In Deutschland gibt es bisher keine gesetzliche Pflicht, dass professionelle Gebärdensprachdolmetscher sofort bei Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungseinsätzen anwesend sein müssen. Das bedeutet: In wichtigen Situationen, wenn gehörlose Menschen Unterstützung brauchen, ist nicht garantiert, dass ein qualifizierter Dolmetscher schnell verfügbar ist.
Das Problem besteht schon seit vielen Jahren: Behörden können zwar Dolmetscher anfordern, aber oft dauert es zu lange, bis diese eintreffen. Manchmal gibt es gar keine freien Dolmetscher, weil es zu wenige professionelle Fachkräfte gibt. Im Fall des Bochumer Polizeieinsatzes war kein professioneller Dolmetscher dabei. Die Polizei nutzte stattdessen Kommunikationshilfen wie Apps oder Zettel und Stift. Diese Mittel reichen jedoch nicht aus, um in einer akuten Gefahrenlage die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Mangelnde Gebärdensprachdolmetscher reichen nicht aus. Es sollten auch Kommunikationsassistenten vermittelt werden dürfen, nicht nur GSD mit Diplom. Viele gehörlose Menschen empfinden Kommunikationsassistenten als natürliche und vertrauensvolle Unterstützung, gerade in alltäglichen und auch stressigen Situationen. Diese Vielfalt bei der Dolmetscherwahl wird bisher nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl sie die Kommunikation deutlich verbessern könnte.
Das Fehlen einer rechtlichen Verpflichtung, professionelle Gebärdensprachdolmetscher einzusetzen, ist für die gehörlose Gemeinschaft ein großes Problem. Gehörlose Menschen sind so oft benachteiligt, weil ihre Bedürfnisse in Notfällen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Warum professionelle Dolmetscher und Kommunikationsassistenten so wichtig sind
Gehörlose Menschen kommunizieren meist über die Deutsche Gebärdensprache. Diese Sprache ist anders als Deutsch, hat ihre eigene Grammatik und Ausdrucksweise. Ohne einen professionellen Dolmetscher oder einen erfahrenen Kommunikationsassistenten entstehen schnell Missverständnisse, besonders in stressigen oder gefährlichen Situationen.
Professionelle Gebärdensprachdolmetscher und Kommunikationsassistenten sind speziell ausgebildet, nicht nur um Sprache zu übersetzen, sondern auch um kulturelle Besonderheiten der Deaf-Community zu verstehen und zu vermitteln. Nur so kann die Polizei sicher sein, dass gehörlose Menschen richtig verstanden werden – und umgekehrt.
Wenn bei Einsätzen keine professionellen Dolmetscher oder Kommunikationsassistenten verfügbar sind, drohen Fehlinterpretationen. Das kann zu falschen Entscheidungen führen – wie etwa der Eskalation eines Einsatzes oder der Verletzung einer Person, die eigentlich Hilfe braucht.
Ausbildung der Einsatzkräfte und Verantwortung der Verbände und Politik
Neben dem Einsatz professioneller Dolmetscher ist es wichtig, dass Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste mehr Kenntnisse im Umgang mit gehörlosen Menschen erhalten. Aktuell sind viele Einsatzkräfte nicht ausreichend geschult, um auf die besonderen Bedürfnisse und Kommunikationsweisen von Gehörlosen einzugehen.
Das führt dazu, dass sie oft nicht wissen, wie sie in kritischen Situationen richtig reagieren sollen. Dieses fehlende Wissen verschärft die Probleme und erhöht die Gefahr von Missverständnissen und Eskalationen.
Doch nicht nur Polizei und Rettungsdienste tragen hier Verantwortung. Auch die Landesverbände der Gehörlosen, der Deutsche Gehörlosen-Bund und die Politik sind gefordert. Sie sind maßgebliche Akteure, die seit Jahren wissen, wie groß das Problem ist – aber oft zu wenig Druck machen oder sich zu wenig engagieren, um die Lage für die gehörlose Gemeinschaft wirklich zu verbessern.
Die Landesverbände und der Gehörlosen-Bund müssen enger mit den Behörden zusammenarbeiten und deutlich mehr Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Nur so kann eine nachhaltige Veränderung erreicht werden, die Gehörlose bei wichtigen Einsätzen besser schützt.
