Home LifestyleKultur„Dinner Table Syndrome“ (DTS) – Wenn taube Kinder sprachlich ausgeschlossen werden

„Dinner Table Syndrome“ (DTS) – Wenn taube Kinder sprachlich ausgeschlossen werden

by info@deaf24.com

Viele gehörlose oder taube Menschen kennen dieses Gefühl: Man sitzt mit der Familie am Esstisch – beim Frühstück, Mittag- oder Abendessen – doch man versteht kein Wort. Alle sprechen miteinander in Lautsprache, aber das taube Kind bleibt außen vor. Dieses Phänomen nennt man „Dinner Table Syndrome“ – auf Deutsch: „Esstisch-Syndrom“. Es ist ein klares Beispiel für sprachliche Deprivation – also den Mangel an zugänglicher Sprache für taube Kinder.

 

Die Realität: 90 Prozent der tauben Kinder haben hörende Eltern

Etwa 90 Prozent der tauben Kinder wachsen mit hörenden Eltern auf. Viele dieser Familien nutzen zu Hause hauptsächlich Lautsprache – also gesprochene Sprache ohne Gebärden. Manche Eltern lernen zwar etwas Gebärdensprache, aber oft nicht genug, um ein echtes, tiefes Gespräch führen zu können. Das Ergebnis: Das Kind versteht die Gespräche am Tisch nicht, kann sich nicht beteiligen und fühlt sich ausgeschlossen.

Diese stille Ausgrenzung geschieht jeden Tag – mehrfach. Mit der Zeit sammelt sich Frust an. Das Kind wird still, traurig, wütend oder zieht sich zurück. Das hat Folgen für seine gesamte Entwicklung.

 

Beispiel aus dem Alltag: Auch an der Universität sichtbar

Ich arbeite an der LMU München mit Studierenden. Dort sehe ich oft, wie hörende Studierende miteinander sprechen – ohne Gebärdensprache. Wenn das passiert, zeige ich ihnen ein Bild: Ein taubes Kind sitzt in der Mitte, umgeben von sprechenden Menschen. Dann frage ich: „Was seht ihr hier?“

Die meisten Studierenden sind erst irritiert. Dann erkläre ich es:
„Ich bin mit genau solchen Situationen aufgewachsen. Immer wieder. Immer allein am Tisch. Immer ausgeschlossen. Ich habe genug davon.“

Dieses Gefühl ist schmerzhaft – auch heute noch.
Und es betrifft nicht nur das Zuhause. Auch in der Schule geht es oft so weiter: Lehrer:innen sprechen nur – ohne Gebärdensprache. Das Kind bleibt erneut sprachlich ausgeschlossen. Genug davon!

 

Lösung: Hände hoch – gemeinsam gebärden

Deshalb sage ich:
Gebärdet miteinander! Ob mit DGS (Deutsche Gebärdensprache), mit Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) oder mit unterstützender Kommunikation – die Hände müssen hoch!

Es geht nicht darum, Eltern zu beschuldigen. Viele Eltern lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie. Aber Unwissenheit, Unsicherheit oder sogar Ablehnung der Gebärdensprache schaden der Entwicklung des Kindes. Wer die Gebärdensprache ablehnt, verhindert echte Kommunikation – bewusst oder unbewusst.

Das Kind wächst auf mit einem ständigen Gefühl:
„Ich verstehe nichts.“
Diese sprachliche Leere kann langfristige Schäden verursachen – in der Schule, im Sozialleben, in der psychischen Entwicklung.

 

Fazit: DTS ist kein Einzelfall – sondern ein ernstes Problem

„Dinner Table Syndrome“ ist ein Beispiel für sprachliche Deprivation. Wenn taube Kinder über Jahre hinweg nicht mitsprechen dürfen, verlieren sie wichtige sprachliche Erfahrungen. Es ist nicht „nur“ eine Familiensituation – es ist ein gesellschaftliches Problem.

Jede Familie, jede Schule, jede Einrichtung sollte sich die Frage stellen:
Binden wir taube Kinder aktiv in die Kommunikation ein? Oder lassen wir sie außen vor?

Spätfolgen wie Spracharmut, soziale Isolation und psychische Belastungen können verhindert werden – wenn wir jetzt handeln.

DTS zeigt ganz deutlich: Sprache ist mehr als Wörter. Sprache ist Teilhabe. Und jedes Kind hat das Recht, verstanden zu werden.

Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay

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