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Bereitschaft von GSD: Wie sieht die Realität aus?

by info@deaf24.com

In Deutschland sind Gebärdensprachdolmetscher (GSD) wichtige Brücken für Menschen, die gehörlos oder schwerhörig sind. Sie helfen in vielen Lebenssituationen, vom Arztbesuch bis zur Arbeit. Doch anders als zum Beispiel Apotheken oder Krankenhäuser gibt es für GSD keine gesetzliche Pflicht, an Wochenenden, Feiertagen oder in Notfällen einsatzbereit zu sein. Diese Realität hat große Folgen für die Gehörlosengemeinschaft – und zeigt, dass dringend Veränderungen nötig sind.

 

Kein gesetzlicher Notdienst für Gebärdensprachdolmetscher

Im Gegensatz zu Apotheken, Krankenhäusern oder Rettungsdiensten, die einen gesetzlich geregelten Notdienst leisten müssen, sind Gebärdensprachdolmetscher meist selbständig und freiberuflich tätig. Es gibt kein Gesetz, das sie verpflichtet, an Feiertagen, Wochenenden oder nachts einsatzbereit zu sein. Das bedeutet: Wenn ein Gehörloser dringend Unterstützung braucht, gibt es keine Garantie, dass ein Dolmetscher verfügbar ist.

Als Ersatz werden oft Videodolmetschdienste wie „Tess Relay“ angeboten oder spezielle Notfallbereisćhaft in einzelnen Bundesländern, zum Beispiel in Bayern. Doch viele Gehörlose empfinden diese Lösungen als unzureichend. Videodolmetschen funktioniert nicht immer technisch zuverlässig – etwa bei schlechten Internetverbindungen oder in Situationen, die Vertraulichkeit erfordern. Und Notdienste sind oft zu begrenzt und erreichen nicht alle Gehörlosen. Deaf24 hat den Notfalldienst für Gehörlose in Bayern getestet – mit ernüchterndem Ergebnis: Gerade ab 20 Uhr kam niemand zum Einsatz, obwohl der Dienst angeblich rund um die Uhr erreichbar sein soll. Das ist eine miserable Dienstleistung für Menschen, die auf schnelle Hilfe angewiesen sind.

 

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Sollen GSD wie Apotheken und Notdienste einsatzpflichtig werden?

Viele Gehörlose bekommen abends, am Wochenende oder an Feiertagen keinen Gebärdensprachdolmetscher. Andere wichtige Branchen – wie Apotheken, Notärzte oder Rettungsdienste – haben eine gesetzliche Pflicht, in Notfällen einsatzbereit zu sein. Deshalb möchten wir wissen, wie die Community darüber denkt: Brauchen wir auch bei GSD eine Einsatz-Pflicht?

 

Konflikte um Vermittlung und Qualitätsfragen

Ein weiteres Problem ist die Vermittlung von Dolmetschern. In Deutschland dürfen nur qualifizierte Gebärdensprachdolmetscher mit Diplom offiziell bezahlt werden. Allerdings verbieten manche Dolmetscher-Vereine oder Vermittlungsstellen eigenmächtig, dass Kommunikationsassistenten (KA) in die Vermittlung aufgenommen werden. Dabei sind Kommunikationsassistenten Menschen, die Grundkenntnisse der Gebärdensprache haben und die Gehörlosenkultur gut kennen. Für viele Gehörlose sind sie oft besser geeignet als manche diplomierte Dolmetscher, weil sie flexibler und einfühlsamer sind.

Die qualifizierten GSD mit Diplom haben zwar eine formale Ausbildung, doch es gibt keine Garantie, dass sie immer gut zur jeweiligen gehörlosen Person passen. Manche Dolmetscher sind unzuverlässig oder verstehen die Bedürfnisse der Gehörlosen nicht immer ausreichend. Die Tatsache, dass viele Dolmetscher ihre Aufträge ablehnen oder nicht spontan einsatzbereit sind, führt zu großen Problemen.

