwischen dem Ministerium und der ASAM war zentral. Vertreter der Deaf-Community brachten ihre Erfahrungen ein und halfen, typische Probleme zu vermeiden.
Der Kooperationsvertrag wurde von Marcelo D’Alessandro, dem damaligen Minister für Justiz und Sicherheit, und Claudio Bitti, dem Präsidenten der ASAM, unterzeichnet. Beide Seiten betonten, dass Barrierefreiheit kein Extra, sondern ein Grundrecht ist.
Bedeutung über Buenos Aires hinaus
Auch wenn sich dieses Projekt auf Buenos Aires bezieht, hat es eine Signalwirkung. Es zeigt, dass moderne Technik genutzt werden kann, um bestehende Barrieren abzubauen. Viele Städte weltweit stehen vor ähnlichen Herausforderungen.
Für die Deaf-Community ist besonders wichtig:
- Selbstbestimmte Kommunikation im Notfall
- Keine Abhängigkeit von hörenden Dritten
- Respekt vor Gebärdensprache als vollwertige Sprache
Die App „911 Sordos“ ist ein Beispiel dafür, wie Inklusion praktisch umgesetzt werden kann.
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Vergleich: Notfallbereitschaft für Gehörlose in Bayern
Auch in Deutschland gibt es Ansätze, gehörlosen Menschen den Zugang zu Notfalldiensten zu erleichtern. In Bayern wurde ein Notfallbereitschaft für Gehörlose eingerichtet, der mit großzügigen öffentlichen Zuschüssen gefördert wird. Nach öffentlich bekannten Angaben handelt es sich dabei um Fördersummen im Bereich von zigtausend Euro. Ziel ist es, in Notfällen Unterstützung für gehörlose Menschen bereitzustellen.
Trotz dieser finanziellen Förderung wird das Angebot innerhalb der Deaf-Community jedoch kritisch gesehen. Viele Betroffene empfinden den bayerischen Notfalldienst als unreif, unzureichend durchdacht und technisch nicht auf Augenhöhe mit internationalen Lösungen wie dem 911-System in Buenos Aires.
Strukturelle Schwächen trotz hoher Förderung
Ein zentraler Kritikpunkt ist das fehlende integrierte Notrufsystem. Während in Buenos Aires der Notruf direkt mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten verbunden ist, handelt es sich in Bayern eher um einen separaten Dienst, der nicht vollständig in die offiziellen Leitstellen eingebunden ist.
Das hat konkrete Folgen:
- zusätzliche Zeitverluste im Notfall
- Weiterleitung statt direkter Einsatzsteuerung
- unklare Zuständigkeiten
- fehlende Standardisierung der Abläufe
Für gehörlose Menschen bedeutet das: Der Notruf ist nicht gleichwertig
Ein Schritt zu mehr Sicherheit und Gleichberechtigung
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die 911-App für gehörlose und schwerhörige Menschen ist ein großer Fortschritt. Sie verbessert den Zugang zu lebenswichtigen Notfalldiensten, stärkt die Sicherheit und fördert die gesellschaftliche Teilhabe.
Noch ersetzt sie nicht alle Lösungen, und sie ist auf stabile Technik und Internetverbindungen angewiesen. Doch sie zeigt klar: Barrierefreiheit ist machbar, wenn Politik, Technik und Community zusammenarbeiten.
Für gehörlose Menschen bedeutet das vor allem eines: Im Notfall nicht allein zu sein.