Deaf24 berichtet seit Jahren über Versäumnisse der Gehörlosenverbände
Die Redaktion Deaf24 dokumentiert seit vielen Jahren die Untätigkeiten und mangelnden Fortschritte der Landesverbände der Gehörlosen und des Deutschen Gehörlosen-Bunds. Gerade im Bereich der Notfallbereitschaft gibt es große Defizite. Besonders gravierend ist die Situation in Bayern, wo die Notfallbereitschaft als eine der schlechtesten in Deutschland gilt.
Immer wieder wird von gehörlosen Menschen und Aktivisten kritisiert, dass auf Video-Dolmetschdienste gesetzt wird – doch diese können in akuten und sensiblen Situationen keine wirkliche Lösung sein. Technische Probleme, fehlendes Vertrauen und die emotionale Distanz machen Video-Dolmetschen zu einem unzureichenden Ersatz für persönliche Dolmetscher vor Ort.
Folgen für die Sicherheit und Rechte gehörloser Menschen
Die fehlende Dolmetscher-Verfügbarkeit und die mangelnde Kompetenz der Einsatzkräfte haben schwere Folgen:
- Gehörlose Menschen sind oft nicht in der Lage, ihre Rechte durchzusetzen oder sich richtig zu verständigen.
- Missverständnisse können zu gefährlichen Situationen führen – bis hin zu körperlichen Verletzungen.
- Der Schutz und die Sicherheit der gehörlosen Person sind nicht gewährleistet.
- Vertrauen in Polizei und Rettungsdienste wird dadurch untergraben.
Diese Probleme müssen dringend behoben werden, um die Menschenrechte gehörloser Menschen zu wahren.
Was kann getan werden? Forderungen und Lösungswege
Um die Situation zu verbessern, gibt es klare Forderungen:
- Gesetzliche Verpflichtung für Dolmetscher-Einsatz: Es muss gesetzlich geregelt werden, dass bei Polizei- und Rettungseinsätzen immer ein professioneller Gebärdensprachdolmetscher oder ein qualifizierter Kommunikationsassistent schnell verfügbar sein muss.
- Schnelle und flächendeckende Dolmetscher-Bereitschaft: Ein Bereitschaftssystem, das Dolmetscher und Kommunikationsassistenten rund um die Uhr erreichbar macht, ist notwendig. Dafür braucht es bessere Finanzierung und Anerkennung der Berufe.
- Schulungen für Einsatzkräfte: Grundkenntnisse in Deutscher Gebärdensprache und Sensibilisierung für die Deaf-Community sollten in der Ausbildung von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften Pflicht werden.
- Engere Zusammenarbeit mit Gehörlosen-Verbänden: Diese Organisationen müssen in die Planung und Umsetzung von Ausbildungen und Maßnahmen eingebunden werden.
- Technische Hilfsmittel nur ergänzend: Apps und digitale Übersetzer können unterstützen, sind aber kein Ersatz für professionelle Dolmetscher oder Kommunikationsassistenten.
Fazit
Der Einsatz in Bochum zeigt eindrücklich, wie wichtig professionelle Gebärdensprachdolmetscher und Kommunikationsassistenten bei Polizei- und Rettungseinsätzen sind. Ohne sie stehen gehörlose Menschen in gefährlichen Situationen oft allein da – mit schwerwiegenden Folgen für ihre Sicherheit und Rechte.
Deutschland muss endlich handeln: Gesetzliche Verpflichtungen, bessere Dolmetscher- und Kommunikationsassistenten-Systeme und fundierte Schulungen der Einsatzkräfte sind unerlässlich. Nur so kann gewährleistet werden, dass gehörlose Menschen bei wichtigen Einsätzen wirklich gehört und geschützt werden.
Dabei sind nicht nur Polizei, Krankenhäuser oder Rettungsdienste gefragt. Auch die Landesverbände der Gehörlosen, der Deutsche Gehörlosen-Bund und die Politik tragen eine große Verantwortung. Deaf24 berichtet seit Jahren über die Versäumnisse dieser Organisationen und fordert, dass sie endlich aktiv werden – denn gerade im Notfall darf keine Zeit verloren gehen.

