Seit den Neuwahlen in vielen Gehörlosenverbänden auf Landes- und Bundesebene, insbesondere dem Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB) unter Ralf Raule, hofften viele auf spürbare Verbesserungen. Die Wahlprogramme klangen ehrgeizig: Mehr politische Sichtbarkeit, starke Vertretung auf Bundesebene, konsequenter Einsatz für barrierefreie Kommunikation in Schulen, bei Behörden, in Krankenhäusern und im Arbeitsleben. Doch über ein Jahr später ist von diesem Aufbruch kaum etwas zu sehen.
Die Kritik aus der Gehörlosen-Community wird lauter: Es fehlt nicht nur an politischen Ergebnissen, sondern auch an echter Kommunikation mit der Basis. Stattdessen dominieren Freizeitprogramme, Wohlfühl-Events und symbolische Treffen ohne politische Wirkung.
Nach der Wahl: Wo bleibt die Reformkraft?
Seit 2023 wurden in mehreren Gehörlosen-Verbänden neue Vorstände gewählt – auf Landes- wie auch Bundesebene. Viele dieser Vorstände gingen mit großen Worten und Wahlprogrammen an den Start. Es war von Aufbruch, Inklusion, Verbesserungen bei Behörden, Schulen und im Gesundheitswesen die Rede. Doch über ein Jahr später ist von diesen ambitionierten Zielen kaum etwas sichtbar.
Statt klare politische Zeichen zu setzen oder öffentliche Forderungen an Regierungen zu stellen, verfallen viele Landesverbände in alte Muster: Klausurtagungen, interne Treffen, Freizeit-Events – und die eigentlichen Herausforderungen bleiben ungelöst. Die Community spürt von dem angekündigten „Neustart“ nichts.
Wöchentlich posten statt handeln – Kritik am DGB-Vorstand
Auch beim Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB) unter dem Vorsitz von Ralf Raule wächst die Unzufriedenheit. Zwar werden regelmäßig freitags Videobeiträge auf Social Media veröffentlicht, in denen über die Arbeit des Vorstands gesprochen wird. Doch was fehlt, sind messbare Ergebnisse.
Es gibt kaum transparente Informationen darüber, ob und wie Gespräche mit der Politik geführt werden. Welche Forderungen wurden eingebracht? Welche Fortschritte gab es in der Zusammenarbeit mit Ministerien? Welche politischen Entscheidungen wurden beeinflusst? Auf all diese Fragen gibt es bislang keine klaren Antworten.
Für viele Gehörlose ist das frustrierend. Die Zeit drängt: Noch immer fehlen Dolmetscher, viele Ämter sind nicht barrierefrei, Gehörlose haben Nachteile auf dem Arbeitsmarkt, bei medizinischer Versorgung oder in der Bildung. All das erfordert politisches Handeln – nicht nur Social-Media-Kommunikation.
Adult Camp statt politischer Kampf – Beispiel Bayern
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung beim Landesverband Bayern der Gehörlosen (LVBG). Anstatt politische Forderungen zu stellen oder sich mit bayerischen Ministerien auseinanderzusetzen, organisiert der Verband „Adult Camps“ – Freizeit- und Wohlfühlangebote, die als Rückzugsort dienen sollen.
Solche Veranstaltungen haben sicherlich einen sozialen Wert. Doch für viele Mitglieder der Community stellt sich die Frage: Ist das wirklich die Aufgabe eines Landesverbandes in Zeiten so großer ungelöster Probleme?
Während Behörden Gehörlose noch immer nicht ernst nehmen, während Dolmetschversorgungen chaotisch verlaufen, während Diskriminierung im Alltag an der Tagesordnung ist, setzt der Verband auf Erholung statt Konfrontation. Damit wird eine große Chance verspielt – denn gerade jetzt müsste der politische Druck erhöht werden.
Die Community braucht mutige Interessenvertretung
Die Gehörlosen-Community ist längst nicht mehr bereit, nur zuzuschauen. Immer mehr Menschen stellen Fragen, kritisieren öffentlich, fordern echte Transparenz und Wirksamkeit. Das ist kein Angriff, sondern ein Weckruf:
- Warum gibt es keine landesweiten Kampagnen für mehr Dolmetscher und barrierefreie Kommunikation in Behörden?
- Warum werden keine politischen Forderungspapiere veröffentlicht?
- Warum gibt es kaum Berichte über Gespräche mit Landes- oder Bundespolitikern?
Die Community fordert zu Recht: Wir brauchen keine Heul-Therapie, keine Wohlfühlcamps – wir brauchen laute Stimmen, klare Botschaften und echte Taten.
Fazit: Wohlfühlen reicht nicht – Politik muss aufwachen
Die Gehörlosen-Verbände stehen an einem Wendepunkt. Die Herausforderungen sind gewaltig – aber lösbar. Doch dafür braucht es mehr als interne Sitzungen und freundliche Videobotschaften. Es braucht politischen Mut, klare Forderungen und echten Aktivismus.
Die Community verdient mehr als symbolische Präsenz. Sie verdient Ergebnisse: in Schulen, in Ämtern, im Arbeitsleben, in der medizinischen Versorgung. Dazu gehört auch, Druck auf die Regierung auszuüben, wie andere Selbstvertretungen es längst tun.

