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Beratungen: Warum Gehörlose oft benachteiligt werden

by info@deaf24.com

In Deutschland gibt es ein wichtiges Recht: Alle Menschen sollen gleich behandelt werden. Auch in Beratungsgesprächen – zum Beispiel bei Ämtern, Schulen, Krankenhäusern, Kaufhäusern oder Beratungsstellen. Das gilt für hörende und gehörlose Menschen. Doch in der Realität sieht es oft ganz anders aus.

Viele Gehörlose erleben, dass Beratungen mit hörenden Menschen viel länger und genauer sind als Beratungen mit Gehörlosen. Wenn zwei hörende Menschen miteinander sprechen, nehmen sich die Beratenden oft sehr viel Zeit. Es wird alles genau erklärt. Es gibt Raum für Fragen. Manchmal dauern diese Gespräche eine halbe Stunde oder länger.

Wenn aber eine gehörlose Person zur Beratung kommt, geht es oft ganz schnell. 5 Minuten, ein paar Sätze, ein Zettel in die Hand – fertig. Die Beratung ist kurz, oberflächlich und oft unfreundlich. Die gehörlose Person hat kaum eine Chance, Fragen zu stellen oder alles genau zu verstehen.

Warum ist das so?

 

Ist die Kommunikation mit Gehörlosen zu anstrengend für Hörende?

Viele hörende Beratende sprechen keine Gebärdensprache. Sie haben keine Erfahrung mit Gehörlosen. Manche wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Andere wirken nervös oder unsicher. Und viele haben einfach keine Geduld.

Die Kommunikation mit Gehörlosen braucht oft mehr Zeit. Man muss langsam sprechen, deutlich schreiben oder einen Gebärdensprachdolmetscher einsetzen. Es braucht manchmal Wiederholungen, Beispiele oder Zeichnungen.

Aber viele Beratende wollen keine Zeit verlieren. Sie machen es sich einfach: Sie erklären nur das Nötigste oder geben nur ein Infoblatt mit. Sie sagen dann: „Lesen Sie es zu Hause nach.“ Das ist bequem für die Hörenden – aber unfair für die Gehörlosen.

 

„Es steht doch alles in der Beschreibung“ – wirklich?

Ein sehr typischer Satz, den viele Gehörlose oft hören:
„Es steht doch alles im Brief.“
„Haben Sie den Zettel nicht gelesen?“
„Das haben wir Ihnen doch schriftlich gegeben.“

Doch dieser Satz ist für viele Gehörlose sehr verletzend. Denn viele gehörlose Menschen haben durch die Schule, die Sprache oder die Erziehung weniger Erfahrung mit schwerer Schriftsprache. Viele Behördenbriefe oder Merkblätter sind in komplizierter Sprache geschrieben. Für hörende Menschen ist das oft schon schwierig – für viele Gehörlose noch viel mehr.

Wenn die Beratenden dann sagen, „Sie hätten es lesen müssen“, ist das nicht fair. Die Verantwortung wird auf die Gehörlosen geschoben – obwohl die Erklärung nicht barrierefrei war.

Gehörlose Menschen brauchen Informationen in Gebärdensprache oder in einfacher Sprache. Es reicht nicht, nur einen Zettel zu geben.

 

Wenn etwas schiefgeht, sind immer die Gehörlosen schuld

Viele Gehörlose berichten: Wenn etwas falsch läuft, wird nicht gefragt, ob es an der Erklärung lag. Stattdessen sagen die Hörenden:

  • „Sie haben sich nicht rechtzeitig gemeldet.“
  • „Sie haben nicht alles gesagt.“
  • „Sie haben etwas falsch verstanden.“
  • „Sie hätten halt nachfragen müssen.“

Diese Reaktionen sind sehr frustrierend. Denn die Schuld wird immer bei den Gehörlosen gesucht – nicht bei der Beratung. Es wird nie gefragt:

  • Habe ich als Beratende*r gut erklärt?
  • War meine Information barrierefrei?
  • Habe ich genug Zeit und Geduld gehabt?
  • Gab es einen Dolmetscher oder eine andere Hilfe zur Kommunikation?

