Das Pflegeheim „Marienheim“ in Würzburg wird vom Landesverband Bayern für die Gehörlosen (LV Bayern) auf seiner Website als barrierefreie Einrichtung für Taube Seniorinnen und Senioren empfohlen. Viele Taube Menschen verlassen sich auf solche Empfehlungen – in der Hoffnung auf eine verständnisvolle, gebärdensprachlich orientierte Umgebung im Alter. Doch ein Vor-Ort-Besuch der Redaktion Deaf24 zeigt ein anderes Bild: Taube Bewohner:innen sind dort isoliert, echte Kommunikation findet kaum statt, und Gebärdensprache spielt im Alltag des Pflegeheims praktisch keine Rolle. Deaf24 fordert eine Streichung von der Empfehlungsliste. Eine Reaktion des Verbands steht bislang aus.
Keine Gebärdensprache – kein Zugang zur Welt
Beim Besuch im Marienheim Würzburg fiel sofort auf: Das Pflegepersonal verfügt über keine nachweisliche Gebärdensprachkompetenz. Gruppengespräche oder gemeinschaftliche Aktivitäten mit visueller Kommunikation? Fehlanzeige. Informationen zum Tagesablauf sind nicht visuell aufbereitet.
Kommunikation – ein zentrales Grundbedürfnis – ist für taube Bewohner:innen kaum möglich. Wer in diesem Heim lebt, ist auf sich allein gestellt, sprachlich ausgeschlossen, emotional isoliert.
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Pflegekraft reagiert abweisend: „Das ist nicht mein Problem“
Ein besonders bezeichnender Moment ereignete sich im Gespräch zwischen Deaf24 und einer Pflegekraft. Auf die Frage, wie taube Menschen im Heim kommunizieren, antwortete sie:
„Wir sprechen mit den Fingern.“
Doch als sie gebeten wurde, das zu zeigen oder zu erklären, verweigerte sie die Demonstration. Auf weitere Rückfragen reagierte sie sichtlich genervt – und beendete das Gespräch mit dem Satz:
„Das ist nicht mein Problem.“
Diese Haltung ist alarmierend. Sie zeigt nicht nur die mangelnde Bereitschaft zur Kommunikation, sondern auch ein grundsätzliches Unverständnis dafür, was barrierefreie Pflege für taube Menschen bedeutet.
Kooperation mit Gehörlosenverein? Pflegeheim widerspricht Website
Laut Homepage des Landesverbands Bayern für die Gehörlosen wird das Marienheim wie folgt beschrieben:
„In Kooperation mit dem Gehörlosenverein Würzburg sind davon 5 Zimmer mit einer Signalanlage für gehörlose Senioren ausgestattet.“
„Es gibt gemeinsame Freizeitangebote mit benachbarten Schulen und Kindergärten, regelmäßige Besuche von Vereinen.“
Diese Aussagen klingen vielversprechend – doch sie halten der Realität nicht stand.
Deaf24 fragte gezielt bei der Pflegedienstleitung nach, ob aktuell eine Zusammenarbeit mit dem Gehörlosenverein Würzburg besteht. Die Antwort:
„Nein, es gibt keine aktive Kooperation.“
Kommunikation mit tauben Bewohner:innen finde lediglich „bei Bedarf“ statt – das heißt: keine geregelte Kommunikation, keine festen Ansprechpartner:innen, keine gebärdensprachlich ausgerichteten Angebote.
Auch das Freizeitprogramm für taube Menschen existiert in dieser Form nicht. Die erwähnten „Besuche von Schulen und Vereinen“ finden ohne barrierefreie Beteiligung statt – taube Bewohner:innen bleiben ausgeschlossen.
Empfehlungsliste des Landesverbands Bayern: Vertrauen verspielt
Der Landesverband Bayern für die Gehörlosen (LV Bayern) führt das Marienheim Würzburg in seiner öffentlichen Liste als „gehörlosengerechtes“ Pflegeheim. Für viele Taube Menschen ist diese Liste eine wichtige Orientierungshilfe. Sie vertrauen darauf, dass der Verband nur solche Einrichtungen empfiehlt, die auf die besonderen Bedürfnisse tauber Menschen wirklich eingehen.
