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Brauchen Gehörlose den Landesverband Bayern noch?

by info@deaf24.com

Der Landesverband Bayern der Gehörlosen (LVBYGL) ist seit Jahrzehnten eine zentrale Organisation für gehörlose Menschen im Freistaat. Sein Selbstverständnis: politische Interessenvertretung, Sprachrohr gegenüber Politik, Verwaltung und Gesellschaft. Ein Verband, der strukturelle Benachteiligung abbauen und die Rechte gehörloser Menschen stärken soll.

In der Deaf-Community werden jedoch kritische Fragen laut: Erfüllt der LVBYGL diesen Auftrag noch – oder liegt der Schwerpunkt inzwischen auf anderen Aktivitäten?

Aktuelle Angebote wie Camps, Wanderungen, Sauna-Besuche oder Freizeitprogramme für bestimmte Altersgruppen sorgen für Diskussionen. Viele fragen sich: Sind solche Angebote im Verhältnis zum ursprünglichen Auftrag des Verbandes angemessen? Dieser Leitartikel ordnet die Kritik sachlich und neutral ein.

 

Der Kernauftrag eines Landesverbandes

Ein Landesverband der Gehörlosen ist primär politisch tätig, nicht in erster Linie als Freizeit- oder Reiseanbieter. Zu seinen zentralen Aufgaben gehören:

  • politische Interessenvertretung auf Landesebene
  • Lobbyarbeit gegenüber Ministerien, Landtag und Behörden
  • Einsatz für Barrierefreiheit und Gebärdensprache
  • Verbesserung der Lebensbedingungen gehörloser Menschen
  • Unterstützung und Koordination der lokalen Vereine

Freizeitangebote können ergänzend wirken, etwa zur Vernetzung oder Stärkung der Community, sollten aber nicht den Hauptfokus bilden.

 

Freizeitangebote: Ergänzung oder Ablenkung?

Ein Camp für Erwachsene zwischen 50 und 65 Jahren mit Wanderungen, Sauna, Kegeln und Massage kann sinnvoll sein. Gemeinschaft, Bewegung und Austausch sind wertvoll, insbesondere im höheren Alter.

Problematisch wird es, wenn solche Angebote:

  • den größten Teil der öffentlichen Kommunikation des Verbandes ausmachen
  • mit Teilnahmegebühren verbunden sind
  • möglicherweise durch öffentliche Fördermittel unterstützt werden
  • keinen klar erkennbaren politischen oder strukturellen Nutzen haben

Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Inwieweit tragen diese Programme zur Erfüllung des politischen und gesellschaftlichen Auftrags des LVBYGL bei?

 

Öffentliche Gelder: Zweckbindung und Verantwortung

Der LVBYGL erhält Fördermittel aus öffentlichen Haushalten, unter anderem vom Freistaat Bayern. Diese Mittel dienen der Förderung von Teilhabe, Gleichstellung und struktureller Verbesserung.

Wenn Mittel direkt oder indirekt in Freizeit- oder Wellnessformate fließen, ohne dass ein politischer Mehrwert erkennbar ist, kann dies diskutiert werden. Es ist sinnvoll, die Nutzung öffentlicher Mittel transparent zu machen und den Zusammenhang zu politischen Zielen deutlich zu begründen.

 

Politische Interessenvertretung: Wahrnehmbarkeit

Viele gehörlose Menschen in Bayern berichten seit Jahren über bekannte Herausforderungen:

  • begrenzte oder verspätete Verfügbarkeit von Gebärdensprachdolmetschern
  • Barrieren im Zugang zu Behörden, Ärzten und Gerichten
  • Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt
  • eingeschränkte Bildungschancen
  • geringe politische Beteiligung gehörloser Menschen

Hier wäre eine sichtbare, konsequente Interessenvertretung erforderlich. Öffentlich wahrnehmbare Stellungnahmen, Dialog mit Entscheidungsträgern und transparente Kommunikation über Ergebnisse würden die Wirksamkeit des Verbandes erhöhen.

 

Neuer Vorstand: Erwartungen und Beobachtungen

Mit der Wahl eines neuen Vorstands verbanden viele in der Community Hoffnungen auf mehr Transparenz und politische Aktivität. Nach Angaben von Deaf24 wurde jedoch auf die Frage, ob der LVBYGL zu aktuellen Problemlagen Kontakt mit zuständigen Behörden aufgenommen habe, geantwortet: Nein.

Diese Information ist relevant für die Bewertung der Wahrnehmung des Verbandes. Sie zeigt nicht, dass Gesetze verletzt wurden, sondern dass bislang kein direkter Kontakt erfolgt ist – ein Aspekt, den die Community bei der Einschätzung der Effektivität des Verbandes berücksichtigen kann.

 

Kritische Einordnung: Beruhigung vs. Veränderung

In der Community wird diskutiert: Freizeitangebote fördern Gemeinschaft, politische Arbeit schafft Rechte.

Wenn der Schwerpunkt stark auf harmonischen Programmen liegt, besteht das Risiko, dass Konflikte vermieden werden, um keine politischen oder finanziellen Schwierigkeiten zu erzeugen. Kritische Auseinandersetzung und Dialog mit Behörden sind jedoch notwendig, um Fortschritte zu erzielen.

 

Brauchen Gehörlose den LVBYGL noch?

Die Frage ist legitim. Die Antwort lautet differenziert:

Ja, gehörlose Menschen benötigen eine starke Landesvertretung.

Gleichzeitig sollten die Prioritäten des Verbandes überprüft werden. Ein zukunftsfähiger LVBYGL könnte:

  • aktiv Behördenkontakte suchen und dokumentieren
  • politische Forderungen klar formulieren
  • Ergebnisse transparent kommunizieren
  • Freizeitangebote klar als ergänzend darstellen
  • öffentliche Mittel nachvollziehbar und zielgerichtet einsetzen

Nicht weniger Gemeinschaft, aber mehr politische Wirkung.

 

Fazit: Ein Verband am Scheideweg

Der LVBYGL steht vor der Entscheidung, als politischer Akteur mit klarer Linie sichtbar zu werden oder weiterhin primär Veranstaltungen anzubieten.

Die Deaf-Community hat das Recht, diesen Prozess kritisch zu begleiten und die Effektivität des Verbandes zu hinterfragen. Kritik ist hier nicht persönlicher Angriff, sondern Ausdruck von Verantwortung und Engagement.

Ein Landesverband existiert für die Rechte und Interessen seiner Mitglieder, nicht allein für Freizeitprogramme.

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