Diese Fragen werden fast nie gestellt. Stattdessen werden Gehörlose oft allein gelassen, nicht ernst genommen und für Fehler verantwortlich gemacht, die sie gar nicht verursacht haben.

 

Ein strukturelles Problem – kein Einzelfall

Dieses Problem betrifft nicht nur einzelne Beratungen. Es ist ein großes, strukturelles Problem. Das bedeutet: Es passiert sehr oft und in vielen Bereichen – immer wieder.

Zum Beispiel bei:

  • Krankenkassen
  • Jobcentern
  • Sozialämtern
  • Schulen und Kindergärten
  • Beratungsstellen
  • Jugendämtern
  • Polizei oder Gerichten
  • Krankenhäusern

In vielen Fällen ist keine Dolmetscherin oder kein Dolmetscher dabei. Es wird schnell abgehandelt, ohne Rücksicht. Viele Beratende haben keine Schulung zum Thema Barrierefreiheit oder Gehörlosigkeit. Viele wissen nicht, dass Gehörlose andere Kommunikationsbedürfnisse haben.

So entsteht ein großer Nachteil für Gehörlose. Sie bekommen nicht die gleiche Qualität der Beratung wie Hörende. Das ist ungerecht und diskriminierend.

 

Ist das Diskriminierung?

Ja. Was hier passiert, ist eine Form von Diskriminierung. Diskriminierung bedeutet: Menschen werden schlechter behandelt, weil sie anders sind – zum Beispiel, weil sie gehörlos sind.

Wenn eine hörende Person 30 Minuten Beratung bekommt, und eine gehörlose Person nur 5 Minuten, dann ist das eine Ungleichbehandlung. Wenn die Informationen nicht in Gebärdensprache erklärt werden, obwohl die Person das braucht, dann ist das nicht barrierefrei.

Das verstößt gegen wichtige Gesetze und Rechte:

  • Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) sagt: Alle Menschen haben das Recht auf barrierefreie Kommunikation.
  • Das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sagt: Menschen mit Behinderung dürfen nicht benachteiligt werden.
  • Das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) sagt: Gehörlose Menschen haben ein Recht auf Teilhabe.

 

Was muss sich ändern?

Die Verantwortung liegt nicht bei den Gehörlosen. Sie liegt bei den Beratenden. Sie müssen lernen, wie man barrierefrei kommuniziert. Sie müssen verstehen, dass Gehörlose Geduld und gute Informationen brauchen.

Deshalb ist wichtig:

  • Beratende müssen sich Zeit nehmen – genauso viel wie bei hörenden Menschen.
  • Es müssen Dolmetscher oder Kommunikationshilfen organisiert werden – nicht erst auf Nachfrage, sondern automatisch.
  • Informationen müssen auch in Gebärdensprache oder einfacher Sprache erklärt werden.
  • Beratende müssen Verantwortung übernehmen, wenn etwas schiefgeht.
  • Es braucht mehr Schulungen und Fortbildungen für Beratende – über Gehörlosenkultur, Gebärdensprache und Diskriminierung.

 

Fazit

Gehörlose Menschen wollen keine Sonderbehandlung. Sie wollen gleich behandelt werden. Sie wollen verstanden werden. Sie wollen wissen, was sie tun müssen. Sie wollen sicher sein, dass sie nichts falsch machen – so wie alle anderen auch.

Doch solange sie weniger erklärt bekommen, weniger gefragt werden, kürzer beraten werden und bei Problemen die Schuld bekommen, gibt es keine echte Gleichberechtigung.

Wir müssen das ändern. Nicht irgendwann – jetzt. Für mehr Gerechtigkeit. Für mehr Respekt. Für echte Teilhabe.

Bild von cschouten41 auf Pixabay

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