Doch nach dem Besuch von Deaf24 ist klar: Das Marienheim erfüllt diese Anforderungen nicht. Es herrscht keine barrierefreie Kommunikation, keine kulturelle Sensibilität, keine Gebärdensprachkultur – und damit keine echte Teilhabe.
Deaf24 hat den Landesverband über die Missstände informiert und gefordert, das Heim umgehend aus der Empfehlungsliste zu streichen. Bis heute kam keine Reaktion.
Vorsicht bei Empfehlungen: Kein Prüfverfahren – keine Kontrolle
Ein Blick auf die Website des LV Bayern verdeutlicht ein weiteres Problem:
„Kennen Sie weitere Heime, die in der Liste fehlen? Dann senden Sie uns bitte die Kontaktdaten.“
Diese offene Einladung lässt vermuten, dass Pflegeheime ohne vorherige Prüfung aufgenommen werden, allein auf Empfehlung von Dritten – möglicherweise sogar durch die Einrichtungen selbst. Es gibt keine Hinweise auf Besichtigungen, Qualitätskriterien oder regelmäßige Kontrollen. Auch eine Beteiligung tauber Fachleute scheint nicht vorgesehen.
Deaf24 kritisiert dieses Vorgehen scharf. Ein Pflegeheim darf nicht einfach per E-Mail-Tipp auf eine Liste gesetzt werden, ohne dass überprüft wird, ob es wirklich barrierefrei und gehörlosengerecht ist. Gerade in der Pflege zählt jeder Tag – Isolation und Missverständnisse können gesundheitliche und seelische Folgen haben.
Was bedeutet barrierefreie Pflege für taube Menschen?
Viele Einrichtungen verstehen Barrierefreiheit falsch – sie denken an Aufzüge, Rollstuhlrampen oder breite Türen. Doch für taube Menschen bedeutet Barrierefreiheit vor allem:
- Taube Pflegekräfte oder Personal mit DGS-Kompetenz
- Gebärdensprachdolmetscher bei Bedarf
- Visuelle Informationen zum Tagesablauf
- Freizeitangebote mit Kommunikation in Gebärdensprache
- Soziale Teilhabe ohne Hürden
- Kulturelles Verständnis für die Gehörlosengemeinschaft
Wenn diese Punkte fehlen, wird ein Pflegeheim zu einem Ort der Einsamkeit – statt einem Ort der Fürsorge.
Deaf24 fordert klare Konsequenzen
Der Fall Marienheim Würzburg zeigt:
- Empfehlungen des LV Bayern sind nicht überprüft
- Barrierefreiheit wird oft nur behauptet
- Taube Bewohner:innen werden vergessen
Deaf24 fordert deshalb:
- Sofortige Streichung des Marienheims von der Empfehlungsliste
- Einführung objektiver Prüfkriterien für Pflegeheime
- Regelmäßige Vor-Ort-Besichtigungen durch taube Fachleute
- Ein öffentlich nachvollziehbares Prüfverfahren – ähnlich einem Gütesiegel
Pflege darf kein Ort der Sprachlosigkeit sein. Wer taube Menschen aufnehmen möchte, muss sich aktiv auf ihre Sprache und Kultur einlassen – nicht nur im Prospekt, sondern im Alltag.
Fazit: Keine Barrierefreiheit – keine Empfehlung
Deaf24 kommt nach dem Besuch zu einem eindeutigen Urteil:
Das Marienheim in Würzburg ist nicht geeignet für taube Senior:innen. Es fehlt an allem, was eine barrierefreie, menschenwürdige Pflege ausmacht.
Der Landesverband Bayern steht in der Verantwortung. Empfehlungen ohne Prüfung sind nicht nur leichtsinnig, sondern gefährlich – weil sie tauben Menschen falsche Hoffnung machen.
Wer für Taube Menschen spricht, muss zuhören, prüfen und handeln. Und wer Pflegeheime empfiehlt, muss auch selbst vor Ort sein – nicht nur auf E-Mails vertrauen.