 

Landesverbände und das Wahlrecht der Gehörlosen

Die Landesverbände für Gehörlose und Schwerhörige lehnen es bisher oft ab, Kommunikationsassistenten offiziell in die Vermittlung aufzunehmen. Das sorgt für Ärger und Unverständnis bei der Gehörlosengemeinschaft, die sich mehr Wahlfreiheit wünscht. Nach deutschem Gesetz haben Gehörlose das Wahlrecht, selbst zu entscheiden, wen sie als Dolmetscher oder Kommunikationshilfe nutzen möchten.

Dieses Recht wird aber in der Praxis oft eingeschränkt oder ignoriert. Deaf24 kritisiert, dass die Landesverbände hier zu wenig tun, um die Wahlfreiheit der Gehörlosen zu stärken und den Zugang zu mehr Dolmetscher- und Assistenzangeboten zu ermöglichen.

 

Wer trägt die Hauptschuld an der Misere?

Die Probleme rund um die Dolmetscher-Situation und die schlechte Verfügbarkeit sind kein Zufall. Sie haben sich über Jahrzehnte entwickelt und sind das Ergebnis historischer, politischer und struktureller Fehlentscheidungen. Seit den 1950er Jahren tragen verschiedene Akteure durch ihr Handeln – oder ihr Nichtstun – zur heutigen schwierigen Lage der Gehörlosen bei:

  • Der übermächtige Bund der Gebärdensprachdolmetschenden (GSD-Verbände):
    Diese Verbände haben großen Einfluss auf die Dolmetscherlandschaft. Sie bestimmen, wer dolmetschen darf, welche Qualifikationen anerkannt werden und wie streng die Regeln sind. Diese Macht liegt oft nicht im Interesse der Gehörlosen und schränkt deren Wahlmöglichkeiten ein.
  • Die Landesverbände der Gehörlosen:
    Obwohl sie die Interessen der Gehörlosen vertreten sollen, zeigen sie sich in zentralen Bereichen zurückhaltend oder blockieren wichtige Reformen. Dadurch fehlen dringend benötigte Veränderungen.
  • Der Deutsche Gehörlosen-Bund:
    Er ist zwar eine wichtige Stimme, schafft es aber nicht immer, sich gegenüber den starken Dolmetscher-Verbänden und der Politik durchzusetzen. Viele Anliegen bleiben jahrelang unbearbeitet.
  • Politiker und Regierung:
    Die Politik hat bis heute keine klaren gesetzlichen Regelungen geschaffen, die Dolmetscher-Bereitschaft, Notdienste, Wahlfreiheit oder Qualitätsstandards verbindlich festlegen. Dadurch bleiben viele Gehörlose im Alltag ohne verlässliche Unterstützung.
  • Das Behindertengleichstellungsgesetz:
    Obwohl es wichtige Rechte enthält, ist es zu schwach, um echte Barrierefreiheit sicherzustellen. Die Umsetzung scheitert oft an fehlenden Strukturen, fehlender Kontrolle und ungenauen Vorgaben.
  • Unzureichende internationale Konventionen:
    Empfehlungen und Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention sowie von Organisationen wie WFDeaf und EUDeaf werden in Deutschland nur teilweise umgesetzt. Viele Ziele bleiben auf dem Papier stehen.
  • WFDeaf und EUDeaf:
    Diese Welt- und Europaverbände vertreten zwar wichtige Interessen, doch ihre Wirkung auf nationale Entscheidungen ist begrenzt. Dadurch kommt es auch auf internationaler Ebene zu wenig Druck für Verbesserungen.
  • GSD-Vermittlungsstellen:
    Auch die Vermittlungsstellen tragen eine wichtige Verantwortung. Sie hätten die Möglichkeit, Kommunikationsassistenten (KA) in ihr Angebot aufzunehmen und den Gehörlosen ein vielseitiges, flexibles und bedarfsgerechtes „Produkt-Sortiment“ anzubieten – ähnlich wie Firmen unterschiedliche Produkte zur Auswahl bereitstellen. Stattdessen wird oft stur an einem engen Modell festgehalten, das nur diplomierte Dolmetscher berücksichtigt. Dies verhindert alternative Lösungen, erschwert die Wahlfreiheit und blockiert innovative Wege, die die Situation deutlich entspannen könnten.

