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Mustapha Kettani: Dolmetschen für Gehörlose im Parlament

by info@deaf24.com

Marokko – Mustapha Kettani ist eine bekannte Persönlichkeit in Marokko, besonders für Gehörlose. Er arbeitet als Gebärdensprachdolmetscher im Parlament und sorgt dafür, dass gehörlose Menschen die parlamentarischen Debatten und Nachrichten verstehen können. Sein Beruf ist herausfordernd, aber entscheidend für die Rechte der Menschen mit Hörbehinderung. In diesem Interview erzählt Kettani von seinem Weg, seinen Aufgaben und der Bedeutung seines Berufs für die Gesellschaft.

 

Von Rabat ins Parlament: Kettanis beruflicher Weg

Mustapha Kettani wurde 1978 in Rabat geboren. Nach dem Abitur 1998 studierte er an der Universität Mohammed V und erhielt ein Diplom als technischer Spezialist in Informationswissenschaften. Anschließend arbeitete er im Ministerium für Solidarität und soziale Integration, damals als Teil des Sekretariats für Menschen mit Behinderungen. Über sieben Jahre war er im Kabinett von Ministerin Chekrouni tätig.

2004 legte Kettani als vereidigter Experte vor dem Berufungsgericht in Hay Riad seinen Eid ab. Von da an begann seine Karriere als Gebärdensprachdolmetscher. 2014 wechselte er schließlich ins Parlament. Dort traf er den Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Rachid Talbi Alami, der ihn unmittelbar für die Übersetzung der Sitzungen einsetzte. Ein Casting oder Test war nicht nötig. Schon vor der offiziellen Gesetzgebung zum Zugang zu Informationen wollte der Präsident sicherstellen, dass Menschen mit Behinderung informiert bleiben. Die erste Sitzung war extrem anstrengend: Innerhalb kurzer Zeit musste Kettani zwei parallele Sitzungen dolmetschen.

 

Motivation: Menschen ohne Stimme eine Stimme geben

Kettani beschreibt die Erfahrung von Gehörlosen sehr bildhaft: „Stellen Sie sich vor, Sie schauen die Nachrichten mit ausgeschaltetem Ton. Nach zwei Minuten fühlen Sie sich unruhig, weil Sie nichts verstehen. So fühlt sich eine gehörlose Person jeden Tag ihres Lebens.“ Dieses Gefühl von Unsicherheit und Misstrauen begleitet viele gehörlose Menschen permanent.

Sein Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Gehörlose sich sicher fühlen und Informationen selbstständig verstehen können. 2019 gründete Kettani die Nationale Organisation der vereidigten Gebärdensprachdolmetscher, um die Rechte gehörloser Menschen zu schützen, insbesondere in rechtlichen Fragen wie Erbschaften, bei denen Gehörlose oft benachteiligt werden.

 

Herausforderungen des Gebärdensprachdolmetschens

Das Dolmetschen im Parlament ist extrem anspruchsvoll. Kettani muss die Reden der Abgeordneten wortgetreu und sofort übersetzen. Dabei achtet er nicht nur auf Sprache, sondern auch auf Mimik und Gestik – essentielle Teile der Gebärdensprache.

Allein die Länge und Intensität der Sitzungen ist eine große Herausforderung. Sitzungen zum Finanzgesetz können sieben bis acht Stunden dauern, während internationale Standards eine Übersetzung von 30 Minuten pro Sitzung empfehlen. Zudem arbeitet Kettani derzeit alleine, während etwa das Europäische Parlament sieben Dolmetscher beschäftigt. Zwischen den Sitzungen übernimmt er administrative Aufgaben, organisiert diplomatische Empfänge und übersetzt Pressekonferenzen, auch in Krisenzeiten wie der COVID-19-Pandemie.

 

Gesellschaftliche Wirkung seiner Arbeit

Die Arbeit von Kettani hat direkte Auswirkungen auf das Leben gehörloser Menschen. Viele bedanken sich bei ihm für die Übersetzung parlamentarischer Debatten und Nachrichten. Die Informationsvermittlung ist besonders wichtig in religiösen Fragen, wo fehlende Inhalte zu Missverständnissen führen können. Einige gehörlose Menschen erhalten Informationen aus unsicheren Quellen, was zu Konflikten innerhalb der Familie führen kann.

Darüber hinaus ist die Alphabetisierung unter Gehörlosen nach wie vor gering. Viele erreichen erst spät das College, nur wenige erhalten das Abitur. Daher sind spezielle Bildungs- und Informationsprogramme entscheidend, um Gehörlosen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

 

Fazit: Dolmetschen als Schlüssel zu Teilhabe

Mustapha Kettanis Arbeit zeigt, wie wichtig Gebärdensprachdolmetscher für die gesellschaftliche Teilhabe von Gehörlosen sind. Sie sorgen dafür, dass Menschen mit Hörbehinderung Zugang zu Informationen und damit zu ihren Rechten erhalten. Sein Engagement geht über das reine Dolmetschen hinaus: Er stärkt die Rechte gehörloser Menschen, sensibilisiert die Gesellschaft und trägt dazu bei, dass Gehörlose selbstbewusst am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Kettani zeigt, dass Übersetzung und Kommunikation mehr sind als reine Sprache: Sie sind ein Mittel der Gleichberechtigung, der Teilhabe und der gesellschaftlichen Integration. Gerade in Ländern, in denen das Bewusstsein für die Rechte von Menschen mit Hörbehinderung noch wächst, ist diese Arbeit unverzichtbar.

Bild: lopinion.ma

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