Das Machtventil muss geöffnet werden

Die aktuelle Machtverteilung zwischen den Dolmetscher-Verbänden und der Gehörlosengemeinschaft ist unausgewogen. Die GSD-Verbände besitzen einen übermäßig großen Einfluss und bestimmen viele Abläufe einseitig. Um echte Wahlfreiheit und eine verlässliche Versorgung zu ermöglichen, müssen die Strukturen geöffnet werden. Gehörlosenverbände und Kommunikationsassistenten sollten auf Augenhöhe mit den Dolmetscher-Verbänden stehen. Erst wenn alle Beteiligten gleichberechtigt eingebunden sind, kann ein gerechtes und funktionierendes System entstehen, das den Bedürfnissen der Gehörlosen entspricht.

 

Warum sind Bereitschaftsdienste so wichtig?

In vielen anderen wichtigen Bereichen gibt es Bereitschaftsdienste, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Apotheken, Rettungsdienste, Krankenhäuser oder die Feuerwehr garantieren eine schnelle Hilfe auch an Sonn- und Feiertagen. Für Gehörlose ist es genauso wichtig, jederzeit auf einen Dolmetscher zugreifen zu können – gerade in Notfällen oder wichtigen Gesprächen wie beim Arzt oder Jugendamt.

Eine geregelte Notdienst-Bereitschaft für Gebärdensprachdolmetscher würde die Teilhabe und Selbstbestimmung der Gehörlosen deutlich verbessern. Derzeit sind viele Gehörlose auf Freunde oder Verwandte angewiesen, was nicht immer möglich oder angemessen ist.

 

Fazit: Veränderungen dringend notwendig

Gebärdensprachdolmetscher leisten wichtige Arbeit, doch ihr Einsatz ist oft nicht zuverlässig oder verfügbar, wenn Gehörlose sie dringend brauchen. Es fehlt ein gesetzlicher Rahmen, der Dolmetscher zur Bereitschaft verpflichtet – anders als bei Apotheken oder Rettungsdiensten. Videodolmetschen oder einzelne Notdienste sind keine vollständigen Lösungen.

Zudem verhindert die strenge Regulierung, dass Kommunikationsassistenten mit einfachen Grundkenntnissen und Kulturwissen als wertvolle Alternative anerkannt werden. Die Landesverbände sollten endlich das Wahlrecht der Gehörlosen ernst nehmen und für mehr Vielfalt und Verfügbarkeit bei der Dolmetschervermittlung sorgen.

Die Machtverhältnisse zwischen Dolmetscher-Verbänden und Gehörlosenverbänden müssen neu geordnet werden. Nur so kann Barrierefreiheit und Teilhabe wirklich für alle gewährleistet werden – auch an Wochenenden, Feiertagen und in Notfällen.

 

Tipps für Gehörlose und Angehörige

  • Informiere dich über verfügbare Dolmetscher-Notdienste in deiner Region, auch Videodolmetschdienste, aber prüfe ihre Verfügbarkeit und Qualität.
  • Fordere dein Recht auf Wahlfreiheit ein! Du darfst selbst entscheiden, welchen Dolmetscher oder Kommunikationsassistenten du nutzt.
  • Vernetze dich mit lokalen Gehörlosenverbänden und setze dich für bessere Angebote und Notdienste ein.
  • Nutze digitale Plattformen und Apps, die den Zugang zu Dolmetschern erleichtern können.
  • Bleibe hartnäckig – denn nur durch gemeinsames Engagement können die Bedingungen für Gebärdensprachdolmetscher und Gehörlose verbessert werden.

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